Der Frühling ruft. Und die Vroni

Gestern spät abends rief mich der Nachbarsepp an und meinte, „Pixel und der Barthl rennen hier immer noch herum und machen auch keine Anstalten, nach Hause zu gehen.“

Also machte ich mich in die stockfinstere mondlose Nacht auf, um zu seinem Hof hinüber zu marschieren – nicht, um den beiden ihre Schlafanzüge und Zahnbürsten zu bringen, sondern um sie einzusammeln.

Pixel wirkte fast erleichtert, dass ich ihn an die Leine nahm, Barthl dagegen raste wie ein aufgezogener Duracellhase im Hof herum und wollte sich partout nicht einfangen lassen. Nur mithilfe der Dackelhündin Lotti, die bei uns eine Woche zu Besuch ist und die er ganz vergessen hatte, konnte ich ihn schließlich anleinen.

Anschließend saß Barthl vor der Haustür und bellte wütend, weil er wieder hinaus wollte, während Pixel daneben hockte, um sofort bereit zu sein, falls die Tür sich durch Zauberhand öffnete. Allerdings war er so müde, dass er immer wieder im Sitzen einschlief. Er sah aus wie ein alter Mann in der Oper, der immer kurz wegnickt und wieder hochschreckt.

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Barthl, total platt

Es ist nämlich so: Die Vroni ist läufig. Vroni ist der Shi Tzu-Mischling vom Nachbarsepp. Seit zwei Wochen versichert Sepp mir, das Ganze sei am Abklingen, mittlerweile habe ich aber das Gefühl, er versteht nichts von Frauen.

Es ist unmöglich, Pixel und Barthl hier zuhause zu behalten: Kein Zaun ist sicher genug, ich habe sie gestern und heute jeweils neun Mal mit der Leine wieder abgeschleppt und nach Hause gebracht. Anschließend sprang Pixel im Gästezimmer aus dem Fenster. Auch Jack versucht, sich mit dem Panzer der Willenskraft durch die kleinste Türspalte zu quetschen, sobald sich eine Gelegenheit bietet: Labradore entwickeln eine erstaunliche Kraft, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, wie ich feststelle. Er trägt zum ersten Mal, seit er hier wohnt, ein Halsband: Ich brauche einen Griff, um ihn festhalten zu können. Gegen den Überschwang der Hormone ist die beste Erziehung machtlos.

Vroni und Sepp

Vroni und Sepp vor ein paar Wochen, als das Leben noch geordnet verlief

Vronis Läufigkeit ist kein Spaß für die Beteiligten, obwohl Sepp sehr pragmatisch damit umgeht. Seit der vergangenen Woche fährt Vroni den ganzen Tag mit ihm auf dem Traktor. Dort oben ist sie vor Pixel und Barthl sicher: sie kann nicht herunter, und die beiden nicht ins Fahrerhäuschen. Aber sie ist ungehalten, was nicht zu überhören ist, und in der gleichen Tonart antworteten ihr Barthl und Jack. Stadthundebesitzer haben keine Ahnung, was es bedeutet, wenn Hunde auf dem Land in relativ freiheitlicher Umgebung läufig werden.

Bei schönem Wetter sitzt Jack den ganzen Tag in der äußersten Ecke des Zauns und heult in Richtung Biogasanlage: Dahinter liegt der Innenhof, in dem er Vroni vermutet (in Wirklichkeit höre ich sie weit entfernt ungehalten bellen: Offensichtlich wurde sie ins Haus gesperrt). Gestern nacht bellte Barthl drei Stunden lang empört die Haustür an, die unerhörter Weise geschlossen war, danach heulte er in meinem Schlafzimmer. Pixel frisst seit fünf Tagen nichts mehr und hat mittlerweile die Figur eines Spazierstocks, Barthl stopft das Nötigste in sich hinein und will dann wieder los (ich weiß jetzt, wie sie Mütter von Teenagern fühlen, die mühevoll liebevolle Mahlzeiten zubereiten, die die Kinder schnell hinunter würgen, bevor sie sich mit ihren Freunden treffen). Trotzdem haben beide fürchterliche Blähungen – wahrscheinlich liegt das daran, dass sie den ganzen Tag Schnappatmung haben. Oder sie ernähren sich aus Zeitmangel von Kuhfladen und anderem Mist – jedenfalls riechen sie entsprechend.

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Ich weiß nicht, auf welchen verschlungenen Wegen sich Barthl auf Sepps Hof bewegt, er stinkt wie in Iltis. Seine Frisur hat er mit Maschinenöl gefestigt, offenbar ist er unter irgendwelchen Treckern herumspaziert.

Also bade ich ihn praktisch täglich, falls ich ih  mal zu Gesicht bekomme, und erfreue mich an seinem frischen Duft und glänzenden Haupthaar – bis er wieder durch irgendeine Lücke abhaut. Ich komme mir vor, als würde ich mit Huckleberry Finn zusammen leben, der es zwar ganz schön findet, bei der Witwe in geordneten Verhältnissen zu wohnen, zwischendurch aber immer wieder in seinen Lumpen in seiner Tonne eine Auszeit braucht.

Ich finde mittlerweile, Kastration ist durchaus eine Alternative. Oder Hühner.

Ich danke meinem Herrgott auf Knien, dass meine Nachbarn so normal und bodenständig sind: Keiner beklagt sich über das Gekläffe – Tiergeräusche gehören hier eben dazu -, und anders, als man das von Besitzern läufiger Hündinnen bzw.  aufdringlichen Rüden in der Stadt kennt, macht Sepp macht keine Anstalten, mich für irgendwas verantwortlich zu machen .

Wir stehen das gemeinsam durch. Noch elf Tage oder so. Anschließend brauche ich Ferien.

 

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