Der Hund stammt vom Wolf ab, oder nicht?

Um die ganze Sache noch einmal klarzustellen

Vor Kurzem wurde ich wieder darauf angesprochen, dass der Wolf ja der Vorfahre vom Hund sei und man ihn dementsprechend behandeln und füttern müsse.
Ich dachte nur, „nicht schon wieder.“

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Das Problem mit dieser Überzeugung ist, dass sie zwar ein paar Elemente der Wahrheit enthält, dazu aber jede Menge Irrtümer und Überlieferungen, die in das Reich der Phantasie gehören.

Weil sich dieser Irrglaube aber direkt auf das Zusammenleben des Menschen mit seinem Hund auswirkt (z.B. Erziehungsmethoden oder Fütterung), sollten wir noch einmal darüber sprechen.

Der Haushund, der Canis familiaris, gehört zu den Karnivoren (oder Carnivoren). Zu diesen gehören 16 Familien und ca. 270 verschiedene Arten. Carnivoren werden als solche bezeichnet wegen den so genannten „Caninis“, den Reißzähnen, die alle Mitglieder dieser Gruppe besitzen. Früher nannte man die Carnivoren „Fleischfresser“, weil diese vier Reißzähne dafür da sind, Beute zu reißen und zerreißen (unsere Hündchen nehmen damit ihre Plüschtiere auseinander). Interessanterweise sind trotz diesem  Spezialgebiss gar nicht alle Carnivoren Fleischfresser: Bären, die alle  ebenfalls ein wirklich beeindruckendes Gebiss haben, sind Allesfresser, während sich der Große Panda, der ebenfalls ein gewaltiges Gebiss besitzt, fast vollständig auf Pflanzennahrung spezialisiert hat.

Hunde gehören in die Familie der Canidae und der Gattung Canis familiaris. Weitere Caniden innerhalb der Canidae Familie sind Wölfe (zwei Arten), Koyoten (eine Art) und Füchse (fünf Arten).

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Damit geht es also schon mal los: Hunde und der moderne Wolf sind zwei verschiedene Arten innerhalb der gleichen Gattung.

 

 

 

 

Haushunde und der heutige graue Wolf haben den gleichen Vorfahren: eine Wolfsart, die vor mindestens 45 000 Jahren lebte und mittlerweile ausgestorben ist. Im Vergleich sind wir Menschen (Homo sapiens) sehr eng verwandt mit dem Schimpansen (Pan troglodytes). Trotzdem ist der Schimpanse genauso wenig unser „Urahne“, wie der Haushund vom modernen Wolf abstammt. Auf die gleiche Weise, auf die wir und Schimpansen vom gleichen Urahnen abstammen, teilen sich Wolf und Hund den gleichen Vorfahren.

Die Wissenschaft ist sich noch immer nicht ganz einig über den genauen Zeitpunkt der Domestikation des Hundes. Einige Fakten sind allerdings unumstritten:

  • Die Domestikation – der Prozess, durch den der Ur-Wolf langsam zum Hund wurde -, fand vor 25 000 bis 70 000 Jahren statt.
  • Neueste Belege weisen darauf hin, dass der Hund wohl mehrmals domestiziert wurde, und zwar aus zwei unterschiedlichen, geographisch vollkommen getrennten (und inzwischen ausgestorbenen) Wolfs-Populationen, die auf entgegengesetzten Seiten des eurasischen Kontinents existierten.
  • Die Domestikation des Hundes begann zu einer Zeit, als die Menschen noch als Nomaden lebten, ihre Lager also in regelmäßigen Abständen ab- und an anderer Stelle wieder aufbauten. Unser sesshaftes Leben begann überhaupt erst vor 12 000 Jahren mit der Erfindung des Ackerbaus.
  • Der Anfang der Domestikation des Hundes war wohl zufällig. Nachdem wilde Wölfe die Hinterlassenschaften von Menschen als ökologische Nische erkannten – Essensreste und Abfälle, die in menschlichen Lagern anfielen -, begannen sie, den Lagern der Menschen zu folgen und an deren Peripherien zu leben, um die Abfälle leichter zu ergattern.
  • Um am Rande der menschlichen Gesellschaft gut überleben zu können, sorgte die natürliche Selektion für weniger ängstliche Individuen, die Menschen gegenüber eine höhere Toleranz aufwiesen. Die weniger ängstlichen Individuen hatten viel bessere Chancen, sich gut zu ernähren und fortzupflanzen, weil sie länger bei den Lagern blieben und nicht so schnell flüchteten wie die schüchternen Tiere. Diese neue Sub-Population von Wölfen ernährten sich mehr und mehr von menschlichen Abfällen statt von der Jagd.
  • Über Generationen hinweg entstand ein Proto-Hund, der sehr tolerant gegenüber Menschen war und sich dauerhaft am Rande der menschlichen Lager und Siedlungen niederließ. Dieser entstehende Hund war kleiner, hatte eine kürzere Schnauze, einen breiteren Schädel und kleinere Zähne im Vergleich zu Wölfen.
  • Auf dem Wege vom Wolf zum Hund veränderte sich der Hund auch körperlich. Kein Organ blieb gleich. Stoffwechsel und Hautwachstum sind grundverschieden bei Wolf und Hund. Hunde haben einen ganz anderen Aufbau des Verdauungsapparates. Wölfe können im Gegensatz zum Hund Stärke und pflanzliche Stoffe nicht verdauen, weil sie obligate Fleischfresser sind, während der Hund (nachdem er sich jahrtausendelang als Abfallfresser der Menschen betätigte) ein Allesfresser ist.
  • Während der Domestikation veränderte sich auch das Sozialverhalten des Wolfes. Als die frühen Hunde begannen, sich als fester Bestandteil der menschlichen Lagerstätten als natürliche Müllabfuhr zu betätigen, entspannte sich der selektive Druck auf soziale Hierarchien. Die strenge Rudelordnung konnte laxer werden, weil Rudel-Jagdverhalten nicht mehr notwendig war. Stattdessen entwickelten sich semi-einzelgängerische oder Aasfresser-Gruppen. Die Abfallfresser wurden im Laufe der Zeit immer toleranter gegenüber anderen, fremden Hunden.

Die Wissenschaft ist sich einig, dass an dieser Verzweigung des Stammbaumes von Hund und Wolf die „wilde“ Version des Wolfes ein im Rudel lebendes Raubtier blieb, während die andere sich zum Hund entwickelte, der sich darauf spezialisierte, eng mit dem Menschen zusammen zu leben. Der Hund entwickelte eine ganze Anzahl sozialer Verhaltensweisen, die ihre Fähigkeiten verbesserten, mit ihren menschlichen Versorgern besser zu kommunizieren und zu kooperieren. Man geht davon aus, dass aus diesen semi-domestizierten Abfallfressern einzelne Hunde ausgewählt und gezielt von Menschen vermehrt wurden, um sie weiter zu zähmen. Viele, viele tausend Generationen später führte die gezielte Zucht dieser Hunde zu der Entwicklung der unterschiedlichen Arbeitshunde und noch viel später zu der Erschaffung der Hunderassen.

Und wieso glauben immer noch viele Leute, dass die Hierarchie in einem Wolfsrudel sich auf den Hund übertragen lässt?

Um zu verstehen, warum manche Hundetrainer immer noch von der „Sozialen Rudel-Ordnung in Wolfsrudeln“ reden, obwohl sie doch Hunde und nicht etwa Wölfe erziehen wollen, muss man nicht weit in die jüngere Geschichte zurückgehen – nur 45 Jahre. Die Wissenschaftler der 1970er Jahre, die sich mit der Erforschung von Wölfen beschäftigten, machten ihre Studien an Wölfen, die wahllos irgendwo gefangen und dann zusammen in Gehegen gehalten wurden. Was sie dabei beobachteten, verleitete sie zu der Theorie, dass Mitglieder eines Wolfsrudels unablässig damit beschäftigt seien, ihren sozialen Status zu verbessern und permanent mit Dominanzkämpfen übereinander herfielen. Und weil noch immer die Legende von der nahen Verwandtschaft zwischen Hund und Wolf galt, ging man selbstverständlich davon aus, dass Hunde sich ganz ähnlich wie Wölfe benehmen müssten. Also begann man, den Hund als Rudeltier zu sehen, der ständig versuchte, die Oberhand – die dominante Position – zu erlangen, sei es über seine Menschen oder andere Hunde. Das Ergebnis dieses sehr populären (und falschen) Konzepts war, dass jegliches Verhalten des Hundes, das nicht mit den Wünschen seines Besitzers überein stimmte, als „Dominanzverhalten“ gewertet wurde. Der Mensch wurde angewiesen, unter allen Umständen die „Alpha“-Position über seinen Hund zu behalten – sei es über physischen Zwang oder Strafe oder Unterordnungs-Übungen, von denen man annahm, dass sie die dominante Position des Hundebesitzers über seinen Hund sichern würden.

Leider falsch.

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In dieser Erziehungs-„Methode“ sind nicht nur einer, sondern gleich eine ganze Anzahl von Irrtümern enthalten. Wolfsforscher wissen mittlerweile, dass wildlebende Wolfsrudel geschlossene, sehr gut funktionierende Familienverbände sind, in denen es keineswegs um rigide Hierarchien, aggressives Dominanzverhalten und Kämpfe um sozialen Status geht. Stattdessen erziehen Wölfe mithilfe hochkomplexer Kommunikationsfährigkeiten ihre Nachkommen gemeinsam und liebevoll, kümmern sich um alte, kranke und schwache Rudelmitglieder und führen mit empathischer Souveränität. In Wolfsrudeln gibt die ranghöchste Wölfin den Ton an, die die wichtigen Entscheidungen (wann und wo wer jagt) trifft. Wölfe meiden Konflikte und setzen auf Kooperation. Das berühmte „Auf den Rücken werfen“ oder „Am Nackenfell schütteln“ findet nicht statt. Punkt. Außer, der Wolf versucht, jemanden umzubringen. Und das findet außerhalb der Jagd nur sehr, sehr selten statt. Was manche Trainer als „Alpha-Rolle“ bezeichnen, ist dementsprechend als Erziehungsmethode schlicht nicht geeignet, außer, man ist der Meinung, eine Runde Todesangst wäre ein gutes Mittel, um jemandem etwas beizubringen. Der Friede im Rudel wird auch nicht über Aggressivität und ständige Kämpfe um den höchsten Status gewahrt, sondern über ritualisierte Gesten, mithilfe derer Kämpfe verhindert werden sollen, und kooperatives Verhalten wie gemeinsame Jagd, Futter teilen und die geteilte Aufzucht der Jungtiere.

Das soll nicht heißen, dass Wölfe niemals soziale Dominanz zeigen, oder dass die Begriffe von Dominanz oder Unterordnung als Beschreibung von Verhaltensweisen nicht gültig oder falsch wären. Aber das vereinfachte Prinzip der hierarchischen Rudelordnung eines Wolfsrudels ist mittlerweile veraltet und schlicht falsch.

Dazu kommt, dass sich unser Wissen und Verständnis der kognitiven Fähigkeiten und der Lernpsychologie von Tieren in den vergangenen Jahren maßgeblich erweitert. Wir wissen heutzutage, dass sie komplexe Gedankengänge haben, strategisch planen und perspektivisch agieren und sich sogar bis zu einem gewissen Punkt in Andere hineinversetzen zu können (also empathiefähig sind).

Wir wissen sehr viel mehr über das soziale Verhalten von Hunden als noch in den 1970ern. Um es einmal deutlich zu sagen: Hunde sind keine Wölfe. Sie bilden keine Rudel wie Wölfe, sie besitzen auch kein natürliches Streben nach Dominanz oder fordern Menschen oder andere Hunde ständig heraus, um einen höheren Status zu erlangen. Ihr Sozialleben ist unendlich viel komplexer, als dass man es mit einer simplen Dominanztheorie erklären könnte. Einer der größten Unterschiede zwischen Wolf und Hund ist die Fähigkeit des Hundes, menschliche Kommunikation zu verstehen und daraus zu lernen (sonst könnten wir uns die ganze Erziehung nämlich sparen).

Sozialverhalten und Wahrnehmung des Hundes wurden natürlich massiv durch seine Domestizierung beeinflusst. Hunde verstehen unsere Gesichtsausdrücke und Kommunikationssignale – für die Wölfe sich kein bisschen interessieren. Hunde haben jedes Interesse daran, mit dem Menschen zu kooperieren – Wölfe möchten mit Menschen möglichst nichts zu tun haben. Hunde sind zu verbindlichen Freundschaften mit anderen Hunden in ihrem Zuhause oder ihrer Umgebung fähig – Wölfe befreunden sich eher nicht mit fremden Wölfen.

Noch einmal zusammengefasst:

Cousin, kein Vorfahre

So, wie Mensch und Menschenaffen von dem gleichen Urahnen abstammen, teilen sich Wolf und Hund den gleichen Vorfahren. Ihre Entwicklungen teilten sich aber an einem bestimmten Punkt vor mindestens 20 000, wahrscheinlich eher 50 000 Jahren, an dem sich beide Arten in unterschiedliche Richtungen entwickelten.

Der älteste beste Freund

Auch wenn der Hund dem Wolf aus evolutionärer Perspektive ähneln mag, unterscheiden sie sich in vielerlei bedeutender Hinsicht. Anders als der Wolf ist der Hund eine domestizierte Gattung. Tatsächlich sind Hunde das erste Tier, dass der Mensch domestizierte – wir haben uns schon viele Tausende von Jahren mit Hunden umgeben, bevor wir anfingen, Hühner, Rinder, Schweine oder Ziegen zu halten – und lange, bevor Katzen auf die Idee kamen, mit uns zusammen zu leben (wobei sie bis heute darauf bestehen, dass dieses Arrangement ganz allein ihre Idee war, und nicht unsere).

Ein Interview hierzu mit Dr. Dorit Feddersen-Petersen finden Sie hier: http://www.lumpi4.de/wie-viel-wolf-steckt-noch-im-hund/

Quellen:

Frantz et al. Genomic und archaelogical evidence suggests a dual origin of domestic dogs. Science, 2016
Freedman AH, et al. Genomic sequencing highlights the dynamic early history of dogs. PLOS Genetics, 2014
Gacsi M, et al. Species-specific differences and similarities in the behaviour of hand-raised dogs an wolf pups in social situations with humans. Developmental Psychology 2005
Elli H. Radinger, Die Weisheit der Wölfe, Ludwig Verlag, 2017
Larsen G. et al. The genetic of how dogs became our social allies. Current Directions in Psychological Science, 2016
Mech LD. Alpha status, dominance, and division of labor in wolf packs. Canadian Journal of Zoology 1999
Miklosi A, et al. A simple season for a big difference: Wolves do not look back at humans, but dogs do. Current Biology, 2003

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2 Kommentare

  1. Ute Lilienthal-Droste

    Diese Zusammenfassung der Geschichte des Hundes gefällt mir sehr!
    Nur ein kleiner Fehler: Die Canini sind die langen Eckzähne. Die Reißzähne sind Backenzähne. Im Oberkiefer die 4. Prämolare (P4), im Unterkiefer die 1. Molare (M1). Es sind jeweils die größten Backenzähne.

  2. Petra Münich

    Super ! Es kann nicht genug Artikel zu dem Thema geben, um die veraltete Sichtweise aufzubrechen. Vielleicht gehen Sie damit ins Fernsehen? Interessant ist Lumpi4 doch allemal, damit mehr Menschen in den Genuss kommen, die dort häufig anzutreffende falsche Erziehungsmethode, zu korrigieren.

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