Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Vor drei Tagen starb Jack.

Ich wünschte, ich könnte diesen Satz einfach so stehen lassen, ohne weitere Worte. Manche Hunde gehen ganz still und leise; Jack nicht. Er war nie ein leiser Hund, er war ein großer, starker, vor Leben nur so strotzender Labrador, der laut und tief bellte, laut schmatzte, beim Trinken die Küche geräuschvoll unter Wasser setzte, im Schlaf grunzte und einem mit seinem dicken Kopf fast die Kniescheibe zertrümmerte, wenn er unbedingt an einem vorbei wollte.
Und gleichzeitig war er der bescheidenste, sanfteste und glücklichste Hund, den ich je kennen gelernt habe.

Am Donnerstag ging es Jack plötzlich schlecht. Er hatte eindeutig Bauchweh, er zog den Bauch hoch und wechselte alle vier Minuten das Lager – von der Küche ins Bett im Esszimmer, von dort in den Flur, von dort nach draußen, von dort wieder in die Küche. Nachmittags hatte irgendein Hund einen gelben Sack auseinander genommen, und ich fürchtete, er hätte vielleicht ein Stück Plastikverpackung von irgendetwas gefressen. Andererseits war er ein Labrador, mit einem Magen und Darm aus Stahl und Drahtseilen also, der schon einen kompletten Kopf einer Gummiente verspeist und wieder unversehrt ausgeschieden hatte. Der Tierarzt gab ihm eine entkrampfende Spritze.

Am Morgen darauf frühstückte er, aber im Laufe des Tages ging es ihm immer schlechter. Abends fuhr ich in die Tierklinik, wo er geröngt wurde. Es war deutlich zu sehen, dass er irgendetwas Plastik-artiges im Darm hatte. Um eine OP kamen wir nicht herum.

Jack war unglaublich fit. Er war schlank, er strotzte nur so vor Kraft, ich machte mir überhaupt keine Sorgen, dass er mit der Narkose Probleme haben könnte. Es gab sowieso keine Alternative. Ich legte ihn auf den OP-Tisch und versprach, ihn morgen wieder abzuholen. Er klopfte mit seiner dicken Rute zuversichtlich auf den Tisch.

Die Operation verlief gut; es waren tatsächlich drei Plastikteile, die er verschluckt hatte, davon ein Quietschie aus einem Spielzeug, das das gefährliche Teil war, weil es im Darm klemmte. Ich telefonierte während seines Aufwachens zweimal mit den Tierärzten, alles schien gut.

Während des Aufwachprozesses hörte sein Herz auf zu schlagen.

Ich hätte ihm so, so gerne noch zwei Jahre geschenkt. Wir hätten das auch geschafft, wenn er dieses idiotische Plastikteil nicht gefressen hätte: Auch die Tierärztin meinte, sie habe noch nie einen so alten Labrador gesehen, der so gut aussähe. Er liebte sein Leben so sehr, er nahm alles hin, was sich ihm bot an Neuem, er war unglaublich freundlich und duldsam.

Am allertraurigsten ist Barthl. Als ich mit ihm nach Hause kam, sprang Barthl strahlend und wedelnd in den Kofferraum, um seinen Lollo zu begrüßen – und erstarrte geradezu, als er Jack erblickte, hörte auf zu wedeln und sprang sofort wieder aus dem Auto. Während der drei Stunden, die ich brauchte, um ein Loch zu graben, sass er die ganze Zeit in der Garage vor dem Auto und rührte sich nicht.

Wir haben dann Jack in den Garten gelegt, damit alle Hunde sich von ihm verabschieden konnten. Sie waren verwirrt, immer wieder gingen sie wedelnd zu ihm, beschnüffelten ihn und drehten sich dann wieder um, kamen noch einmal wedelnd zurück, aber Jack reagierte immer noch nicht. Henry legte sich dicht neben ihn. Nur zum Eingraben kam keiner mit.

Jack liegt jetzt am unteren Ende des Gartens an der Stelle des Zauns, durch die er sich wie ein Panzer mit dem Kopf durchgeschoben hatte, um beim Nachbarsepp frühstücken zu gehen. Als ich den Zaun mit Holzlatten komplett abgedichtet hatte, sass er wütend bellend davor und brüllte den Zaun an, der ihn an seinem Plan hinderte.

Wir kannten uns noch nicht so lange – knapp zwei Jahre -, aber ich war immer davon ausgegangen, dass wir uns sehr lange kennen würden. Da habe ich mich getäuscht.

Phoenix aus der Asche

22 Kommentare

  1. Schmid Kathy

    Och, das tut mir sehr leid. Es gäbe dazu sehr viel oder dann eben nix zu sagen…

  2. Petra Münich

    Oh, wie traurig! Ich habe die Genesung von Jack lesend begleitet und bewundert, was durch einfühlsame und kenntnisreiche Behandlung möglich ist. Ironischerweise hatte er durch seine Krankheit sicher die beste Zeit seines Lebens, mit echten Freunden, in toller Umgebung. Run free Jack!

  3. Mein schwarzer Labrador Cuno ist auch vor ein paar Wochen gestorben (vielleicht erinnerst Du Dich noch an ihn aus der Großbeerenstrassen ) – ich denke jeden Tag an ihn … sei fest umarmt.

  4. Esther Hölsch

    Es tut mir so unendlich leid – Sie haben ihm die beste Zeit seines Lebens geschenkt und hätten noch viele gemeinsame Jahre verdient gehabt…
    Alles Liebe und ganz viel Kraft!

  5. Es tut mir sehr leid und macht mich traurig. Jacks Charakter erinnert mich außerdem sehr an meinen geliebten Goldi, der vor fast genau einem Jahr starb. Ich hätte Jack noch eine lange glückliche Zeit in seinem Hundeparadies gewünscht.

  6. Cornelia

    mein Beileid liebe Katharina von der Leyen,…………es tut immer wieder weh,…….aber es wird auch immer wieder Freude geben wenn wir unser Herz erneut verschenken,…………..es gibt Menschen die können gar nicht ohne Hunde/Tiere,………..

  7. Noemi Bossart

    Mein herzliches Beileid! Der Tag vor dem sich jeder Hundehalter fürchtet…

    Having a dog will bless you with the happiest days of your life and one of the worst days.

    Ruhe in Frieden lieber Jack!

  8. Melanie Ruoss

    Ach nein wie traurig. Ich fühle mit Ihnen und die Lücke bleibt wohl noch ein Weilchen, bis sie sich langsam schliesst und an ihre Stelle wunderbare Erinnerung treten.
    Viel Kraft und alles Gute.

  9. Karin Einsiedel

    Oh mein Gott!!!! Es tut mir soooo leid! Ich weiss noch, wie krank er war, als Sie ihn bekommen haben… und wie er aufblühte! Er hatte die denkbar schönsten 2 Jahre bei und mit Ihnen verbracht – ein Geschenk für ihn und für Sie.
    Mir kullern die Tränen, da ich selbst einen 14 Jahre alten Golden Retriever habe und um die Endlichkeit mit diesem herrlichen, lieben und für mich so einzigartigen Hund weiß…
    Alles Liebe und viel Kraft!

  10. Mein herzliches Beileid . Nachdem Ihr beide so gekämpft habt um Ihm gesund in Euer Rudel zu bekommen . Er hat noch 2 glückliche Jahre gehabt .

  11. das tut mir so leid, ich bin auch direkt wieder am flennen, habe ich doch erst im November unseren Labrador einschläfern lassen müssen. Es tut auch immer noch so weh und diese Lücke ist und bleibt riesig. Alles Gute, Bella

  12. Was für ein toller Hund Jack war! Seine Geschichte ist bezaubernd bis zum Schluss. Er hat sein Glück bei Ihnen gefunden.

    Diese Lücke … sie lässt sich nicht schließen. Bei so viel Liebe ist der Schmerz groß. Wir Leserinnen denken fest an Sie und Ihr zauberhaftes Rudel.

  13. So unfassbar traurig. Es tut mir unendlich leid. Wie wunderbar, dass Jack noch zwei so schöne Lebensjahre mit Ihnen und mit all den anderen Hunden, besonders Barthl verbringen durfte. Jack sah immer so glücklich und zufrieden aus. Ein großartiger Hund.

  14. Es tut mir furchtbar leid, liebe Katharina.
    Jack hat bei Dir erfahren dürfen, wie schön es ist, wenn jemand ihn versteht und liebt wie er ist. Es war sicherlich die schönste Zeit in seinem Leben.
    Irgendwann, wenn der Schmerz sich ein wenig verändert hat, tröstet Dich das vielleicht. Wir kennen uns nicht, trotzdem fühle Dich umarmt.
    Liebe Grüße
    Birgit

  15. Ach, wie schrecklich! Aber sehr schön geschriebener Artikel. Ich bin am Heulen und wünsche euch alle Kraft, den Verlust zu überwinden. Liebe Grüße ans ganze Rudel! ♥

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.