Phoenix aus der Asche

(aus: DOGS Mai/Juni 2018)

Jack kam dem Tod schon mal ziemlich nahe. Es war nicht sein Entschluss, sondern der seiner früheren Besitzer. Jack litt unter einem Ekzem, das seine Haut von der Schwanzwurzel bis zum Kopf in eine einzige nässende, blutige, verkrustete Wunde verwandelt hatte. Der behandelnde Tierarzt muss ein Idiot gewesen sein, er gab dem Hund innerhalb von sechs Wochen acht verschiedene Antibiotika, Pilzmittel, Kortison, ein orales Zeckenmittel, eine Wurmkur, ein Spot-On, das Verbrennungen dritten Grades verursachte, und versiegelte die suppende Katastrophe mit Blau-Spray.

Jack ist ein großer Labrador, mit schwerem Kopf und breiter Brust. Ein gehorsamer, bescheidener, sehr freundlicher Hund. Er macht alles mit. Er hielt auch aus, dass ihn monatelang niemand mehr anfasste, weil er stank und unappetitlich aussah mit den ganzen gelben, roten und durchs Blauspray grünen Krusten.

Erst, als er zu mir kam, brach ihm fast das Herz.

Er kam zu mir, weil seine Besitzer – na, seine Herrin, denn der Besitzer wollte ihn der Einfachheit halber einschläfern – mich um Rat fragten. Als ich ihnen erklärte, Ekzeme müsse man baden, meinten sie, dazu wären sie nicht in der Lage, der Hund sei zu schwer. Der Tierarzt habe ihnen nun empfohlen, den Hund nur noch mit Kartoffeln zu füttern. Da immerhin begannen sie, an dessen Fähigkeiten zu zweifeln.

Ich bot an, die Baderei und die Pflege zu übernehmen. Mit einem Fahrer wurde Jack zu mir gebracht, über 800 km. Mit seinen neuneinhalb Jahren war er vorher noch nie von Zuhause weg gewesen. Seine Familie gehörte nicht zu denen, die ihren Hund mit in die Ferien nahmen. Er gehörte zum Haus. Wo er wohnte, gab es keine anderen Hunde. Und nun war er bei Fremden gelandet, in dem eine ganze Hundetruppe ihn respektvoll, aber ratlos beäugte – bis auf Barthl, meinen Havanesermischling, der als geborener Sozialarbeiter Jack herumführte, ihm alles zeigte und dabei saß, als ich den Hund eine Stunde lang badete.

Jack hatte unglaubliche Schmerzen. Ich weiß das jetzt, wenn ich die Fotos von seinem ersten Tag bei uns mit denen von heute vergleiche: Als hätte man zwei verschiedene Hunde fotografiert. Ich kannte ihn vorher nicht und wusste nicht, ob er immer so melancholisch guckte. Heute weiß ich, dass dieser Gesichtsausdruck damals echtes Leid ausdrückte.

Jack zwei Monate später, im Oktober 2016

Jack am Tag seiner Ankunft

Seine Besitzer fragten regelmäßig, wie es ihm gehe, und bei jedem kleinen Rückschlag seiner Heilung, ob man ihn nicht vielleicht doch lieber einschläfern solle. Ich sah Jack zu, wie er hingerissen mit Barthl spielte, mein Windspiel Harry bei ihm schlief, damit er nicht alleine wäre, ihm die anderen Hunde zum Spielen aufforderten. Ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Das war kein Hund, dem man das Leben lieber ersparen sollte. Nach drei Monaten, als er wirklich wieder gesund war, hatten sich seine Besitzer an das Leben ohne Hund gewöhnt und fanden, er hätte es bei mir doch viel besser.

Meine Familie war nicht der Ansicht, dass ich mir sehenden Auges eine kanide Großbaustelle antun solle: Ein Hund mit HD, ED, Arthrose und Schilddrüsenproblemen, dem seine Züchterin vorausgesagt hatte, dass er nicht älter als fünf, sechs Jahre alt werden würde. Aber es war so offensichtlich, dass Jack dieses neue Leben großartig fand. Er zeigte jeden einzelnen Tag, dass er überhaupt nichts toller fand, als eben jeden einzelnen neuen Tag mit allem, was dieser mit sich brachte. Wer kann dazu schon Nein sagen?

Jack ist nicht der klügste Hund, den ich je hatte, aber der bestgelaunte. Seine Problemlösungs-Fähigkeiten erschöpfen sich darin, ein Hindernis einfach umzurennen oder plattzuwalzen, aber er freut sich dabei wie ein Schnitzel. Dafür macht er alles, worum er gebeten wird, aus reiner Hingabe zu mir. Jack liebt sein Leben, und das ist so offensichtlich, dass sogar völlig Fremde es auf den ersten Blick erkennen. In seinem neuen Leben hat er Pflichten und Aufgaben: In unserer Hundegruppe ist er der Oberwachtmeister Dimpfelmoser, der auf Ruhe und Ordnung achtet und darauf, dass mit keinem Hund zu doll oder ungerecht gespielt wird. Auch im Dorf ist er wer: Er ist ein „guader“ Hund, einer, der echtes Leid überwunden hat, ohne zu klagen, der nicht aufgab und schießlich wie Phönix aus der Asche mit blauschwarz-glänzendem Fell auferstand. Als er im letzten Winter solche Rückenschmerzen hatte, dass er nur mit Schreien aufstehen konnte, litten alle mit ihm – mit Rücken kennen die Bauern sich aus. Für die Leute hier ist Jack ein Held.

Anfangs kam er die steile Treppe in den ersten Stock, wo mein Arbeits- und mein Schlafzimmer liegen, nicht hinauf. Seine Hüfte tat ihm zu weh. Mittlerweile hat er in den Hinterbeinen unglaubliche Muckis aufgebaut. Dadurch sind Hüfte und Rücken entlastet, er macht lange Spaziergänge mit und läuft die Treppe hinauf und hinunter, als wäre sie breit gebaut mit herrschaftlich-bequemen, niedrigen Stufen und keine bäuerliche, hühnerstallsteile Stiege. Ich arbeite hauptsächlich von zuhause aus; die Vormittage verbringen die Hunde und ich gemeinsam in meinem Arbeitszimmer. Die Hunde schlafen, ich schreibe und laufe immer wieder auf und ab. Wann immer ich an Jack vorbei komme, kommentiert er meine Nähe mit lautem Klopfen seiner Rute, wobei der Rest seines Körpers völlig unbewegt bleibt. Er möchte auch unbedingt in meinem Schlafzimmer schlafen, was er manchmal darf. Obwohl er schnarcht wie ein betrunkener Kutscher.

Ich glaube ja, dass man alten Hunden ansieht, was für ein Leben sie hatten. Jack hat ein weiches Gesicht, seine Schnauze ist grau, sein Gesichtsausdruck voller Witz. Er liegt neben mir und sieht zu mir hoch mit unglaublich zufriedenem Blick und liebevollem Grinsen.

Er bleibt noch lange.

Unter die Haut

 

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