Zwergriese

aus:

1/2016

1/2017

Kleine Hunde sind anders. Sie sind nicht einfach nur die Verkleinerung eines „normalgroßen“, sagen wir mal: mittelgroßen Hundes. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind kleine Hunde geschäftiger, aufgeweckter, aufgeregter, lauter, größenwahnsinniger, beratungsresistenter und insgesamt wilder als „normalgroße“ Hunde.

Ich hatte immer große und kleine Hunde, meistens gleichzeitig. Jetzt habe ich den Barthl. Der ist noch „anderster“ als die anderen. Barthl ist ein elf Monate alter, dunkelroter Havaneser-Yorkshire-Mischling aus einer Animal-Hoarding-Situation, aber das hat seiner Unbescheidenheit keinen Abbruch getan. Vielleicht sogar gefördert: Wenn man einer von 100 ist, muss man eine gewaltige Persönlichkeit entwickeln, um nicht übersehen zu werden.

Kleine Hunde haben eine andere Wahrnehmung. Sie haben kein Gefühl dafür, dass sie so klein sind. Barthl hält sich für einen Irischen Wolfshund. Dass der Spiegel ihm etwas anderes sagt liegt daran, dass der Spiegel einfach nicht groß genug ist und seine Beine abschneidet. Wenn kleine Männer einen Napoleon-Komplex haben, dann ist Barthl eine Mischung aus Sarkozy und Mick Jagger: Klein, laut und nicht zu bremsen. Er hat zu allem etwas zu sagen, zu allem eine Meinung, und hält sich grundsätzlich für ein echtes Geschenk. Für alle.

Ich lebe in einem kleinen Weiler, der aus vier Höfen besteht und „Mini-Berg“ genannt wird. Im Umkreis von 25 Kilometern kennt uns hier jeder. Meinen Namen nicht, aber jeder weiß den Namen von Barthl. „Ah, der Capo vom Miniberg!“ meinte neulich ein fremder Traktorfahrer, dem Barthl sagen wollte, wo’s langgeht. Er, der so groß ist wie ein IKEA-Stofffußball, scheucht die Kaltblüter auf der Weide nebenan auseinander, wenn sie sich kabbeln und marschiert in den nachbarlichen Bullenstall, als habe er ihn gekauft. Neulich raste er mit seinem Freund, einem schwarzen Labrador, der ihm kaum folgen konnte, wie ein aufgezogener Spielzeughase über die Plane des Silos vom Nachbarhof – es sah aus, als habe er einen Gletscher erklommen. Die Bauern betrachteten ihn anerkennend: „Des wär’ a echte Tierquälerei, wenn der in der Stadt leben müsst’!“ fanden sie.

IMG_8070Auf einem anderen Hof in der Nähe spielte er mit den Enkeln, die wild sind wie er. Bis ihm langweilig wurde: Erst nahm er den Komposthaufen auseinander, dann rupfte er dem Hahn alle Schwanzfedern aus und brachte sie stolz zu mir. Er sah, zugegeben, sehr komisch aus: Trotzdem hätte das die nachbarschaftlichen Beziehungen empfindlich beeinträchtigen können, wenn er nicht so einen Charme hätte- und die Nachbarn nicht so viel Humor. Weil er so klein ist und so süß, wird ihm alles verziehen, dem Höllenhund.

Die Hahnenfedern waren dabei nur das Ende in der Schneise seiner Zerstörungen: Jeder Schuh ist angekaut, jeder Fitzel Papier geschreddert. Er hat zwei Brillen komplett mit Bügeln und Gläsern verspeist, öffnet alle Handtaschen, sitzt mit völliger Selbstverständlichkeit mitten auf dem Tisch, wenn man nach Hause kommt und hat im ganzen Haus zweimal einen Stromausfall verursacht, weil er Kabel angefressen hatte – wie erst der spürsinnige Elektriker herausfand.

Er ist natürlich nicht „böse“ oder außer Rand und Band. Er hat in seinem kleinen runden Kopf nur mehr Einfälle, als irgendwer zählen kann. Barthl braucht nur sehr wenig Schlaf und nimmt in der Zwischenzeit alles zwischen die Zähne – bis man ihm sagt, dass er das nicht darf. So ordentlich kann’s gar nicht sein, dass da nichts auf der Strecke bleibt.

Sechs Windhunde sind nicht so anstrengend wie ein Barthl. Wenn er nicht so niedlich und so unglaublich komisch wäre, hätte ich ihn längst mit einem Bindfaden an einer Raststätte angebunden. Dann wiederum denke ich mir: Vielleicht ist ein Löwenherz, ein unbestechlicher Wille und ein großartiger Sinn für Vergnügen gerade das, was mir noch gefehlt hat.

Und er ist hinreißend, wenn er schläft.

10 Kommentare

  1. Melanie Ruoss

    Liebe Frau von der Leyen

    Sie wissen ja, man bekommt die Hunde, die man verdient 🙂

    Und à propos Löwenherz: wer weiss wozu das noch gut sein wird, vielleicht rettet er Ihnen oder einem der anderen Hunde mit seinem Mut mal das Leben??? Auf jeden Fall ist der Barthl ja unersetzbar, für alle in der Nachbarschaft und als Duracell-Häschen ja für die allgemeine Belustigung zuständig – das ist ja eine sehr wichtige Aufgabe.

    Ja, ja, so hat ja jeder seinen Job im Leben – auch die Vierbeiner !!!

    Liebe Grüsse, ich freue mich riesig über weitere Geschichte aus dem von der Leyen’schen Haushalt.

    Melanie Ruoss

  2. Petra Münich

    Stimmt genau, meine Papillonhündin ist nervenzerfetzend laut, pfeilschnell, passt auf, wie ein Schiesshund, motzt und grummelt, wenn sie etwas will, tritt gegen Gießkannen, wenn sie trinken will. Wozu zum Napf gehen und geht jeden Hund an, egal wie groß. Dagegen ist mein Dobermann von buddhistischer Gelassenheit. Wäre sie ein Dobermann, auweia. Mit 12 Jahren ist sie nur ein klitzekleines bisschen ruhiger.

  3. Sie beschreiben den großen Bartel so hinreißend …
    Danke dafür

    Ich besitze einen kleinen Havi, der zum Glück dem Bartl nicht das Wasser reichen kann, aber Charme besitzt er wie kein anderer und hat die Büromannschaft voll im Griff
    Noch alles liebe und viele Geschichten wünsch ich mir

  4. Mein Reden ….kleine Hunde haben es insich und für manch ein Exemplar kann man getrost zwei Große halten und hat immer noch mehr Ruhe. Klarer Vorteil, es wird nicht langweilig und einsam ist man auch nicht…..und jaaa sie halten sich für groß…größer …viiieeelll größer !
    Aber sie sind toll, wenn man sie lässt und nicht alles verbietet oder aus lauter Angst weil sie so klein sind….man darf und kann ihnen sehr wohl viel zutrauen.
    Ich finde ihre Hunde ja sowieso alle super und traumhaft, aber Barthl ist Barthl und sticht nicht nur wegen seiner “Größe ” hervor und ehrlich gesagt -haben sie den Schatten gesehen auf dem Foto….vielleicht täuscht uns unser Auge, aber ich sehe dort einen großen Windhund

    Wie immer liebe Grüße aus Hamburg ,
    Manuela Kleetz

  5. Kathrin Dettmar

    Der Montag war heute gerettet. Ich habe mich beim Lesen vor Lachen fast nicht mehr halten können. Bitte weitere Geschichten von dem kleinen Hund und herzlichen Dank.

  6. Charlotte

    *lol*
    Zu den Hahnenfedern fällt mir etwas ein. Wir hatten ein Pärchen “Unzertrennliche”, er wurde 18 Jahre alt, sie 17.
    Die durften fliegen und unser Dackel wollte ihnen nichts tun. Der Dackel brachte mir sogar einmal einen aus dem Nest gefallenen Jungvogel im Maul, den wir dann aufgezogen haben.
    Aber das Männchen der Unzertrennlichen flog dem liegenden Dackel einmal so an der Schnauze vorbei, dass der instinktiv zugeschnappt hat, sehr leicht aber er hatte das ganze Maul dekoriert mit Schwanzfedern und unser Pup konnte nicht mehr fliegen, bis sie wieder nachgewachsen waren. Diese Federn sitzen sehr fest und niemand hat gerissen. Ich habe jetzt in einer Reportage gehört, dass Vögel in Panik die Schwanzfedern einfach auswerfen können. Das könnte eine Erklärung sein.
    Vielleicht ist der Kleine also gar nicht so schlimm und der Hahn hat nur zu wenig Nervenstärke.

  7. René Hessler

    Das erinnert mich an “Schorsch” ( siehe Foto:*Kolumne* mit Ida),
    der, jeden Kronkorken und Grashalm xtra untersuchen mußte aber auch mit Fritz und Harry durch die Botanik düste … Siehe “Barfen für Fortgeschrittene”

    LG aus Bärlin

    • René Hessler

      …ahhhh sorry,uf dem Foto is natürlich “Luise”
      Aber bei gefühlten 100 Hunden kann Mann schon mal durcheinander kommen.

  8. Minu Trassob

    Meine kleine meint auch sie sei die grösste und tollste und auch ihr wird alles verziehen, weil sie so süss und niedlich ist. Wenn ich dann noch erzähle, sie wurde in Spanien in einer Mülltonne gefunden, darf sie sowieso alles. Ich habe Bekannte und Verwandte, da dürfen keine Hunde ins Haus, geschweige denn aufs Sofa. Chilly darf das. Chilly darf alles. Ausnahmslos. Es ist schon spannend, was so ein kleines, Strassenhündchen mit den Menschen macht. Ich hab sie sogar mal in ein Krankenhaus geschmugglet und die Pfleger, sogar der Oberarzt haben nur gelächelt und wollten sie streicheln 😉
    Zum Glück hat sie keinen Zerstörerdrang wie Barthl hihi Schuhe und sonstiges Zeug interessiert sie nicht die Bohne. 🙂

    Bitte mehr solche Geschichten, nicht nur von Barthl, von allen ihren Hunden. Finde es so spannend und lustig, sie haben einen so herrlich erfrischenden Schreibstil, dass ich immer nach Hause gehe und meinem Freund all ihre Posts vorlese (ob er will oder nicht ;-))

    Liebe Grüsse aus der Schweiz

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