Lästern Sie nicht über Pudel!

bildvom 21.3.10

Als Hundebesitzer muss man sich immer wieder ungefragt die erstaunlichsten Bemerkungen von wildfremden Menschen anhören. Als ich noch Möpse hatte, blieben manchmal unvermittelt Leute auf der Straße stehen und erklärten mir ohne Scheu: „Meine Güte, sind die hässlich! Die sind so scheußlich, dass sie schon fast wieder schön sind!” – Ich möchte mal wissen, wie diese Menschen reagieren würden, wenn ich derlei ungebeten über ihre Brille oder den Umfang ihrer Oberschenkel sagen würde. Seit ich Pudel habe, sind es Vorurteile anderer Art, die mir begegnen. „Pudel?” tönt es ungläubig. „Sind die nicht total dusselig?” Tatsächlich sollte man Pudel wie Menschen nicht mit ihrer Frisur verwechseln. Der Pudel gilt nämlich neben dem Border Collie als intelligentester aller Hunde. Wenn er zum Idioten frisiert wird, dafür kann er nichts, und für zuviel Liebe in all’ ihren seltsamen Facetten auch nichts. Vor langer Zeit, als die Menschen noch keine Schermaschinen erfunden hatten, was der Pudel ein Jagdhund für die Wasserarbeit: Das Wort „Pudel” stammt von „Pfudel”, altdeutsch für Pfütze. Geschoren wurde er nur ein bisschen, um ihm die Wasserarbeit zu erleichtern: Aus kurzen Locken läuft das Wasser auch sofort ab, und der Hund ist im Nullkommanix wieder trocken. Man ließ die Haare an der Brust länger, um die Lunge zu schützen, schor die Beine und Hinterteil ab, damit er besser schwimmen konnte, und ließ Flecken auf die Nieren, damit die schnell wieder warm würden. Die Franzosen mit ihrem Hang zu grandiosen Übertreibungen machten daraus den Continental-Clip, mit dem das arme Tier aussieht wie eine Mischung aus Plüschtier und Dolly Parton und zum Ziel unendlicher Witze und Vorurteile wurde – vom „Oma”- über „Zirkushund” bis dahin, der Pudel sei „kein richtiger Hund”, bleibt ihm nur wenig erspart. Goethe gar wollte in „des Pudels Kern” sogar den Teufel erkannt haben – besonders nah kann er ihm nicht gekommen sein, sonst hätte er statt des Pudels einen der vielen Terrier gewählt.
Die Wahrheit über den Pudel kennen nur die, die ihm einmal ins kluge Mandelauge geblickt haben. Ich habe bekanntlich zwei Pudel, die einander charakterlich überhaupt nicht ähneln, und äußerlich nur, indem sie beide einen sportlichen Kurzhaarschnitt tragen. Der atavistische Jagdtrieb muss vor Generationen aus Idas Blutlinien verloren gegangen sein: sie kann kein Reh von einer Ziege unterscheiden; Kaninchen findet sie reizend, Schüsse und Totschlag erschüttern sie. Einmal verfolgte sie zwei Stunden lang eine Kröte mit einem Gesichtsausdruck, als traue sie ihrer eigenen Nase nicht: Ida ist kein Jäger, sondern erforscht interessiert das Leben niederer Kreaturen. Sie ist ein begeisterter Schwimmer. Luise dagegen, die gegen Jagd ganz und gar nichts einzuwenden hat, kneippt lieber, als dass sie schwimmt. Keine von beiden hat je an der Tür Handschuhe und Hut der Gäste entgegengenommen, für sie Klavier gespielt, auf dem Seil getanzt oder gesungen – sie haben allerdings gelernt, eine Rezeptionsklingel zu bedienen, wenn sie einen Keks haben möchten. Das energische „Ping!” ist unter keinen Umständen zu überhören.
Pudel sind Philantropen. Nicht, dass sie uns Menschen ändern wollten: sie wollen vollenden. Pudel sind Utopisten. Sie glauben nicht nur an uns, sie hoffen auch, durch ihr Beispiel an Milde, Humor und Toleranz uns Menschen ihnen ähnlich machen zu können. Und wirklich sind hier schon die denkwürdigsten Erfolge zu verzeichnen gewesen: Ich beobachte das an mir selbst. – Sie hätten mich mal früher kennen lernen sollen.

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