Wir werden nicht mehr alt, nur älter

bildvom 5.9.2010

Ich kenne einen Hund, der gerade 20 Jahre alt geworden ist: Betsy, eine sehr kleine Zwergspitzmischlingshündin, die Freunde vor 19 Jahren mit gebrochenem Becken auf einem Golfplatz gefunden haben. Seither regiert sie mit charmanter, aber unnachgiebiger Art den Haushalt, der außer ihren beiden Besitzern noch aus zwei weiteren Hunden besteht, einer davon ein ziemlich großer Golden Retriever – woran man sieht, das echte Führungspersönlichkeit weder etwas mit dem eigentlichen Alter zu tun hat (soviel zu dem Geschrei um die Rente mit 67), noch mit physischem Alter. Man ist so alt, wie man sich fühlt, nicht wahr, auch wenn das in meinem Fall an manchen Tagen 267 Jahre sind.
Falls Sie es nicht besser wissen: 20 Jahre ist für Hunde unglaublich alt. Normalerweise werden Hunde zwischen zehn bis fünfzehn Jahre alt, sehr große Rassen wie Doggen oder Irische Wolfshunde schaffen häufig nur sieben, acht Jahre. In herkömmlichen Hundejahren gerechnet ist Betsy also eigentlich schon tot, denn 140 Jahre steht ja niemand durch außer Abraham damals im Alten Testament, der schaffte immerhin 175 Jahre. Sein schärfster Konkurrent ist bis heute Johannes Heesters.
Betsy ist allerdings mit Johannes Heesters nicht zu vergleichen, obwohl sie auch hart im Nehmen zu sein scheint: Sie ist im Verhältnis ungleich jugendlicher und hüpft und springt noch völlig selbstständig. Das liegt nicht an ihren möglicherweise besseren Genen, sondern weil das legendäre Verhältnis 1:7 von Hunde- zu Menschenjahren keine Allgemeingültigkeit hat – nicht einmal ansatzweise. Unterschiedliche Arten und Rasen altern unterschiedlich rasch, auch Gewicht, Übergewicht, Ernährung, Genetik und Umweltfaktoren spielen eine Rolle. Ein einjähriger Hund ist meistens längst mit der Pubertät durch (außer, es handelt sich um mein Windspiel Fritz, der aus seiner Pubertät seit eineinhalb Jahren nicht herauskommt), was in keiner Weise mit einem sebenjährigen Kind korreliert, was immer die nabokovschen Lolita-Phantasien auch suggerieren mögen. Im Allgemeinen stimmt die Entsprechung ein Hundejahr = sieben Menschenjahre wohl nur in den „mittleren Jahren”.
Das erste Jahr eines Hundes entspricht einem Menschenleben vom Baby bis ins Teenager-Alter, ein zwei Jahre alter Hund korreliert mit einem jungen Erwachsenen von etwa 24 Jahren. Danach entspricht jedes Jahr im Leben eines Hundes ungefähr vier Menschenjahren. Passender ist es, die einzelnen Altersstufen zu größeren Kategorien zusammen zu fassen: Baby, Kleinkind, Kind, Jugendlicher, junger Erwachsener, Erwachsener, Erwachsener in mittleren Jahren, Erwachsener fortgeschrittenen Alters, Senior, Greis.
Ich finde das überhaupt eine sehr angebrachte Art der Rechnung. Das eigentliche Alter sagt heutzutage doch überhaupt nichts mehr aus, sondern ist nur noch eine Zahl: Fünfzig ist das neue dreißig, heißt es allerorten, Frauen bekommen mit Anfang 40 Kinder, als wäre nichts dabei, und sehen Sie sich mal Demi Moore samt Körper genauer an: ist die nun ein Erwachsener in mittleren Jahren – was sie mit ihren 48 laut Papiere wohl wäre -, oder ein Erwachsener? Wenn ich mir Fotos von meiner Großmutter ansehe im Alter von 46, war sie damals ein Erwachsener fortgeschrittenen Alters (was sie dafür aber auch unverändert für den Rest ihres Lebens blieb). Meiner Mutter, die Anfang siebzig ist, würde mich in manchen Momenten immer noch als Pubertistin bezeichnen und sich selbst jederzeit als jugendlichen Erwachsenen, aber das ist möglicherweise ein Sonderfall.
In jedem Fall finde ich eine solche Kategorisierung eine viel gerechtere und sympathischere Sache, als diese harten, nackten bezifferten Altersangaben, Sie nicht? Was sind schon Zahlen – Schall und Rauch.

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