Cesar Millans Denkfehler, oder: Warum Strafe bei Hunden nicht funktioniert

Cesar Millan hat ein paar ganz gute Ansätze in seiner Erziehung. Er ist ein starker Anführer, weshalb Hunde, die einer klaren Führung bedürfen, ihm gerne folgen. Millan zeigt Hunden, die bisher überhaupt nicht trainiert oder erzogen worden sind Grenzen auf. Manchmal funktioniert es – immer dann, wenn er nicht „Führung“ und „Grenzen setzen“ mit „Dominanz“ verwechselt. Sehr schwierig wird es allerdings, sobald Millan mit aggressiven Hunden zu tun bekommt. Es gibt nicht einen einzigen Fall, bei dem Cesar Millan bei aggressivem Verhalten des Hundes diesen dafür nicht körperlich bedroht, nicht mit Würgehalsband, Füßen oder Hinwerfen einzunorden versucht hat, oder indem er den Hund so am Halsband hochgezogen hat, dass der Hund nur noch auf seinen Hinterbeinen stehen konnte. Das Ergebnis war in keinem einzigen Fall ein Hund, der anschließend sichtlich ruhig und gelassen, mit entspanntem Rücken und Rute an dem jeweiligen Störfaktor vorbeispaziert ist, der vorher bei ihm aggressives Verhalten ausgelöst hat. Die Hunde bellten nach Milans Intervention vielleicht nicht mehr oder gingen erst einmal nicht mehr aggressiv vor – aber nur, weil der Mensch, der körperliche Strafen eingesetzt hatte, direkt neben ihnen stand. Ihn behielten sie im Augenwinkel, damit ihnen nicht noch einmal etwas passierte. Wenn sie überhaupt etwas gelernt hatten, dann nur, dass der Mensch neben ihnen furchtbaren Ärger machte, wenn sie aggressiv wurden. Sie hatten nicht gelernt, dass es gar keinen Grund gab, aggressiv zu werden, dass der Hund da vorne gar nicht angebellt/angegriffen werden musste, dass man jemanden ruhig an seinem Futternapf vorbei gehen lassen konnte, ohne Angst zu haben, dass das Futter verschwinden würde.

Das Problem ist, dass Millan nichts über moderne Trainingsmethoden weiß, die auf Gehirnforschungen basieren. Er blendet aus, dass ein Gehirn, dass in Angst und Schrecken versetzt wird, nicht mehr lernfähig ist: Es ist schlicht unmöglich, irgendwelche Informationen zu verarbeiten, wenn im Gehirn nur eine Botschaft läuft: Nämlich „Mayday! Mayday! Mayday!“

Aggressives Verhalten beim Hund ist schwierig zu beheben, unter anderem deshalb, weil es normalerweise beim Besitzer oder Hundeführer sehr komplexe Emotionen auslöst. Obwohl Aggression für Hunde ein ganz normales Verhalten ist – normalerweise übrigens ein massives Abwehrverhalten, weil der Hund gelernt hat, dass er dann in Ruhe gelassen wird -, ist es Menschen unangenehm, peinlich, und außerdem bekommen sie Angst. Es ist sogar eine Art persönliche Beleidigung für manche Hundehalter, die die hervorragende Pflege und Versorgung ihres Hundes sehr ernst nehmen. Aggressives Verhalten ist eine furchtbare Aufgabe, denn ein Hund, der beißt, ist vollkommen unakzeptabel, dabei ist es ja unser Hund, den wir eigentlich lieben und wunderbar finden wollen.

Es ist also kein Wunder, dass wir dementsprechend nach Methoden suchen, die uns schnelle Lösungen versprechen. Wenn ein Hund auf andere Hunde losgeht, rucken wir an seiner Leine, legen ihm ein Stachelhalsband um, geben ihm einen Tritt (oder im Fall von Cesar Millan: Korrigieren ihn mit einer Berührung mit unserem Fuß) oder würgen ihn. Denn wenn die Korrektur sofort und massiv genug erfolgt, müsste der Hund dann nicht sofort merken, dass dieses Verhalten ein „No-Go“ ist?
Tatsächlich sind Strafen dieser Art schlecht, weil sie dem Hund nichts beibringen. Sie unterbrechen sein Handeln möglicherweise kurz, aber weil ihm niemand zeigt, welches Verhalten wir uns stattdessen wünschen, macht er weiter – entweder gleich, oder aber beim nächsten Mal. Im Übrigens wird er wahrscheinlich die körperliche Strafe mit dem anderen Hund (oder was immer es ist, das ihn gerade so aggressiv ist) verknüpfen und noch wütender werden: Gelassenheit lernt er durch eine massive körperliche Strafe jedenfalls nicht, dabei ist es doch das, was wir uns wünschen: Ein Hund, der unbeeindruckt und entspannt an einem anderen Hund vorbei geht.
Außerdem kann es zwar sein, dass ein körperlicher Einsatz das aggressive Verhalten jetzt und in diesem Moment unterbricht – im Laufe der Zeit wird die Korrektur aber immer stärker werden müssen, um den ursprünglichen Schreck aufrechtzuerhalten, das aggressive Verhalten zu unterdrücken. Das bedeutet also, die Strafe kann irgendwann für den Hund gefährlich werden. Hinzu kommen lauter katastrophale Nebeneffekte, die gewöhnlich auftreten, wie etwa Hypervigilance, Angst, Vertrauensverlust in den Besitzer, impulsives/explosives Verhalten, Hyperaktivität, vermehrte Aggression, die durch minimale Provokation ausgelöst wird, Zurückgezogenheit und das Meiden sozialer Kontakte mit Menschen/bestimmten Menschen, das Abstumpfen von Schmerzempfinden bzw. Albernheit und Spielvermögen und depressive Stimmungen.

Ich kenne einen Hund, bei dem es viel schwieriger wurde, mit den Nebeneffekten seiner aversiven Erziehung mit Würgehalsband, Bedrohung etc. gegen sein aggressives Verhalten gegenüber anderen Hunden umzugehen, als mit seinem originären Verhalten, dass auf diese Weise behoben werden sollte. Anstatt ab und zu andere Hunde anzuknurren, reagierte er hochaggressiv auf alle Hunde, die ihm begegneten. Er bekam Angst vor bestimmten Umfeldern, in denen er sich vorher wohl gefühlt hatte. Er traute sich nicht mehr an Mülleimern vorbei (irgend ein Trainer hatte immer, wenn er einen anderen Hund anknurrte, mit einem Stock auf Mülltonnen geschlagen, um ihn in seinem Verhalten zu unterbrechen), fürchtete sich vor Laken, die auf Wäscheleinen flatterten, und Stoppschildern.

Strafe kann die Beziehung zu unserem Hund zerstören. Wir wollen, dass sich unsere Hunde in unserer Nähe sicher fühlen, nicht bedroht. Angst verhindert den Lernprozeß – bei Tieren ebenso wie bei Menschen. Wenn die Bedrohung von der „Quelle des Lernens“ (dem Hundebesitzer) ausgeht, kann der Hund nicht mehr lernen.

Eine andere, große Gefahr, die von „Bestrafung“ ausgeht, ist außerdem, dass sie für den Bestrafer befriedigend ist. Bestrafung ist eine Art positiver Verstärkung für den Bestrafer, weil wir uns dadurch ein bisschen abreagieren können. Es lässt uns glauben, dass wir das Problem „gelöst“ haben. Beim nächsten Mal werden wir versucht sein, härter und schneller zu bestrafen.

Bestrafung ist nicht nur ein Risiko (wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass aggressive Hunde, die mit aversiven Maßnahmen trainiert werden, zu 70% irgendwann ernsthaft zubeißen), sondern bringt dem Hund auch nicht bei, wie er sich eigentlich stattdessen verhalten soll. Der Hund lernt nicht, wie er sich beim nächsten Mal benehmen soll, wenn er wieder in der gleichen Situation ist. Er lernt nicht, dass die bellenden Hunde hinter dem Zaun ihm nicht gefährlich werden können, der Hund am Horizont mit ihm gar nichts zu tun haben will, nicht jeder große schwarze Hund ihn fressen möchte und Männer mit Hut gewöhnlich harmlos sind. Er lernt nur, dass die Situation, die ihn sowieso anspannt, beunruhigt und aggressiv macht, tatsächlich Gefahren birgt – und zwar von der Person, auf die er sich eigentlich verlassen soll.

Und das ist das Schlimmste, was einem in der Hundeerziehung passieren kann.

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