Dominanz. Gibt’s, nur nicht so oft.

Foto: Debra Bardowicks
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Das Wort „Dominanz ist wahrscheinlich das am häufigsten missbrauchte Wort in der Hundeerziehung: Sobald ein Hund nicht tut, was er soll, wird er als „”dominant” bezeichnet. Meistens ist er dabei nur schlecht erzogen.
Natürlich gibt es dominante Hunde, so, wie es auch dominante Menschen gibt (ich persönlich würde mich als durchaus dominante Persönlichkeit bezeichnen), aber die sind viel, viel seltener, als gemeinhin angenommen wird. Eine wirklich dominante Persönlichkeit hat nicht das geringste Problem damit, die Führung zu übernehmen und mit einer gewissen Autorität Entscheidungen zu treffen. Das bedeutet aber keineswegs, dass dieser Hund sich nicht führen lässt oder aggressiv ist. Sehr viele dominante Hunde versuchen keineswegs, „die Führung” zu übernehmen und wären sehr zufrieden, wenn ihr Besitzer diese Aufgabe übernehmen würde.
Der Mensch tut es nur häufig nicht. In diesem Fall übernimmt der dominante Hund oder “Kopfhund”, wie Jäger das nennen.
Mein Pudel Luise ist ein absoluter Kopfhund, will heißen: Sie ist eine dominante Persönlichkeit. Sie lässt sich aber von mir ohne Weiteres führen und ordnet sich gut unter. Sie ist souverän, wohlerzogen und bellt so gut wie nie – das erledigen ihre Underdogs für sie. Luise lässt bellen.
Dominanz ist auch nicht synonym mit Aggression. Meistens sind stattdessen gerade die Hunde aggressiv, die eben kein Anführer sind, diesen Posten aber gerne übernehmen würden – soziale Emporkömmlinge, sozusagen. Es gibt Rassen, die als „dominante” Rassen gelten, beispielsweise Rottweiler oder Bulldoggen, Pyrenäenberghunde oder Bullmastiffs: Geborene Führungspersönlichkeiten sozusagen.

Viele Leute verwechseln bei ihrem Hund Selbstbewusstsein oder Forschheit mit Dominanz. Viele selbstbewusste Hunde wollen keineswegs “Entscheidungen treffen” oder “die Führung übernehmen”, sondern schlicht mehr Action. Sie wollen mehr erleben, langweilen sich schnell – wie z.B. Jack Russell Terrier, Weimaraner oder manche Border Collies, die JETZT SOFORT ihr Ziel erreichen wollen. Solange dieses Ziel ist, ihrem Besitzer zu gefallen, ist der Besitzer glücklich; wenn das Ziel das Jagen von Kaninchen oder Einkreisen fremder Schafe ist, ist der Besitzer meist weniger vergnügt. Diese Hunde sind häufig sehr sensibel, “Strafen” als Erziehungsmaßnahmen helfen gar nichts, sondern sorgen nur dafür, dass der Hund nicht mehr vertraut, unsicher und ängstlich wird – und trotzdem das macht, was er machen will.

Auch unabhängige Hunde wie Salukis, Huskies oder viele Terrierarten sind meistens keineswegs “dominant” – sie sind einfach ganz zufrieden damit, ihr eigenes Ding zu machen, ohne dass sich der Mensch einmischt. Ein unabhängiger Hund kann seinen Besitzer durchaus sehr lieben, er ist nur nicht so daran interessiert, seinem Besitzer zu gefallen. Wenn es etwas gibt, dass diesem Hund sehr gefällt, wird er sich um dieses Interessensgebiet bemühen, ohne sich besonders um seinen Besitzer zu kümmern. Dementsprechend muss man diesen Hunden viel Abwechslung bieten, um sie zu überzeugen, dass “Mitmachen” sich für sie lohnt.

Dann gibt es noch die dickköpfigen Hunde, die mit einem starken Willen. Terrier sind die Paradebeispiele für diese Charaktereigenschaft, ebenso Shiba Inus, Dackel und oder Australian Shepherds. Diese Hunde machen durchaus, was sie sollen, wollen aber meistens erst einmal wissen, inwiefern es sich für sie lohnt: Für Mindestlohn arbeiten diese Hunde nicht. Diesen Hunden muss man beibringen, dass es in ihrem eigenen Interesse ist, dem Menschen nachzugeben: Das sind die Hunde, die man fabelhaft mit Keksbelohnungen überzeugen kann und mit denen man am besten durch kurze Trainings-Einheiten zum Erfolg kommt.

Ziemlich mühsam sind auch die Hunde, die sich sehr leicht ablenken lassen. Sie tendieren dazu, ihren Besitzern ihre geschätzte Aufmerksamkeit nur mal kurz zuteil werden zu lassen. Viele Windhunde wie Salukis und Afghanen finden den Horizont meist viel interessanter als ein Auge auf ihren Besitzer zu halten; Beagle lassen sich sehr leicht von den vielen Gerüchen am Boden überwältigen. Sobald diese Hunde abgelenkt werden, verlieren sie ihren Fokus auf ihren Menschen oder die Aufgabe, die ihnen gerade gestellt wurde – eine Art Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom. Solche Hunde zu erziehen ist nicht einfach, weil man ständig Fokus-Übungen mit ihnen machen muss.

Deshalb ist es so wichtig, seine Hunde genau zu beobachten: Damit man nicht gegen seinen Hund und seine Persönlichkeit arbeitet, sondern mit dem Hund zum Team werden kann.

Wollen Sie wissen, wie es mit meinen Hunden aussieht? Luise ist ein dominanter Hund, der außerdem sehr selbstbewusst ist und sich sehr leicht langweilt (versuchen Sie mal, mit ihr viermal hintereinander die gleiche Übung zu machen: Pfffft. Nach dem zweiten Mal macht sie nicht mehr mit, sondern gähnt und setzt sich hin.).
Harry ist extrem leicht ablenkbar (er hat ADS sozusagen erfunden), eher schüchtern, gleichzeitig nervös und hat dickköpfige Tendenzen mit sehr geringer Impuls-Kontrolle – er denkt nicht lange nach, bevor er reagiert (will heißen: Er gibt einem kaum Warnung, bevor er etwas tut, was ein rechtzeitiges Eingreifen schier unmöglich macht. Deshalb kann ich mittlerweile auch Gedankenlesen). Harry war sozusagen mein personifizierter Hochschulabschluß in der Hundeerziehung.
Fritz ist ebenfalls ein Anführer, selbstbewusst mit starkem Willen und gleichzeitig leicht ablenkbar. Macht mir nichts aus; kann ich.
Gretel ist selbstsicher, aber nicht dominant, sie kann sich sehr gut konzentrieren, sie macht mit und ist leicht motivierbar, weil sie grundsätzlich daran interessiert ist, es mir recht zu machen. Sie lernt gut aus Fehlern, ordnet sich mir und anderen Hunden ohne Probleme unter, ist zufrieden mit ihrem Gruppen-Status und trällert den ganzen Tag ein Lied.
Also nix für Leute, die eine Herausforderung suchen. Aber denen überlasse ich gerne mal alle vier: Denn dann kommt zu den ganzen interessanten Persönlichkeiten noch die Gruppendynamik hinzu.

Und was ist mit Ihren Hunden?

 

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Dominanz: führende Rolle, Führerschaft, Überlegenheit, Übermacht, Vorherrschaft, Vormachtstellung, Vorrangstellung; (bildungssprachlich) Präpotenz, Superiorität

    Überlegenheit. “…und bellt so gut wie nie – das erledigen ihre Underdogs für sie.”

    Unterdogs… Rangordnung? Wird die ausdiskutiert oder in vielen (oder meisten, oder allen?) Fällen mehr oder weniger durch das Dominieren eines Unterlegenen ausgemacht?

    Es geht also eigentlich IMMER um Dominanz. Dominanz ist aber nicht Gewalt gegen einen Anderen. Wenn der Hund irgendwo was feines schnuppert, sie ihn rufen und er sich dafür entscheidet zu ihnen zu kommen, sollte das in einer gesunden “Rudel”-Partnerschaft (Paradoxes Wort) aus Anerkennung Ihrer Führerschaft sein. Nicht weil es ein Leckerchen gibt und nicht, weil man sich durch Spiele interessant macht.
    Der Weg dahin, dass der Hund eben diese Entscheidung trifft ist doch der Knackpunkt und für jeden Hund wohl unterschiedlich. Auf der Schäferhundplatz erreichen sie es mit harten Mitteln, eine Man-Trailerin würde ihre Beziehung wohl eher als partnerschaftlich beschreiben, aber am Ende ordnen die Hunde doch ihre eigenen Bedürfnisse (Schnuppern, Jagen, Fortpflanzen) den Bedürfnissen ihrer Halter unter (im besten Fall). Und Unterordnung hat wie gesagt was mit Überlegenheit zu tun (muss nicht körperlich sein) und das ist nur ein anderes Wort für Dominanz.

    Es geht doch bei dem ganzen Thema gar nicht mehr um die Sache an sich, sondern um den krampfhaften Versuch, das Wort “Dominanz” aus der Hundepsychologie zu verbannen.

  2. p.s. und am Ende ist die Tatsache, das Ihr Hund nicht rausstürmt sobald sie die Tür aufmachen ein klares Zeichen dafür, dass er Ihre Führerschaft anerkennt. Das bedeutet aber nicht, dass sie sofort der Packleader No. 1, wenn Sie sich morgen vor ihrem scharrenden Hund aus der Tür schieben.

  3. Es geht im Text ja vor allem darum, dass Hunden andauernd “Dominanz” unterstellt wird, die in Wirklichkeit nur unausgelastet oder ungezogen sind. Das ist keine Dominanz, sondern mangelnde Erziehung.

    “Dominieren” bedeutet, jemanden zu beherrschen. Ich “beherrsche” meine Hunde nicht, ich führe sie. Und nein, die Rangordnung wurde unter meinen Hunden nicht durch Unterdrückung eines anderen Hundes etabliert: Luise war ein ausgemachter Kopfhund, und die anderen Hunde haben sich ohne den Hauch einer Auseinandersetzung ihrer Führung angeschlossen. Es gibt viele Persönlichkeiten (unter Hunden wie unter Menschen), die gar keinen Führungsanspruch haben und vollkommen zufrieden mit der zweiten, dritten oder vierten Stellung in der Gruppe sind. Und ich glaube durchaus, dass meine Hunde meine “Führungskraft” anerkennen, weil ich interessant bin, und zwar weil ich für Spiele, Abenteuer und zwischendurch für sensationelle Kekse sorge – also für Motivation. Denn das bedeutet Führen: Jemanden entsprechend seiner Fähigkeiten lenken und motivieren können. Das ist das Gegenteil von dominieren. Natürlich mache ich zwischendurch klare Ansagen, sonst könnte ich nicht mit vier Hunden reibungslos zusammen leben und reisen. Ich nenne das Erziehung. Ich kenne zahllose Hunde, die (gerade auf Schutzhundplätzen), die sehr gut ausgebildet sind, aber keinerlei Bindung zu ihren Hundeführern haben. Aber sie sind sehr gut untergeordnet; sie funktionieren, weil sie “dominiert” werden, und das nicht gerade sanft. Ich kann meine Hunde (die ja ausgesprochene Hetzrassen sind) von Rehen abrufen, weil ich ihnen gezeigt habe, dass es sich lohnt, zu mir zu kommen. Nicht, weil sie mit Todesstrafe rechnen müssen, wenn sie ungehorsam sind. Ich kenne das auch aus der Jagdhunderziehung: Die guten Hunde sind die, die mitdenken dürfen, die gelernt haben, sich einzubringen. Die, die mit Dominanz-Theorien und klassischer Unterordnung ausgebildet wurden, sind meistens nicht die kreativen, interessanten, genialen Arbeitshunde.

    • Wir sind zwar keine Hunde oder Wölfe, aber wenn der Rudelführer eine Jagt oder etwas vergleichbares abbricht, kommen dann die untergeordneten Hunde zu ihm, weil es sich lohnt, oder weil er einfach den Ton angibt?
      Nur weil es zu keiner körperlichen Auseinandersetzung gekommen ist, heisst das noch lange nicht, dass sie sich nicht untereinander dominiert haben.
      Dominieren bedeutet nicht beherrschen. Zumindest nicht immer. Deshalb habe ich die Wortbedeutung gepostet.
      Hunde die mit unteren Rängen zufrieden sind, haben halt keine stark ausgebildete Dominanz, sie werden halt von den anderen dominiert.
      Warum folgt der Hund ihrer Erziehung? Weil er sich unterordnet, weil sie dominieren. Nicht gewalttätig oder körperlich, sondern souverän.

      “Die guten Hunde sind die, die mitdenken dürfen, die gelernt haben, sich einzubringen. ”
      Sie bringen sich ein, sie ordnen ihre Bedürfnisse denen der Gruppe unter. Wieder Dominanz.

      Dominanz ist nicht zu verwechseln mit Unterdrückung, also Angst des Hundes vor Strafen.

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