Aggression bei Hunden

Man macht sich wenig beliebt mit einem Hund, der andere Hunde mobbt, jagt, bedroht oder sich gar auf sie stürzt. Die meisten dieser Hunde sind dabei keine geborenen Raufer, sondern erst dazu erzogen worden. Und das nicht von bösen, aggressiven Besitzern, sondern meist von sehr freundlichen, ängstlichen, unsicheren Hundehaltern, die jeden fremden Hund schon von weitem wahrnehmen und ihren Hund am liebsten zu verkehrsarmen Zeiten und vor allem an der Leine spazieren führen, denn man weiß ja: Rüden beißen einander grundsätzlich, und Hündinnen mögen ihresgleichen auch nicht, und wenn die sich erst in die Haare bekommen, ist das schlimmer als alles andere.
Das ist schlichtweg falsch. Egal, was Sie alles gehört haben: Auf jeder Hundewiese, in jedem Park spielen und kommunizieren Hunde jeden Geschlechts überwiegend sehr vergnügt miteinander. Sie beriechen einander, zeigen vielleicht ein bisschen Dominanz-Gehabe und spielen. Und es sind meistens auch gar nicht die dominanten Hunde, die sich zu Raufern entwickeln, sondern viel häufiger die Unsicheren, nicht so selbstsicheren, die den anderen mit den Zähnen etwas beweisen müssen – weil sie sich von ihren Besitzern nicht genügend beschützt fühlen.
Die Erziehung zum Beißer geht normalerweise so: Der Hund wird hauptsächlich an der Leine geführt, schon als Welpe, damit er nicht weg läuft. Kommt ein anderer Hund, wird die Leine möglichst kurz und sehr straff gehalten, während der fremde Hund vom Herrn mit großer Anspannung und Beunruhigung beobachtet wird. Der angeleinte Hund kann nun weder aus dem Weg, noch schnell weiter gehen, sondern ist dem gespannten Arm seines Herrn ausgeliefert: Wenn er sich also fürchtet, bleibt ihm nichts anderes übrig, als seinem Streß mit Knurren und Zähnefletschen Ausdruck zu verleihen. Nicht nur das: Jetzt wird er von seinem Herrn auch noch „beruhigt“: „Gaaaanz ruhig, blooooß keine Aufregung, ist ja alles guuuut!“, und dazu wird er noch gestreichelt. Weil Hunde aber nur den Tonfall, nicht die Worte verstehen, denkt das zähnefletschende Hündchen, es würde für sein Drohverhalten gelobt. Wenn sich das noch einmal wiederholt, hat das Hündchen folgendes gelernt: „Also, wenn ein anderer Hund kommt, wird’s sehr aufregend: Mein Herr wird nervös, wenn ich aber knurre und geifere, haut der andere Hund wieder ab. Bestens.“ – Ein super Rezept, um einen Raufer heranzuziehen: wirkt immer und bei absolut jedem Hund.
Um Ihren Hund wieder umzuerziehen, brauchen Sie Nerven und so viel Selbstvertrauen, dass es für Sie beide reicht: Ihr Hund zeigt womöglich deshalb aggressives Verhalten, weil er das Gefühl hat, Sie könnten nicht auf sich selbst aufpassen, und er müsse Sie vor der Welt beschützen. Wenn Sie selbst ängstlich, unsicher oder aggressiv sind, überträgt sich das auf Ihren Hund. Strahlen Sie also Selbstbewusstsein, Sicherheit und damit Führungsqualität aus, damit Ihr Hund das Gefühl hat, dass er sich auf Sie verlassen und also entspannen kann.
1. Lassen Sie ihn nicht überall und andauernd markieren. Es ist kein Grundrecht, andauernd sein Bein zu heben und Besitzrechte zu demonstrieren. Damit grenzen Sie übersteigertes Revierverhalten schon einmal ein. Normales Pieseln ist keine Dominanz-Demonstration, permanentes Markieren schon.
2. Schreien Sie Ihren aggressiven oder bellenden Hund nicht an, schlagen Sie ihn sowieso nicht, nehmen Sie nicht die Leine kurz und bleiben angesichts des fremden Hundes stocksteif stehen: Schreien und dergleichen macht Hunde nur noch aggressiver. Lassen Sie Ihren Hund Sitz machen, möglichst mit dem Rücken zu dem Hund, der ihn aufregt, gehen Sie Achten, lassen Sie ihn Platz machen, sprechen Sie fröhlich mit ihm, beschäftigen Sie ihn.
3. Lassen Sie Ihren Hund nie mit Tatütata auf andere Hunde losstürmen: Er soll bei Ihnen bleiben, bis Sie z.B. eine Hundegruppe im Park gemeinsam erreicht haben, dann darf er mit einem beiläufigen „Ok“ dazu.
4. Erlauben Sie ihm nicht, fremde Hunde hinterm Zaun anzubrüllen, auch wenn die es tun: Sie gehen ruhig an dem Zaun vorbei, sprechen Sie gutgelaunt mit Ihrem Hund. Er darf nicht einmal zu dem anderen hinschauen.
5. Ist Ihr Hund von der Leine, und Sie treffen auf einen erklärten Feind Ihres Hundes, gehen Sie zügig und ohne sichtbare Nervosität in die andere Richtung, um nicht in das fremde Territorium einzudringen und Ihrem Hund keinerlei vermeintliche Rückendeckung zu geben. Mit großem Abstand geben Sie Ihrem Hund außerdem die Möglichkeit, dem anderen Hund zu signalisieren: „Tut mir leid, aber ich kann grad nicht – ich muß hinter meinem Herrn her, wir haben Termine.“
6. Wenn Sie sehr unsicher sind, oder Ihr Hund inzwischen ein sehr ausgeprägtes Aggressionsverhalten zeigt, legen Sie ihm einen Maulkorb an. Kümmern Sie sich nicht darum, was andere Leute denken oder sagen könnten, Tatsache ist, dass Ihr Hund mit Maulkorb niemanden verletzen kann, und das wird zu Ihrer Entspannung beitragen, während Sie trotzdem ein konsequentes Programm mit ihm beginnen: Sitz, Platz und Fuß im Angesicht anderer Hunde. Das Maulkorbtragen müssen Sie allerdings schon zuhause anfangen zu üben, legen Sie ihm Leckerli in den Maulkorb, lassen Sie ihn nur kurz auf, machen Sie kein Theater und ignorieren Sie es, falls Ihr Hund sich anstellt.
7. Verabreden Sie sich mit einem anderen Rüden, den Ihr Hund auf dem Kieker hat, der aber seinerseits nicht aggressiv ist: Er soll in Sichtweite Sitz oder Platz machen. Spazieren Sie mit Ihrem Hund an der durchhängenden Leine herum, seien Sie unerhört entspannt und achten Sie auf die Körpersprache Ihres Hundes: Macht er sich steif, geht er mit verkürzten Schritten? Pfeffern Sie ihm ein strenges „Nein!“ an den Kopf. Gehen Sie schnurstracks in eine andere Richtung. Er darf sich nicht nach dem anderen Hund umsehen, sondern soll auf Sie achten. Gehen Sie zügig um Bäume herum, halten Sie Ihren Hund in Aktion, spazieren Sie wieder in Sichtweite des anderen Hundes, diesmal etwas näher, gute 20 m entfernt. Jedes geringste Interesse an dem anderen Hund wird sofort mit einem „Nein!“ korrigiert, Sie gehen eine Acht, lassen ihn Sitz machen, gehen wieder auf den Hund zu, wieder „Nein!“, usw. Machen Sie das in dieser Weise an mehreren Tagen hintereinander, damit Ihr Hund „abstumpft“ und lernt, an dem anderen nicht interessiert zu sein. Sobald Ihr Hund beim Anblick des anderen entspannt bleibt, gehen Sie gemeinsam spazieren, nebeneinander, aber so, dass Ihrer im Zweifelsfall nicht plötzlich rückfällig werden und den anderen packen kann. Unterhalten Sie sich über irgendetwas, nur nicht über die Hunde. Sie werden sehen: Es wird helfen. Und wenn es bei dem einen Hund hilft, schaffen Sie das Programm auch bei den anderen „Feinden“. Natürlich dauert das eine Weile: Es hat ja auch eine ganze Zeit gedauert, bis Ihr Hund zum Raufer wurde, das lässt sich also nicht innerhalb einer Woche abstellen. Aber so haben Sie immerhin etwas, worauf Sie sich freuen können.
8. Wenn Ihr Hund vor allem knurrt oder droht, weil er ängstlich oder schüchtern ist, müssen Sie ihn zu mehr Selbstvertrauen erziehen: Geben Sie ihm Aufgaben, bringen Sie ihm Kunststücke bei, machen Sie mit ihm Agility in einer Hundeschule, damit er wunderbare Erfolgserlebnisse mit Ihnen erlebt. Sobald er aggressives Verhalten zeigt, muß er ruhig und beharrlich korrigiert werden, ohne weitern Streß zu erzeugen.
9. Ein echtes Problem haben Sie, wenn es zwischen Ihren zusammen lebenden Hunden zu echter Feindschaft gekommen ist. Die Hundehalter glauben meist, dass dies aus heiterem Himmel eingetreten ist: Das ist allerdings immer ein Irrtum. Sie sind stattdessen ein sicheres Zeichen für schon lange schwelende Dominanzprobleme, die der Mensch einfach nicht erkannt hat, und immer wieder die echte Rangordnung der Hunde ignoriert hat: Meist hat der Mensch den Hund, den er zuerst hatte, als Anführer behandelt und dabei ignoriert, dass längst der jüngere, stärkere Hund die Oberhand übernommen hatte. Wenn Hunde in einem Haushalt so weit sind, dass sie sich sozusagen „nicht mehr riechen“ können, können Sie es leider nicht mehr ändern: Einer von beiden muß in ein neues Zuhause umziehen.
Oder Sie.

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