Ich liebe Tiere. Mmmmhhhm. – Brief von Harry

Foto: Nicole Munninger
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Ich weiß, dass Du das nicht hören willst, aber ich bin einfach nicht so nett wie Du. Ich finde es zwar wundervoll, mit Dir zu kuscheln und in Deinem Bett zu schlafen, aber unter meiner dünnen Lage Fell bin ich sehr wild. Ich will Fleisch. Und ich will es nicht einfach nur essen. Das auch. Aber ich will mein Fleisch selber jagen und fangen und es dann essen. Ich finde nichts toller als den Hühnerhof um die Ecke mit den ganzen freilaufenden Hühnern. Es müsste so einen Spaß machen, die zu fangen!
Ich habe kein wirklich schlechtes Gewissen deswegen. Ich habe auch überhaupt nicht begriffen, wozu Du neulich das Kaninchen der Nachbarin angeschleppt hast. Du hast dann beruhigende Musik angemacht und sehr sanft mit mir gesprochen, während Du mir diese Schachtel zeigtest, in der dieses fluffige kleine Ding saß. Du hast ziemlich schnell kapiert, dass das Kaninchen und ich keine Freunde werden würden. Darum hast Du es wohl auch zu den Nachbarn zurückgebracht, die es in einem riesigen Käfig untergebracht haben, der von allen Seiten zu und gesichert ist, in das ich einfach nicht hineinkomme. Bisher.
Ich weiß, dass Du Dir eine Welt wünschst, in der das Lamm zusammen mit dem Löwen liegt. Du hast mir das sogar mal auf einem Gemälde gezeigt – als ob mich so etwas überzeugen könnte. Es war ja nur ein Bild. Und obwohl ich diese beiden Tiere nicht persönlich kenne, bin ich stark davon überzeugt, dass die einzige Art und Weise, die beiden nur dann zusammen liegen, wenn das Lamm bereits im Löwen liegt.
Das hält Dich nicht davon ab, mich ändern zu wollen. Jeden Morgen machen wir zusammen den Sonnengruß und Yoga zusammen. Leider kann ich nur eine einzige Pose, den herabschauenden Hund. Danach gibt es für mich eigentlich nicht mehr zu tun als an der Yoga-Matte zu kauen und Dein Gesicht abzulecken, sobald Deine Augen geschlossen sind. Manchmal fange ich ein paar Morgenfliegen. Die sind so früh morgens noch sehr träge und ziemlich schwer zu kauen.
Dann streust Du mir irgendwelche ausgleichenden Kräuter ins Futter, aber irgendwie sorgen die bei mir für Sodbrennen und machen mich noch ein bisschen gemeiner als sonst. Amseln, paßt auf! Kaninchen, nehmt euch in Acht! Ich bin ein zwar sehr kleines, aber gefährliches Tier, durch dessen Adern heißes Jagdblut rinnt.
Ich glaube, tief in meinem Inneren will ich gar nicht wie Du sein. Ich wünschte, es wäre anders. Es ist bestimmt nett, ein Pazifist zu sein. Aber dann wäre ich anders als praktisch jedes Tier auf der ganzen Welt. Und das ist einfach nicht normal. Oder natürlich.

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