Nenn’ mich nicht Mutti

bildvom 1. November 2009

Ich bewundere Hunde immer wieder für ihr fabelhaftes Familienleben: Es gibt einfach keine Beschwerden. Sie machen nimanden für eine ruinierte Jugend verantwortlich. Junge Hunde rollen nicht grundsätzlich mit den Augen, wenn ihre Mutter ihnen irgendetwas mitzuteilen versucht, und sei es, dass es regnet. Sie werfen ihren Eltern nicht vor, dass ihr Familienleben nicht so war, wie in dem Film „Beethoven”, ungefähr das Equivalent zu den „Waltons” für Menschen: Hunde entwickeln keine fixe Idee von einem perfekten Familienleben, und sind nicht bis ans Ende ihres Lebens mit ihren Eltern beleidigt und brauchen jahrelange Therapien, wenn sich ihre Vorabendserienvorstellung eines Familienlebens nicht erfüllt. Hundemütter befürchten nie, dass ihre Sprösslinge vielleicht keine Genies sein könnten, sie wälzen sich nicht nächtelang herum, ob das Kleine je glücklich werden wird, ob es nicht Klavierspielen lernen sollte oder sich vielleicht mit den falschen Leuten einlässt. Ohne Sentimentalitäten keine Sorgen.
Ich habe das Familienleben von Hunden jahrelang studiert und bin überzeugt, dass Hunde besser dran sind.
Zuerst einmal sind die meisten Hundemütter alleinerziehend, weil der DNA-Spender gewöhnlich auf irgendeine Expedition geht, sobald er kann, und das ist sehr bald. Er schreibt nie und kommt auch nie zu Besuch, und die Mutter seiner Kinder macht sich auch keinerlei Gedanken, ob er manchmal an sie denkt. Den gleichen Mangel an Sentimentalität demonstriert die Mutterhündin auch im Umgang mit ihrem Nachwuchs. Sechs Wochen lang – aber wirklich nicht länger – kümmert sie sich aufopferungsvoll um die Kleinen, füttert sie, wäscht ihre Ohren (für angemessene Bekleidung ist bereits gesorgt), beschützt sie vor aufdringlichen Katzen, alten Damen und Wespen, macht sauber und rettet die Welpen, wenn sie sich unter Möbelstücken festklemmen. Und das alles ohne laute, demonstrative Besorgnis und Alarm oder übertriebene Dienstleistungshaltung gegenüber dem Kind, die man manchmal bei uns Menschen beobachten kann.
Nach sechs Wochen schnappt sie eines Morgens nach dem Frühstück nach ihren Sprösslingen und bedeutet ihnen zu verduften. „Das war’s, für immer”, informiert sie ihre Welpen knapp. „Ich muss mein eigens Leben leben, Autos jagen, nach Joggern schnappen, Kaninchen verfolgen. Ich kann nicht bis ans Ende meiner Tage dicke, sechs Wochen alte Hunde füttern und sauber halten. Diese Phase meines Lebens ist vorbei.” Hiermit endet das kanide Familienleben, und die Mutterhündin entledigt sich der Gedanken über ihre Welpen so leicht, wie sie das schon mit deren Vater gemacht hat. Damit ist sie frei, kann sich ihrer Karriere widmen und den ganz neuen, erstaunlichen Dingen des Lebens.
Die Welpen ihrerseits versuchen nur wenige Wochen lang, ihre Mutter zu einer Wiederherstellung des vormaligen gemütlichen Kinderstubenlebens zu überreden. Aber eines Tages, aufgrund irgendeines natürlichen Wunders, das ich nicht verstehe, erkennen die Welpen ihre Mutter plötzlich nicht mehr, und sie erkennt die Welpen nicht mehr als ihre eigenen. Es ist, als wären sie sich nie begegnet, und das scheint eine wunderbare Idee zu sein: Auf diese Weise bekommen beide Parteien die Gelegenheit für einen neuen Anfang.
Meine schwarze Pudelhündin Luise, die ein außergewöhnlicher, besonders schlauer Hund ist, begegnete eines Tages ihrer Mutter. Aus einer Laune der Natur heraus schien sie sie nach all den Jahren glückseliger Unwissenheit plötzlich wieder zu erkennen. Gemeinsam jagten sie eine Runde Kaninchen, und Luise verletzte sich irgendwie an ihrem langen, lockigen Ohr. „Mutter”, sagte sie, „sieh’ dir doch bitte mal mein Ohr an.” Die andere Pudelhündin grummelte und trat beiseite. „Ich bin nicht deine Mutter”, knurrte sie. „Ich bin die Königin der Kaninchenjäger.”
Luise grinste. „Ach so”, sagte sie, nur um zu zeigen, dass sie nichts übelnahm. „Das ist auch nicht mein Ohr. Das ist ein Topflappen.”

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