Die Wahrheit, weshalb unser Nachbarshund andere Hunde hasst

bildvom 22.7.2012

Brief von Luise
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Ich weiß, es ist kein einfaches Thema. Unsere Nachbarin ist eine reizende Frau, die jeden einzelnen Hund liebt, den sie trifft. Bei ihr darf man alles. Wir waren da mal einen Nachmittag lang, als sie ein paar Stunden auf uns aufpassen sollte. Wir durften dort auf dem Sofa sitzen und bekamen lauter Leberwurstbrote. Ohne die Rinde, die wurde vorher abgeschnitten. Unser Junghund Gretel war damals noch sehr klein und beeinflussbar, die hat sich von diesem Eindruck bis heute nicht erholt und hofft bei jeder Mahlzeit erneut, dass es Leberwurstbrot ohne Rinde gibt. Was soll ich sagen.
Vor ein paar Monaten ist bei der Nachbarin eine Hündin eingezogen, die aus einem anderen Land kommt und wohl aus unschönen Verhältnissen stammt; jedenfalls hat sie anderen Hunden gegenüber kein Benehmen. Die Nachbarin läuft mit freundlichem Gesichtsausdruck herum und hat an der Leine dieses graue Ding, das knurrt und kläfft und schäumt beim Anblick anderer Hunde. Zum Teil iegt das natürlich an der Leine: Da kann man sich benehmen, wie man will, ohne dass es echte Konsequenzen hat. Aber in Echt mag sie einfach keine anderen Hunde. Klingt komisch, is’ aber so.
„Was hat meine süße Luna nur?” fragt die Nachbarin. Sie fragt jeden, und jeder hat eine andere Antwort. Ihr Hundetrainer sagt, Luna bekäme nicht genügend Auslauf, aber das sagt er bei jedem Hund, der sich anders benimmt, als er es versteht. Die Hundepsychologin hat gesagt, Luna würde sich wohl an irgendeinen Hund erinnern, der sie angefallen haben muss, als sie noch ein Welpe war. Wirklich? Glaubt Ihr wirklich, sie wurde als Welpe von Pudeln gebissen, von Windspielen und langhaarigen Katzen?
Die Schwester der Nachbarin hat gesagt, Luna sei eben eine aggressive Rasse. In Luna dürfte ungefähr jede Rasse schlummern, die je erfunden wurde, und noch ein paar zusätzliche. Daraufhin fiel der Schwester ein, Luna wäre als Welpe eben nicht richtig sozialisiert worden. Was soll das überhaupt bedeuten? Wurde die Nachbarin vielleicht je richtig sozialisiert? Glaub’ ich nicht, bei der Schwester.
Der Hundetrainer hat gesehen, wie nett Luna mit Menschen umgeht, und hat sich eine weitere Theorie überlegt. Er sagt, Luna sei eben ein Menschen-Hund, keine Hunde-Hund. Tja. Mir ist nicht ganz klar, wie diese brilliante Erkenntnis irgendjemandem weiter helfen soll. Aber ich verstehe sowieso kein Wort von dem, was er sagt. Der Tierarzt meinte, die Nachbarin und Luna seien jetzt ein Rudel, und darum würde Luna die Nachbarin eben verteidigen. DAS macht Sinn – naja, es kommt der Wahrheit jedenfalls ziemlich nahe. Es ist nämlich genau umgekehrt: Luna verteidigt nicht die Nachbarin, sondern sich selbst.
Sie brauchen mir nicht glauben, ich bin hier ja nur der Pudel. Aber soweit ich das sehe, gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Hundeliebhabern. Es gibt jeden Tag mehr und mehr Hunde, die ein Zuhause brauchen, aber nicht mehr Leute, die einen Hund aufnehmen. Das ist nun einmal die Realität (nicht jeder lebt, wie ich, bei einem Menschen, der ein handfestes Hundesucht-Problem hat und nicht weiß, wie viele Hunde genug Hunde sind). Und das bringt Luna in Konkurrenz mit jedem anderen Hund, der ihr begegnet. „Hau’ bloß ab!” kreischt sie. „Das ist MEIN Mensch, du kriegst ihn nicht! Der geht dich nix an!”
Und das ist die Wahrheit. Und der Trick scheint ja auch zu funktionieren, denn die beiden sind noch immer zusammen.

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