You’ve come a long way, baby

Liebeserklärung an einen Hund

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Foto: N. Munninger

Das muss man sich mal vorstellen: Mittlerweile ist Nano seit beinahe drei Jahren bei mir. Nur noch wenige Wochen fehlen bis zum echten „Jubiläum“ am 3. März. Als abgemagerter, kranker, zerlöcherter und vermilbter Pflegehund zog er hier ein und war gekommen, um zu bleiben, was scheinbar alle wussten außer mir – meine Hundesitterin, meine Putzfrau oder der Ehemann meiner langjährigen, geradezu historischen Leserin Frau Burmeester.

Wir haben einige Höhen und Tiefen erlebt in diesen drei Jahren, er hat mir vieles beigebracht, er hat mich zwischendurch wahnsinnig gemacht – aber er ist absolut mein Hund geworden, auf eine ganz erstaunliche Art und Weise. Er hat sich natürlich sehr verändert in den drei Jahren, in denen wir zusammen sind – von einem unsicheren Junghund, der nichts kannte und nichts vom Leben gesehen hatte, ist ein sehr souveräner, humorvoller, unglaublich loyaler Erwachsener geworden. Tatsächlich ist der ganzen Truppe gegenüber: Wenn Aslan zu doll mit Barthl spielt und Jack mit seinen schmerzenden Knochen nicht schnell genug ist, geht Nano sofort dazwischen (dabei würde er nie mit Barthl spielen; dafür spielt und spielt und spielt er mit Aslan, endlose, atemberaubende Rennspiele, bei denen sie sich gegenseitig Beute in Form irgendwelcher Stofftiere abjagen). Er hängt unglaublich an Jack – wenn ich den ollen Labrador mit heiß-feuchten Handtuchrollen massiere, kommt er dazu und leckt Jacks Fell ab, wenn Jack weint, weil ihm die Knochen bei der Kälte so furchtbar weh tun, kommt er sofort angerannt, um nach ihm zu sehen, wenn Jack vor Schmerzen nicht aufstehen kann, legt er sich neben ihn ins Hundebett. Und wenn Jack vor Schmerzen etwas unleidlich ist mit Barthl oder einem anderen Hund, stellt er sich sofort schweigend und mit strengem Blick dazwischen: Unfrieden duldet Nano nicht. Bei aller Liebe teilt er dennoch mit keinem anderen der Hunde sein Bett – außer mit Gretel. Die beiden liegen zusammen wie ein altes Ehepaar: Man kennt sich so lange und so gut, dass man sich reflexhaft gleich hinlegt, gleichzeitig umdreht, einander nicht stört.

Nano, der in Spanien in einem Verschlag gehalten wurde und nichts anderes zu sehen bekam, als andere Galgos und wohl noch die Kettenhunde, die die Galgos des Jägers bewachen sollten (was nicht dazu geführt hat, dass Nano bis heute Schäferhunde besonders sympathisch findet), bewegt sich mittlerweile mit der Selbstverständlichkeit eines Gunter Sachs durch die Welt. Buchgeschäfte, Cafés, Innenstadt, Besuche bei Freunden – kein Thema. Musste ihn anfangs ein Zweiter festhalten, wenn ich ihm die Krallen schneiden wollte, machen wir die Pediküre inzwischen ganz & gar beiläufig – wenn er gerade irgendwo herumsteht, hebe ich seine Pfoten an, kürze die Krallen, er geht weiter: Eine Angelegenheit von keiner Minute. Nano ist hinreißend geduldig mit Kindern, obwohl sie uns ja alle nicht gehören, sogar mit Kindern, die noch so klein sind, dass sie ein bisschen grob sind (oder grob sind, weil sie wissen wollen, was dann passiert: Er geht dann einfach ein Stück weiter weg). Er begleitet mich mit der distinguierten Lässigkeit eines gesellschaftlichen Profis. Modeproduktionen, Blitzlichtgewitter, Fernsehstudios – keine große Sache. Reisen, fremde Leute, Seminare, Hauskonzerte, Lesungen, Hotels – Nano macht alles mit. Er ist anders als die anderen Hunde, irgendwie schweigsamer (obwohl er beim Spielen gerne und viel bellt), er wirkt nachdenklicher, geradezu intellektuell. Was natürlich Blödsinn ist, aber er scheint tatsächlich erst zu denken, dann zu reagieren.

Natürlich ist er ein richtiger Hund – eine Jagdsau, seit wir hier mitten unter so viel Rehwild leben, dass wir keinen einzigen Spaziergang machen, ohne dass wir Rehen begegnen, weshalb er hier wirklich nicht mehr ohne Leine laufen darf. Dabei haut er nicht kopflos ab – er ist ja erzogen, er weiß, was ich von ihm erwarte. Er bleibt bei mir, lässt

15825795_1204408899613414_5545062361733792455_nsich dann vermeintlich trödelnd zurückfallen – und wenn ich mich einen Moment auf einen der anderen Hunde konzentriere, ist er wie vom Erdboden verschluckt. Weg. In Luft aufgelöst.

Was ein moralischer No-Go ist in einer größeren Hundegruppe – egal, wie viel ich mit den Hunden arbeite: Gruppendynamik ist eine starke Kraft. Also fahre ich für den Freilauf weg aus unserem paradiesischen Umfeld und gehe dort, wo kein Wild ist, denn ich mag Rehe.

Ohne Wild in der Nähe ist Nano die Ausgeglichenheit in Person: Aufmerksam, freundlich, wohlerzogen; er lässt sogar älteren Herrschaften an Wegen und Treppen stets den Vortritt.

Neulich gingen wir an der Salzach spazieren, und mir fiel plötzlich auf: Nano ist das Konglomerat aus allen Männern, mit denen ich je zusammen war. Dunkel, schmal, schön, eitel, Künstler oder Rockstar (jedenfalls einfühlsam, kreativ, verständnisvoll und gleichzeitig auf narzisstische Weise vollkommen mit sich selbst beschäftigt), einer, der keinen Druck aushalten kann, keine Vorschriften oder gar Kommandos akzeptiert, einen großen Radius braucht – aber trotzdem nie verloren geht.

Ach du meine Güte.

 

 

siehe auch:

Hunde aus zweiter Hand

Gleich & Gleich