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Mangelsyndrom beim Hund

In B.A.R.F.er-Kreisen wird oft behauptet, Tierärzte seien „gegen“ Frischfleischfütterung, weil sie lieber Futter von großen Herstellern verkaufen wollen, o.ä.Tatsächlich ist es eher so, dass Tierärzte natürlich eher kranke Hunde zu sehen bekommen und nicht die gutaussehenden, top-gesunden Hunde, die mit ausgewogenen Barf-Rationen ernährt werden, sondern eben genau die Hunde, die durch unausgewogene Ernährung mehr oder weniger massive Mangelerscheinungen aufzeigen – und entsprechend mißtrauisch werden, wenn ihnen immer wieder Patienten erzählen, sie würden “barfen”, aber ganz offensichtlich keinen echten Plan dabei haben. 

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Denn gerade im Bereich des Barfens existieren so viele Mythen und Missverständnisse, dass einem die Haare zu Berge stehen können. Der Hund lebt eben nicht vom Fleisch allein, und auch die Zugabe von Gemüse und Obst allein reicht nicht aus: Er braucht zusätzlich Jod, Zink, Kupfer, Selen und bestimmte Spurenelemente.

Trotzdem glauben viele Leute, man könne einen Hund sein Leben lang „pi mal Daumen“ ernähren und halten Rationsberechnungen oder so genannte B.A.R.F. – Profile für überflüssig. Dabei sind eben diese Rationsberechnungen eine einmalige Ausgabe von ca. 120 Euro, die für viele Jahre absichern, dass der Hund alles bekommt, was er braucht. Wenn er älter wird, sollte man eine zweite Rationsberechnung machen lassen, weil sich die Nährstoffbedürfnisse des Hundes mit den Jahren normalerweise ändern.

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Mangelerscheinungen erkennt man nicht sofort und nicht einmal in absehbarer Zeit, sondern sehr oft sogar erst nach ein paar Jahren. Überlegen Sie mal: Bei Menschen sieht man Mangelerscheinungen (z.B. durch viel und regelmäßiges Rauchen, Alkohol, Drogen, vitaminarme Ernährung) auch meistens erst nach zehn bis zwanzig Jahren – wieso sollte man sie einem Hund äußerlich nach zwei Jahren oder sogar nur ein paar Monaten ansehen können?

Mangelsyndrome können aber dazu führen, dass der Hund Unverträglichkeiten oder sogar Allergien entwickelt. Über einen normalen Bluttest lassen sich Mängel der Minerale und Spurenelemente nicht nachweisen.

Folgender Fallbericht macht deutlich, wie wichtig eine ausreichende Nährstoffversorgung ist  – und bei der Frischfleischfütterung eine Rationsberechnung als Überprüfung.

Dieser Schäferhund wurde einem Berliner Tierarzt vorgestellt:cache_2458089248

Als junger Hund hatte er wiederholt juckende Hautprobleme an diversen Hautregionen, zeigte zeitweise Haarverlust auf dem Nasenrücken (war nie im Ausland). Er bekam immer wieder Kortison, zuletzt als Tabletten 50 mg Prednisolon (1 x täglich ca. 3 Wochen lang), wiederholt im Abstand von ca. 3-4 Wochen über mehrere Jahre.

Seit 2010 (der Hund war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt) wurde er gebarft -> Verschlechterung.

2013 bis Anfang 2014 Homöopathische Therapieversuche -> Verschlechterung.

Seit Dezember 2013 hatte der Hund Konjunctivitis und lokale Dermatitis in der Augenumgebung –> Biopsie –> Granulozyten vermehrt nach bakterieller Infektion.

Daraufhin bekam er vier Wochen lang Clavaseptin -> nur geringfügige Verbesserung.

Der Hund nahm immer mehr ab – ca. drei Kilo – , war sehr träge und hatte keine Kondition mehr. Die Haut verdickte sich; an den Ellenbogen bildeten sich Liegeschwielen, als würde der Hund auf Betonboden liegen.

Erstvorstellungstermin beim neuen Tierarzt

Zustand bei der Erstvorstellung

Zustand des fünfjährigen Hundes bei der Erstvorstellung

Diagnostik allgemein:

leicht vergrößerte Lymphknoten mandib., Herzfrequenz bei ca. 100 – Hund extrem aufgeregt und ängstlich; rechter Hoden kleiner mit lokaler Gewebeverdichtung, sonst klinisch-allgemein obB,

Ultraschall Hoden: rechts  Hodentumor, jedoch – wie sich nach Laboruntersuchung zeigt – kein hormonell aktiver Tumor (Östradiol normal s.u.)

Dermatologische Diagnostik

Pruritus Grad 3-4 (10 wäre höchstgradiger Pruritus = chronischer Juckreiz über den ganzen Körper)

Konjunctivitis beidseitig mit grauem Ausfluß; unmittelbare Umgebung der Augenlider: Dermatitis mit ausgeprägter Hyperkeratose, Cheilitis mit deutlicher Schwellung und Hyperkeratose; Vorderbrust: Dermatitis ; Pfoten: leichte Leckspuren: Achseln und Leisten: Leckspuren; vordere Ellenbeugen: lokale Dermatitis mit massiver Hyperkeratose lateral; äußere Ellenbogen: massive Hyperkeratose; krustig-hyperkeraotische Dematitis an den caudalen Tarsi; Präputium (=Vorhaut): starke Schwellung und Präputialkatarrh sowie ausgeprägte Hyperkeratose an der Präputialspitze;

cache_2458089242Afterumgebung: deutliche Dermatitis mit Schwellung; Skrotaldermatitis mit massiver Hyperkeratose. An den Körperseiten Haarverlust, Dermatitis mit Papeln und Pusteln und fleckige Bereiche mit Hyperkeratose. Dünnes, schütteres Fell.

Das klinisch–dermatologische Bild ließ den Verdacht auf Zinkmangelsyndrom zu.

Zytologie:

Sehr viele Kokken (höchstgradig) und Granulozyten, besonders  an der Vorderbrust, an den Innenschenkeln , am After, mittelgradig in der Augenumgebung, am Präputium, an den Ellenbogen vorn und innen und an den Lefzen

Hautgeschabsel: negativ

Labor:
Klin. Chemie: ALT etwas erhöht;
SD: T4 und fT4 sehr deutlich reduziert, TSH normal
Östradiol normal (Hodentumor nicht hormonell aktiv)
BB: HK etwas reduziert (0,40), Leukozytose (16,9), Eosinophile etwas erhöht
Serolog. Allergietest: negativ (!)
Sarkoptes AK negativ
Pilzkultur: negativ

Differentialdiagnose: bakterielle Hautinfektion

auf einer der folgenden Grundlagen: hormonell,  autoimmun, allergisch, tumorös, ernährungsbedingt, Zinkmangelsyndrom. Möglicherweise auch mehrere Ursachen beteiligt.

Anfangstherapie:

Entwurmung;
Antibiose zunächst mit Cefalexin, dann Wechsel auf Marbocyl;
lokale Therapie der Konjunctivitis, der Präputialentzündung , des Analbereichs; zeitweise Thyroxinsubstitution zu Verbesserung der aktuell zu niedrigen Werte; Substitution Omega 3 und Omega 6 – Fettsäuren; antibakterielle Shampoonierungen.

Unter dieser Therapie besserte sich der Allgemeinzustand und der Juckreiz wurde geringer. Dermatitis und Hyperkeratosen besserten sich nicht.

Weiterführende Diagnostik :

Der veränderte Hoden wurde chirurgisch entfernt, zugleich wurden
Hautbiopsieproben entnommen. Es wurde ein Sertolizelltumor nachgewiesen.

Ergebnis der histopathologischen Beurteilung Pathologe 1:
Bei den Hautbiopsien wurden granulomatöse Veränderungen der Haut sowie eine Follikulitis/Furunkulose festgestellt. Malassezien fanden sich scheinbar auch in den granulomatösen Veränderungen selbst (ein sehr ungewöhnlicher Befund, so dass zusätzlich eine Silberanfärbung der Schnitte erfolgte – hier wurde dann ein Verdacht auf andere pilzliche Strukturen erhoben. Teilweise wurden vermehrt eosinophile Granulozyten gefunden. Auffällig war eine epidermale Hyperplasie sowie eine sehr deutliche, teils parakeratotische Hyperkeratose. Das Bild entsprach nicht dem einer typischen Überempfindlichkeitsreaktion.

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Es wurde eine Zweitmeinung zu den histopathologischen Befunden angefordert.

Ergebnis der histopathologischen Beurteilung:

Furunkulose, murale Follikulitis, eosinophile und mastozytäre Dermatitis, teilweise Malassezien beteiligt.
Multifokale Furunkulose mit sekundärer Pyodermie könnte als Ausdruck eines allergischen Prozesses (z.B. Futtermittelallergie) angesehen werden.
Zur Klärung der Resistenzsituation bei den zytologisch nachgewiesenen Kokken und der Rolle der in der Histopathologie (nicht aber in der Zytologie) gefundenen Malassezien wurden Proben von der Hautoberfläche und aus den tiefen Schichten der Haut zur mykologischen und bakteriologischen Untersuchung entnommen. Im Ergebnis wurde ein multiresistenter Staphylococcus pseudintermedius (MRSP !) gefunden. Der Erreger wurde als sensibel gegenüber Doxycyclin identifiziert. Mykologisch waren die Proben negativ.
Es wurde eine Ernährungsanalyse durchgeführt. Der Hund erhielt bis dahin seit mehr als vier Jahren selbst gestaltete Futterrationen (BARF) mit viel Fleisch, etwas Mais- und Gemüseflocken, Calciumcitrat, Öl und einer Prise Meersalz.
Für die Ernährungsanalyse wurde eine Rationsberechnung durchgeführt und es wurden zugleich Blutproben („Barfprofil“) untersucht.
Bei den Nährstoffen zeigt sich sowohl bei der Rationsberechnung als auch bei der Blutuntersuchung eine massive Unterversorgung mit Zink, Vitamin A und Jod.

Neben Mängeln in der Futterration könnten hier auch genetische Faktoren eine Rolle spielen: Es gibt nämlich Hunde, bei denen die Fähigkeit herabgesetzt ist, bestimmte Nährstoffe zu resorbieren. Eine weitere mögliche Ursache wäre auch eine Futtermittelunverträglichkeit.

Weitere Therapie:

  • 1 x täglich 3 Tabletten Zink Verla Tabletten 20 mg   + 1 x tägl. 1,5 g Seealgenmehl Lunderland + 1 x täglich 1 Teelöffel Lebertran (Dorsch), zunächst für ca. 30 Tage. Zeitgleich erhielt der Hund Anallergenic.
  •  2 x tägl. 200 mg Doxycyclin
  • 1 x tägl. 7,5 mg Predn. ( 0,18 mg/kg KM)(zur Verbesserung der Zinkresorption und wegen der wahrscheinlich beteiligten FM-Überempfindlichkeit)
  • Weiter Shampoonierung bzw. Fluid und Omega 3 – FS Präparat
  • Augen: 3 x tägl. OTC + Dexapos

Nach Einleitung dieser Therapie verbesserte sich der Zustand der Haut sehr schnell. Eine erneute Blutuntersuchung zeigte, dass sich auch der Jod- Wert schnell normalisierte; nach kurzer Zeit war auch der Vitamin A – Wert normal und nach 2-3 Wochen hatte sich auch der Zink-Wert normalisiert. Entsprechend wurde die Substitution mit Seealgenmehl, Lebertran und Zink beendet.

Und so sieht der Hund nach der Therapie aus:

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7 Kommentare

  1. christina Fetter

    Wie gut sieht der Schäferhund
    jetzt aus.
    Der Leidensdruck war enorm
    f.d. Samtpfote.

    Wie herzerwärmend, wie gut die
    Ärzte wieder durch immense
    Untersuchungen und Therapien
    das arme Kerlchen nicht aufgegeben
    haben.
    Auch Dank für Herrchen, dass er
    seinen Liebling nicht aufgegeben
    hat

  2. Susanne Scholl

    Das ist doch nicht der gleiche Hund auf den den Vorher-Nachher-Bildern. Die Fellfärbung stimmt absolut nicht überein. Der Bericht soll doch nur verunsichern.

    • Na, da haben Sie mich wohl ertappt: Ich mache mir die Mühe, einen Bericht zu recherchieren, lasse mir die Unterlagen samt Fotos von dem Tierarzt geben (und das alles unbezahlt, ohne den geringsten Vorteil davon zu haben), mit dem einzigen Ziel, die Leser zu verunsichern. Macht total Sinn.

      Ich habe hier einen Boston Terrier, der falbfarben war. Nachdem er fünf Wochen lang ausreichend mit Zink supplementiert wurde, war er wieder ganz dunkel. Das ist ja der Witz an Zink: Es sorgt für eine tiefe Pigmentierung.

      Gerade als Heilpraktikerin sollte man solche Dinge eigentlich besser wissen.

  3. Ich bin gerade auf diesen Bericht gestoßen, da ich verzweifelt auf der Suche nach Hilfe bin. Unser Schäferhund-SHAR PEI MIX kommt aus Rumänien. Sie hat ähnliche Fell und Hautprobleme wie der Hund im Bericht. Kortison, Antiallergikum, Spritzen, Antibiotika….Darmaufbau…unzählige Futterproben…..Nichts hilft auf Dauer. Sie Kratz und beißt sich auf, leckt sich wund und die Genitalien sind leicht geschwollen. Die Haut ist oft rot und sehr warm. Wir haben auch schon gebarft, aber ohne wirkliche Kenntnisse und wegen der vermuteten Allergie mit wenig Zusätzen, was zwangsläufig zu noch mehr Problemen führte…..
    Wo kann ich mich hinwenden wegen der Berechnung . Was muss ich meinem Tierarzt sagen, was muss getestet werden, ….Fragen über Fragen….

    • Die großen Kliniken machen Rationsberechnungen, auch Tierärzte wie Dr. Julia Fritz (www.napfcheck.de), Dr. Dillinger und alle Tierärzte, die auf Ernährung sezialisiert sind – findet man eigentlich gut im Netz. Sie können Ihrem Hund, ohne ihm zu schaden, kurweise drei oder vier Wochen lang “Zinkorot” geben – man rechnet bei einem Hund bis sieben Jahre 1 mg pro kg Körpergewicht. Zinkorot bekommen SIe in der Apotheke und ist das einzige Mittel das mit 25 mg pro Tablette hoch dosiert ist und sich noch dzu leicht teilen und dadurch dosieren lässt. Wenn es Ihrem Hund nach zwei Wochen besser geht, wissen Sie, dass er massiven Zinkmangel hat. Sie können Ihren Hund mit einer Zink-Kur in jedem Fall sehr gut unterstützen.

      Allerdings klingt es fast so, als könnte Ihr Hund einen Pilz haben. In der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität gibt es eine hervorragende Dermatologische Abteilung, mit der Sie sich dringend in Verbindung setzen sollten. “Normale” Tierärzte sind mit Hautgeschichten sehr häufig überfordert (der normale humanmedizinische Hausarzt ist ja auch kein Hautarzt), denn die Haut ist eine diffizile Sache… Bei den rumänischen Hunden sind Hautpilze nicht selten und für das Tier extrem schmerzhaft und unangenehm.

  4. Carlotta

    Man kann ganz gut alleine barfen, wenn man sich wirklich in die Materie einarbeitet. Man muss den Plan ausrechnen und ihn auf seinen eigenen Hund zuschneiden. Zusätzlich muss der Hund gesund sein. Der Hund in dem Bericht wurde nicht gebarft, er bekam irgendwas rohes….
    Klar das der nicht gesunder wurde. Der Besitzer hat sich offenbar nicht die geringste Mühe gemacht, sich in die Materie reinzu arbeiten und einen ausgewogenen Plan mit den richtigen Mengen Muskelfleisch, Innereien, Knochen und Gemüse zu erstellen. Dann kommt es automatisch zu Mangelerscheinungen.
    Wenn man sich nicht da reinarbeiten will kann man sich natürlich einen Plan von einer Ernährungsberaterin erstellen lassen, dann geht man sicher. 🙂

    • Liebe Carlotta,
      leider wird – sogar von Barf-Experten – häufig suggeriert, dass “Barfen” kinderleicht sei: Ein bisschen Fleisch, ein bisschen Gemüse, und voilà: Fertig ist das Menü. Dass ein zu hoher Protein-Anteil in der Mahlzeit daran schuld ist, dass heutzutage zahllose Hunde Nierenprobleme haben, dass rohes Gemüse für ältere Hunde ausgesprochen schwer verdaulich ist, dass “normale” gekochte Hirse für den Hund unverdaulich, also die darin enthaltenen Spurenelemente nicht verwertbar sind (nur als Flocke), dass es nicht zu empfehlen ist, Schlund/Kehlkopf/Halsröhren zu füttern wegen des Schilddrüsenmaterials, dass in keiner Materie außer Weizenkeimen und Austern ausreichend Zink enthalten ist, also supplementiert werden muss (ebenso wie Vitamin D) – das macht den Barf-Anfängern erst einmal keiner klar. So viel setzen sich die Hundebesitzer gewöhnlich ja nicht einmal mit ihrer eigenen Ernährung auseinander – und das ist der Grund, warum so viele Tierärzte dem Barfen sehr kritisch gegenüber stehen: Weil es eben NICHT leicht ist.

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