Abschied von Ida

bildvom 24.7.2011

Am vergangenen Montag musste ich meine braune Pudelin Ida einschläfern. Sie hatte schon lange große Schmerzen, ihr ganzes Knochengerüst war schief, die Gelenke kaputt, von vielen Medikamenten bekam sie vor ein paar Monaten eine schlimme Gelbsucht. Danach durfte sie keine Schmerzmittel mehr bekommen, und ihr Leben wurde ihr schwer. Sie war ja noch ein junger Hund – erst sechseinhalb Jahre alt – , also kam sie hoffnungsvoll auf jeden Spaziergang mit, um nach wenigen hundert Metern zu erkennen, dass so große Schmerzen keinen Spaß machten. Sie versuchte, mit den anderen Hunden zu spielen, und schob es ihnen in die Schuhe, wenn ihr alles weh tat. Sie brachte mir ihr Frisbee, um gleich wieder festzustellen, dass Springen und Hüpfen unter diesen Umständen einfach nicht lustig war.
Die schwierigste, herzzerreißendste Entscheidung im Leben eines Hundebesitzers ist wohl, ob und wann er seinen Hund einschläfern lassen soll. Es ist immer zu früh, es überrascht einen jedes Mal. Es gibt keinen idealen Zeitpunkt. Das Leben des Hundes wird immer schwerer, und irgendwann verschwindet die Lebenslust aus seinen Augen. Manche Leute versuchen, das Leben ihres Tieres um jeden Preis zu erhalten
und zu verlängern. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich möchte meinen Hunden ein bisschen Würde erhalten.
Am Montag saß ich mit ihr auf dem Boden unseres Wohnzimmer und hielt sie im Arm, bis sie starb. Ich wollte bis zur letzten Sekunde ihres Lebens bei ihr sein: Sie war ja auch immer für mich da.
Ida war mein fröhlichster, mein artigster Hund. Obwohl sie lange Zeit dachte, sie hieße „Ida, laß’ das!”, weil sie das am allermeisten zu hören bekam. Sie war ein wildes Ding, das ein Jahr lang nicht in der Lage war, gesittet neben mir herzugehen, sondern meistens alle vier Füße in der Luft hatte. Sie sah aus wie eine zerzauste Hupfdohle: Als ich sie im Alter von zehn Wochen meinem Tierarzt vorstellte, fragte er misstrauisch: „Was ist denn das?” „Ein Großpudel”, erklärte ich ihm stolz. Er blickte kurz auf die elegante, graziöse Luise, die anmutig daneben stand, und dann auf den kleinen braunen explodierten Handfeger zu seinen Füßen, die sich gerade über seine Schnürsenkel hermachte: „Mit etwas Glück wird mal einer draus.” Ida hatte nichts von Luises edler Zurückhaltung; sie fraß so ziemlich alles, was ihr zwischen die Zähne kam, allerdings nur die allerteuersten Schuhe (Tunschuhe ließ sie links liegen), edle Spitzenunterwäsche (möglichst originalverpackt und handgeklöppelt) und Papier (aber nur wirklich bedeutende Dokumente und Verträge. Einmal verspeiste sie einen Umschlag mit 500 Euro darin, aber nur zur Hälfte, damit ich das Geld nicht unnötig suchte). Bis sie zwei Jahre alt war, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren, wenn man ihr etwas beibringen konnte. Dann allerdings wurde sie über Nacht Wunderhund mit vielen Tricks im Gepäck wie Charme, übernatürlichen sozialen Fähigkeiten und einer Leidenschaft fürs Scheinwerferlicht. Wenn man nieste, lief sie los und holte eine Packung Taschentücher. Wenn winzige Kinder sie an der Leine führten, passte sie sich genau ihrem Tempo an. Sie konnte so viele Kunststücke, wir hätten uns jederzeit beim Zirkus bewerben können.
Ida war ein Chaot, aber sie brachte fast alle zum Schmelzen, denen sie begegnete (vielleicht gehörten Sie dazu). Ich bin froh, dass ich sechs Jahre lang das Geschenk ihrer tiefen Freundschaft besaß. Jetzt ist sie in meinem Herzen, statt an meiner Seite.
Sie war eine große Freude.

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