Das Beste am Hund

In den vergangenen 46 Jahren haben mich unzählige Hunde unterschiedlichster Formen, Farben und Arten begleitet. Schon als Kind war ich so besessen von Hunden, dass ich manchmal Hunde auf offener Straße kidnappte, weil ich mir einredete, sie wären herrenlos. Das einzige Jahr, in dem ich ganz ohne Hund lebte, war, als ich mit zwanzig für ein Jahr in Australien lebte. Mein Hund war gerade gestorben, darum passte diese Lücke in den Lebenslauf. Aber selbst Koalas konnten mich nicht von der hundelosen Existenz ablenken, also kündigte ich nach drei Monaten meinen Job bei der australischen Vogue und arbeitete stattdessen im Zoo von Sydney bei den Seehunden. Als ich anschließend nach New York zog, fand ich in einer Mülltonne meines nächsten Hund, kleinen Mop-ähnlichen Mischling, der mich durch die ganze Welt begleitete. Ich habe keine Ahnung, wie man ohne Hund lebt. Ich kann mir das nicht einmal vorstellen. Es wäre so, wie ohne Zahnbürste zu leben oder ohne T-Shirts. Es geht bestimmt, aber wie?
Ich bin mit diesem Spleen nicht allein: Wir sind viele, allein hierzulande leben über sechs Millionen Hunde in über 18% der Haushalte. Lauter Menschen, für die das Leben mit Hund ein essentielles Bedürfnis ist, obwohl Hundeleute häufig so behandelt werden, als wären sie nicht ganz bei Trost, als wären sie Mitglied eines seltsamen Clubs, den es zu besiegen gilt. Dabei wissen wir es besser: Das Verhältnis von Hund und Mensch ist die älteste, nachhaltigste und möglicherweise komplexeste Verbindung zwischen zwei verschiedenen Spezies in der gesamten Weltgeschichte. Kein Wunder: Wenn es Hunde nicht gäbe, müssten wir sie erfinden. Sie sind fröhlich, mutig und treu, sie demonstrieren „alle Tugenden des Menschen, aber ohne ein einziges seiner Laster”, wie der englische Dichter Lord Byron schrieb. Kaum ein anderes Tier hat den Menschen in seiner gesellschaftlichen Entwicklung so nachhaltig beeinflusst wie der Hund. In der länger als 15 000 Jahre währenden Partnerschaft hat er uns immer wieder seine überragenden Fähigkeiten geliehen, damit wir bessere Jäger, Versorger und Krieger werden konnten – denn mit unserem Geruchssinn ist es im Vergleich wirklich nicht weit her, unser Gehör lässt zu wünschen übrig, und besonders schnell sind wir auch nicht. Aber mit dem Hund im Bunde wurde selbst die feindlichste Natur beherrschbar – gut möglich, dass wir ohne Hunde noch immer in Höhlen hausen würden. Hunde waren immer bedingungslose Komplizen bei allen Eskapaden des Menschen, als Mitjäger, Abfallverwerter, Wächter, Zugtiere, Herdenhüter und Frisbeepartner. Seit Jahrhunderten haben Hunde – nicht ganz selbstlos – unsere Betten gewärmt, unsere Kinder getröstet und unsere Krümel aufgeräumt. Sie verdienen ihren Unterhalt als Retter in der Not und als Detektive, als Sprachrohr für Taubstumme und Sehhilfe für Blinde. Sie sind Sozialpartner für Einsame oder der Gesprächspartner, der nicht widerspricht: Man kann völlig idiotische Dinge sagen, und der Hund wird immer interessiert mit dem Schwanz wedeln. Er ist da, wenn sonst keiner da ist. Er tröstet uns, auch wenn er uns nicht helfen kann.

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In einem Buch von 1954 fand ich folgende hübsche Geschichte:
Zu einer klugen Frau kam ein junger Mann und fragte sie um Rat. „Ich suche eine Frau”, sagte er. „Sie soll hübsch sein, nett, gefällig und aufmerksam. Sie soll nie Launen haben, auf mein Wort hören, mich achten und mit allem zufrieden sein. Sie darf nie zänkisch werden, muss meine Ansichten respektieren, und ihre frohe Laune soll vom Morgen bis in die Nacht die gleiche bleiben.” – „Sie irren sich, lieber junger Freund”, meinte darauf die kluge Frau, „ Sie suchen keine Frau, sondern einen Hund!”
So stellen wir Menschen uns den Hund vor. Und er gefällt uns in dem Maße besser, je weniger er sich wie ein Hund benimmt, sondern so, wie es nach menschlichen Werten richtig und gut wäre. Wir Hundebesitzer verlangen viel von unseren Hunden: Er soll immer für uns da sein, alles können und alles wissen, wie ein übersinnliches Fabelwesen. Darum haben wir den Hund maßgeschneidert nach unseren Bedürfnissen und ihm alle Eigenschaften angezüchtet, die wir selber gerne hätten. Denn Menschen suchen in den Augen ihres Hundes ein Spiegelbild ihrer eigenen Persönlichkeit – das ist der Grund, warum wir manchmal im Gesicht unseres Hundes Schwermut und Sehnsucht zu erkennen meinen, während er in Wirklichkeit nur versonnen seinen Darmgeräuschen lauscht.

„Wunderliche Seele! So nah befreundet und doch so fremd, so abweichend in gewissen Punkten, dass unser Wort sich als unfähig erweist, ihrer Logik gerecht zu werden”, so schrieb Thomas Mann in „Herr und Hund” über seinen deutschen Hühnerhund Bauschan, aber trotz momenthafter Einsichten sind wir Menschen letztlich doch immer davon überzeugt, dass unsere Hunde in der gleichen Realität leben wie wir.
Aber obwohl er so ganz anders ist, ist der Hund das einzige Tier, das den Menschen wirklich und wahrhaftig angenommen hat. Er verlangt dafür nicht einmal etwas, und darum lieben Menschen ihre Hunde.
Unsere Affinität zu Hunden ist mittlerweile völlig selbstverständlich. Über 1000 Generationen teilten mittlerweile ihr Leben mit Hunden, so dass sie sich längst in jedem Aspekt unseres Bewusstseins festgesetzt haben. Es gibt unzählige Aberglauben und Sprichwörter über Hunde, wir haben Sternen-Konstellationen nach ihrer Gestalt benannt, wir bezeichnen uns als „hundeelend” oder wollen „auch nicht leben wie ein Hund” (obwohl man diesen Spruch heutzutage noch einmal überdenken sollte). Superhunde tauchen überall auf, in Film und Fernsehen, in Comics, in der Musik und der Werbung. Seit der englische Maler Francis Barraud 1898 mit dem am Phonographen lauschenden Jack Russell Terrier das bekannteste Firmenlogo der Welt schuf, lassen wir uns mithilfe von Hunden alles andrehen – von Staubsaugern und Wischmitteln über Bier bis hin zu Autos. Hunde sind das Symbol für Liebe, Offenheit und Freundlichkeit. Ihr Humor macht uns hilflos, ihr Enthusiasmus ist unbezahlbar. Sie schaffen es immer wieder, das Leben wie einen fröhlichen, tröstlichen Ort aussehen zu lassen. Sie zeigen uns, dass es möglich ist, jeden Morgen erneut in phänomenaler Laune aufzuwachen, sich auf das Frühstück zu freuen und überschwänglich begeistert von jedem Klingeln an der Tür zu sein. Sie erweitern unseren Horizont, zwingen uns, Gummistiefel zu kaufen, mitten am Tag spazieren zu gehen und in jeder Stadt in die Nähe von Gras und Bäumen zu ziehen, sie bringen uns bei, Kaninchenbauten mit ganz anderen Augen zu betrachten und Jogger erst recht. Hunde machen unsere Umgebung einfach menschlicher.
Das Wichtigste ist aber vielleicht, dass sie uns beibringen, ganz ohne Worte die Präsenz eines anderen zu genießen. Häufig sind sie die einzigen, mit denen wir wirklich schweigen können. Hunde sind die besten Gurus, die wir finden können – denn weil sie keine Sprache haben, besitzen sie den Seelenfrieden, den wir gedankenbelasteten Menschen uns erst mühsam erarbeiten müssen. Hundefreunde teilen eine Zen-ähnliche Gemeinschaft mit ihren Hunden, die völlig unbelastet ist von Umstandswörtern und Partizipien. Hunde erinnern uns daran, dass wir ganz ohne das zusätzliche Gewicht von Worten gehört werden. Was für ein Geschenk! Kein Wunder, dass wir sie so lieben.

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