Bitte nicht füttern!

bildvom31.7.2011

Nicht alle Menschen lieben Hunde. Manchmal kann Hundehaß sehr ernste Formen annehmen: Eine zeitlang wurden in Berliner Parks Frikadellen mit Rasierklingen darin ausgelegt. Der Hundehasser hatte sich echte Mühe gemacht: Die Frikadellen waren richtig gut durchgebraten, um sie unwiderstehlicher zu machen; die Rasierklingen darin kleingehäckselt, damit der jeweilige Hund sie wirklich schlucken und nicht etwa ausspucken würde. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie nachher nicht glauben, ich wäre völlig übergeschnappt.
An diesem speziellen Tag saß ich mit einem wichtigen Menschen von einem wichtigen Verlag in einem Restaurant, das so wichtig war, dass man dort keine Hunde erlaubte. Ich hatte meine schwarze Pudelin Luise dabei und band sie vor dem Restaurant an eine Laterne; das Restaurant hatte große Fenster bis zum Boden, die offen standen. Unser Tisch stand direkt vor dem Fenster, Luise und ich hatten einander direkt im Blick. Sie lag entspannt auf dem Asphalt im Schatten und beobachtete das Geschehen, ich spielte mit meinem Essen und versuchte, diplomatisch und taktisch zu sein und den allerbesten Eindruck auf den wichtigen Herrn mir gegenüber zu machen.
Auf einmal bemerkte ich einen jungen Mann, der Luise irgendetwas zu fressen gab. Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Tisch aufgesprungen und durch die offenen Fenster gesprungen bin, aber ich weiß noch, wie ich den Mann bei der Schulter packte und von meinem Hund wegdrehte.
Luise starrte sie mich fassungslos an, als ich ihren Kiefer aufdrückte und ihr das Stück was-immer-es-sein-mochte entriß, das sie zwischen den Zähnen hielt, warf es auf die Straße und drehte mich wieder dem Mann zu, zitternd vor Adrenalin, mit loderndem Blick, ging auf ihn zu, während er vor mir zurückwich. Als ich ungefähr vier Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war, fauchte ich mit einer Stimme, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie besaß, „Was fällt Ihnen ein? Kommen Sie meinem Hund nicht zu nahe!” Ich spuckte ihm die Worte ins Gesicht. Der Mann wurde kreidebleich.
„Ich… ich… ich habe ihm nur ein Stück von meinem Steak gegeben”, stotterte er und zeigte auf das Restaurant, in dem ich gegessen hatte. „Ich bin erst seit gestern in Berlin, ich komme aus Dortmund. Ich dachte, der Hund freut sich. Er hat so brav hier draußen gewartet.” Innerhalb von einer Nanosekunde verwandelte ich mich vom Tiger in einen Wurm. „O Gott, verzeihen Sie”, sagte ich und machte einen Schritt zurück. „Es tut mir so leid.” Ich streckte die Hand aus, um ihn am Arm zu berühren, aber er schrak zurück. Als offensichtlich wurde, dass ich keine tobende Furie mehr war, fühlte er sich sicher genug, um zu seinen Freunden auf der Terrasse zurückzukehren. „Es stimmt wirklich, was man immer über die Berliner hört”, hörte ich ihn sagen, „diese Frau ist völlig verrückt!”
Ich drehte mich zu der erstaunten Luise um, die überlegte, warum ich ihr wohl das Steak nicht gegönnt hatte. Als meine Knie aufgehört hatten zu zittern, ging ich zu dem Tisch des Mannes. Ich kniete mich hin, um kleiner und weniger bedrohlich zu wirken und entschuldigte mich wortreich, erzählte ihm, was gerade in Berliner Parks passiert war, und dass manche Berliner wirklich irre waren, aber die meisten eigentlich nicht, trotz meines Verhaltens.
Die Unterhaltung mit dem wichtigen Mann, mit dem ich eigentlich hier war, kam nach diesem Vorfall irgendwie nicht mehr richtig in Gang. Er beobachtete mich, als hätte er meiner Verwandlung zu Lord Voldemort zusehen müssen.
Kleiner Tipp: Füttern Sie niemals fremde Hunde. Man weiß ja nie.

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