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Co-Abhängigkeit

Vor kurzem schrieb mir eine Frau, „Ich habe einen Boxer, einen Mastiff und einen Terriermischling. In meinem Wohnzimmer gibt es noch drei Möbelstücke: Der Mastiff schläft immer auf dem Sofa. Der Boxer belegt den Ohrensessel. Der Terriermischling bevorzugt einen antiken Sessel. Ich sage meinen Freunden immer,  dass ich sowieso ungern auf Möbeln sitze. In Wahrheit ist einfach kein Platz mehr für mich frei. Neulich dachte ich, ich müsse etwas dagegen tun. Ich ging shoppen und brachte drei wunderbar weiche, bequeme Hundekissen nach Hause, in XL, in L und eines in M. Die Hunde betrachteten sie, schnüffelten daran und kehrten sie zu ihren bisherigen Schlafplätzen zurück. Aber mein Mann und ich lieben die Kissen.“

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Kommt Ihnen das bekannt vor? Typischer Fall von Hunde-plemplem.

Ich kenne Leute, die reden von ihren beiden Windhündinnen als ihren „Töchtern“ (obwohl sich die Ähnlichkeit in Grenzen hält: Die „Töchter“ haben lange Nasen und weiße Tasthaare darum). Die „Mami“ spricht mit Babystimme. Normalerweise spricht sie tiefer, sie ist eine große, gutaussehende Frau, aber immer, wenn sie mit ihren Hunden spricht, rutscht ihre Stimme fünf Oktaven höher. Ihre Hunde mögen das, also tut sie es. Ihre Belohnung sind Wackelschwänze und fröhliche Augen.

Einmal störte ich eine Bekannte, die mit ihrem Ehemann in der Küche knutschte. Als ich herein kam, fuhren sie auseinander wie ertappte Teenager. Ich hatte mich gewundert, weshalb ihre Hunde vor der Tür gejault hatten, gekratzt und gejammert und erfuhr, dass sie sich nie vor ihren Hunden küssten, weil die sofort dazwischen gingen. Darum küsste sich das Paar nur noch heimlich, hinter verschlossenen Türen.

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Ich weiß nicht, wann es angefangen hat. Irgendetwas hat sich verändert. Unsere Hunde sind schon lange keine „Haustiere“ mehr. Und längst viel mehr als der „beste Freund“. Sie bedeuten uns häufig auch mehr als unsere direkte Verwandtschaft. Auf Facebook zeigen Hundehalter nicht ihr eigenes Konterfei im Profilfoto, sondern ihren Hund. „Zeige mir deinen Hund, und ich sage dir, wer du bist“ hat eine völlig neue Bedeutung bekommen.

 

Ich bin keine Ausnahme. Auch in meinem Leben haben meine Hunde einen Stellenwert, der ihnen evolutionstechnisch wahrscheinlich nicht zusteht (ich meine: Wir Menschen sind die Erfinder von Staubsaugern, Banken, Bomben und Geschirrspülmaschinen. Wir machen Geschenke und bauen Häuser. Uns bedeuten Ostern, Geburtstage und Ferien viel. Das ist doch was). Ich selbst meide Arztbesuche tunlichst – aber gehe natürlich sofort zum Tierarzt, sobald einer komisch guckt. Meine Pudelhündin Luise habe ich alle fünf Wochen zum Friseur geschickt, um ihren sportlichen Kurzhaarschnitt zu erhalten – ich dagegen habe – mangels Zeit –  eher Haare als eine Frisur.

 

Es muss eine ganz alte menschliche Schwäche sein. Ein Riss im genetischen Code.

Wahrscheinlich jahrhundertealt, wer weiß, wann es anfing. Es gibt ganz bestimmte Symptome: Wer Hunde-plemplem ist, denkt morgens als allererstes an seinen Hund – entweder, weil er bei ihnen im Bett liegt, oder weil er sie mit schierer Willenskraft und intensivem Starren geweckt hat, weil er jetzt den Tag begrüßen möchte. Für die, die Hunde-plemplem sind, ist jeder Hund ein Schoßhund, egal, wie groß er ist. Sie bestellen Pizza, weil ihr Hund die Kruste so gerne mag. Sie würden nie auf die Idee kommen, die Zahnbürste ihres Partners zu benutzen, haben aber keine Bedenken, sich von ihrem Hund abküssen zu lassen. Hunde-plemplems machen nur in „hundefreundlichen Hotels“ Ferien, denn was für eine Erholung wären Ferien ohne Hund? Hunde-plemplems reden gerne davon, dass ein Hund kein Hund ist, sondern ein Lebensstil. Sie sind sich voll bewusst, dass der Weg  ins Hundeherz durch seinen Magen führt. Jeder Hundeblick in ihre Richtung wird großzügig mit Keksen belohnt, der Speiseplan des Hundes ist deutlich ausgewogener als der eigene. Hunde-plemplems teilen meist ohne mit der Wimper zu zucken das Bett mit ihrem Hund. Dass er nachts schmatzt, dem Menschen beim Umdrehen die Pfoten in die Magengrube stößt oder im Traum bellt, nimmt der Mensch als naturgegeben hin (wer jemanden heiratet, der Hunde-plemplem ist, kann das Wort „Privatshpäre“ komplett vergessen).

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Vieles weist darauf hin, dass Hunde-plemplem-Sein genetisch ist, dass man sie von seinen Vorfahren geerbt hat und an die Kinder und Kindeskinder weitergibt. Manchmal ist es auch nur eine Folge des jahrelangen Verwöhnens eines einzelnen Hundes. Hunde-Plemplem ist ein hochgradig ansteckendes Virus, der vor allem dann ausbricht, wenn jemand mit schwachem Immunsystem in Kontakt mit Welpen und/oder traurig guckenden Hunden kommt.

Man kann von diesem Virus nie wieder richtig geheilt werden. Versuchen Sie gar nicht erst, Ihren Zustand verheimlichen zu wollen: Ihre Umwelt weiß sowieso Bescheid. Gehen Sie offen mit Ihrer Situation um: Geben Sie zu, dass Ihr Leben sehr stark auf Ihren Hund ausgerichtet ist. Und dass Sie es auch gar nicht anders wollen. Stimmt’s?

 

 

 

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