Darf’s noch einer mehr sein?

aus: DOGS 03/2009

Vor einiger Zeit enttäuschte ich ein weiteres Mal meine Mutter, indem ich ihr Bedürfnis, endlich als Großmutter zum Einsatz zu kommen, erneut ignorierte: Stattdessen erweiterte ich unser bereits bestehendes Dreierrudel um einen weiteres Hundekind. Seither hat das Leben mit zwei Großpudeln, einem eineinhalbjährigen Italienischen Windspiel und einem weiteren, hochagilen Windspielbaby etwas von einer Übung in Chaos -Kontrolle.
Aber ich habe es überlebt, und möchte Einzelhundfamilien diese Worte als Trost und Stütze andienen, falls die sich mit dem Gedanken tragen, sich einen weiteren Hund zuzulegen.
Der Weg, der zu einem zweiten Hund führt, ist mit vielen Mythen und Unwahrheiten gepflastert, die aufgedeckt und betrachtet werden müssen, bevor man sich für immer dem Zustand des permanenten Durcheinanders eines Mehrhundehaushaltes verschreibt.

Mythos 1
Der ältere Hund dient dem jüngeren als Vorbild, von dem sich der junge Hund viele Dinge wie Sitz, Komm! etc. abschauen kann und sich auch ruhiger verhält.
Falsch. Stattdessen wird das Beispiel fröhlichen Ungehorsams und ungebündelter Lebensfreude des neuen Welpen die jahrelange sorgfältige Erziehung, die Sie dem älteren Hund angedeihen ließen, völlig zunichte machen, der eine Art Flashback in seine eigene Kinderzeit erlebt: Ihr älterer Hund besinnt sich sozusagen wieder auf seinen Inneren Welpen. Falls der Ältere dem Jüngeren tatsächlich etwas beibringt, dann nur dummes Zeug, wie etwa, wie man sich am effizientesten in vor sieben Wochen verstorbenen Fischen wälzt, oder den effektivsten Moment abzupassen, mit schmutziger Wäsche im Maul auf der Cocktailparty der Hundebesitzer für Stimmung zu sorgen.
Besinnen Sie sich auf die Anfänge und üben Sie wieder ganz konsequent das Wort „”Nein!”. Schaffen Sie sich einen Vorrat an Fleckentferner an.

Mythos 2
Zu zweit sind Hunde weniger allein, wenn man das Haus verlässt.
Falsch. Hunde wollen nämlich trotz aller innerartlicher Gesellschaft am liebsten mit ihrem Menschen zusammen sein. Wenn man also das Haus verlässt, versammeln zwei – in meinem Falle vier! – Hunde im Flur zum Großen Abschied und beobachten schweigend Ihren Abgang mit Waisenkinderaugen. Sie können weder glauben noch verstehen, warum Sie vorsätzlich die Familie auseinanderreißen wollen. Ihre Schuldgefühle werden sich also nicht halbieren, sondern sogar verdoppeln.

Mythos 3
Zu mehreren machen Hunde weniger kaputt, weil sie sich weniger langweilen.
Falsch. Die Möglichkeiten der Zerstörung potenzieren sich gemäß der Anzahl der Hunde, die im Moment der Missetat anwesend sind. Während ein einzelner Hund damit zufrieden sein mag, eine Kissenecke eine Weile lang friedlich anzukauen, werden zwei Hunde das Kissen zerfetzen, entfedern und anschließend in einer lustigen Jagd die einzelnen Kissenteile im ganzen Haus verteilen. Und der Hundebesitzer wird nie erfahren, wer angefangen hat.

Mythos 4
Die Hunde werden sich nicht vertragen.
Falsch. Hunde sind viel besser darin als Menschen, friedliche, geordnete Hirarchien zu etablieren. Ihr älterer Hund wird anfänglich mit Ihnen vielleicht etwas beleidigt sein und sich dann auf seinen natürlichen Alpha-Status besinnen, während der Welpe sich schnell und instinktiv unterordnet – und dann werden die beiden ihre Kräfte zusammen tun, um Sie vollkommen zu dominieren. Sie werden diesen Moment erkennen: Das erste Mal, wenn Sie Ihre Hunde ermahnen, irgendeinen Quatsch zu unterlassen, den sie sich gerade gemeinsam ausgedacht haben, werden Sie sehen, wie sie Sie ansehen, dann einander – und tief in Ihrem Inneren werden Sie wissen, dass Sie in der unterrepräsentiert sind, unterlegen und überstimmt. Bleiben Sie stark. Wenn Sie wanken, werden Sie es für immer bereuen.

Mythos 5
Zwei Hunde zu halten ist auch nicht anders als einen Hund zu haben.
Falsch. Zwei Hunde zu halten bedeutet, zwei Hunde zu halten. Selbst wenn man zwei Exemplare der gleichen Rasse hält, können die Unterschiede in Charakter und emotionalem Temperament fundamental sein. Meine beiden Großpudelhündinnen haben unterschiedliche Charaktere wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die fünfjährige ist würdevoll, ruhig, verständig und ein bisschen faul, während die vierjährige Hündin eine Sport-Rakete ist, ein personifiziertes “Hurra!”, wild und schnell gelangweilt – die eine eine Diva, die andere vom Typ her mehr polnischer Schlagerstar. Mit zwei Hunden lernt man schnell, unterschiedliche Persönlichkeiten hinzunehmen und nicht zu werten. Näher werden Sie der Erleuchtung vielleicht nie wieder kommen.

Mythos 6
Sie werden es bereuen.
Falsch. Der Aufwand, mehrere Hunde zu halten ist zwar beträchtlich, aber nicht unüberwindbar. Sie werden schnell lernen, die kleinen auftretenden Hundeprobleme zu meistern. Sie werden lernen, den fauleren Hund so zu trainieren, dass er der Sportskanone als liegendes Hindernis dient, und – voilà: Schon haben Sie beide Temperamente gutgelaunt im gleichen Kunststück integriert. Sie werden lernen, sich selbst den Verlust Ihres Einflusses auf Ihre Hunde als artgerechtes Rudelverhalten zu verkaufen. Sie werden sich doppelt freuen, wenn Ihre Hunde auf Pfiff angerannt kommen, strahlend vor Freude, Sie zu sehen. Und wenn es stimmt, dass Leute mit Hunden länger leben, dann ist der zweite Hund ein großer Schritt in Richtung Unsterblichkeit.

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