Der Afghane im Kuhstall

Neues vom Miniberg

Blöderweise passiert hier immerzu so wahnsinnig viel, dass ich überhaupt nicht zum Schreiben komme, weil ich abends einfach todmüde bin. Und wie das so ist auf dem Land ohne Straßenbeleuchtung, verändert man seinen Biorhythmus und geht sozusagen mit den Hühnern schlafen. Zu versuchen, um halb zehn Uhr abends noch ein sinnvolles Gespräch mit mir anzufangen kann durchaus kritisch sein: Das ist sozusagen nach meiner Schlafengehenszeit. (Gerade ruft  ein Nachbar an – wobei ich erklären muss: „Nachbar“ ist in dünner Besiedlungssituation jeder Anwohner im Umkreis von 10 km -, ob er mir rote Rosen vorbei bringen dürfe. Er habe sie für sich gepflückt, bloß könne er sie eigentlich nicht brauchen, aber er könne mir andererseits ja keine roten Rosen schenken. Ob er sie mir trotzdem vorbei bringen könne? Ich war dafür.)

Wir hatten zehn Tage lang einen exotischen Feriengast: einen Afghanen. Er ist ein unglaublich sympathischer, sehr vorsichtiger, hochsensibler, unsicherer, nachdenklicher Hund, der als Einzelhund bei seinem Einzelfrauchen lebt, deren Augenstern er ist. Er ist ein Fell-Monster, was beim Laufen spektakulär aussieht, gleichzeitig aber irrsinnig aufwändig ist und leicht verfilzt. Will heißen: Auf Schritt und Tritt. Eigentlich geht man am besten mit Bürste mit ihm spazieren, denn er ist unerhört geschickt im Transport von Tannenzapfen, Ästen, Kronkorken, Gräsern, Wurzeln und Kletten in seinem üppigen Haar (wenn hier einer Rapunzel heißen sollte, dann er…) in den heimischen Flur. Wahrscheinlich verstecken sich auch kleine Vögel und Kaninchen in seinem Bein-Behang, ich habe  nicht nachgesehen: So weit kam ich gar nicht erst, allein das Frisieren von Kopf und Brust dauerte bei mir gefühlte halbe Tage. Gleichzeitig entwickelte er sich hier – wie eigentlich alle Hunde, die ein paar Tage hier sind – umgehend zum Landhund, trank am liebsten aus der Regentonne und marinierte seinen langen Ohrenbehang in abgestandenem Wasser, interessierte sich sehr für Kuhfladen, schlammige Gewässer und raste durchs hohe Gras, als gäbe es kein Morgen mehr. Ich verrate Ihnen was: Ich habe mehr als einmal überlegt, ob ich ihm einfach einen Kurzhaarschnitt verpassen sollte. Aber sowas mache ich natürlich nicht, ohne vorher zu fragen.

Mir wurden Gamaschen mitgeliefert (um die Beine beim Spaziergang zu schützen) und eine Kapuze (um den Ohrbehang beim Fressen und Trinken trocken zu halten), aber ganz ehrlich: Barthl würde begeistert permanent an diesen Accessoires ziehen und zerren, und das wollte ich dem armen Afghanen, der in der Hitze sowieso unter seinem Wahnsinns-Fell zu leiden hatte, nicht auch noch zumuten. Im Übrigen wäre ein so verkleideter Hund für meine Nachbarn wohl auch zuviel verlangt gewesen, die ihn sowieso „den Hippie“ nannten: Nicht nur, dass ich im täglichen Leben sowieso schon dauernd mit acht Exoten, Egomanen und Einhörnern spazieren gehe – nun auch noch mit einem Jeti mit Gamaschen und Mütze im Hochsommer? Kann man machen, muss man nicht. Man hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

So viel Fell muss man mögen… Da bekommt das Wort “Hundebad” eine ganz andere Bedeutung

Das edle Tier hat übrigens ein ganz anderes Problem: Er hat eine Essstörung.

Seine Besitzerin wandte sich an mich, weil sie hoffte, er würde bei einem Landaufenthalt bei uns zwar nicht gerade rotwangig und proper werden, aber vielleicht aus Futterneid und Gruppenzwang anfangen zu fressen.

Tat er aber nicht. Er hatte auch schon eine schwere Magen-Darm-Historie hinter sich. Der Afghane, eineinhalb Jahre alt, litt zuallererst als Junghund unter starkem Giardienbefall, was (manche Tierärzte werde ich nie verstehen) wiederholt mit Antibiotika behandelt wurde. Damals stellte er das Fressen das erste Mal ein, mithilfe von Moro’scher Karottensuppe, Haferbrei und meinem Futter konnte er aber überredet werden, damit wieder anzufangen. Antibiotika im Zusammenhang mit Giardien sind deshalb eine wirklich blöde Idee, weil sie das Antibiotika die Darmflora komplett runiniert: Die Giardien, denen Antibiotika völlig wurscht ist, haben also anschließend sozusagen einen leergefegten Ballsaal, in dem sie riesengroße Giardien-Partys veranstalten können. Dann bekommt der Hund erneut Panacur und nochmal Antibiotika, und das kann ewig und drei Tage lang so weitergehen.

Die Antibiotika wurden irgendwann abgesetzt, der Hund einfach nur mit Panacur behandelt, und die Giardien machten sich davon. Anschließend wurde der Afghane mit Moro’scher Karottensuppe behandelt, bekam den „Amali-Brei“ und zum Frühstück Haferbrei mit gebräunter Butter und mittags mein Dosenfutter, erholte sich und nahm zu. Dann allerdings musste er zusammen mit Frauchen eine Reise unternehmen, die aus familiären, seelischen Gründen wohl unglaublich anstrengend für alle Beteiligten war. Der Hund stellte das Essen erneut ein – und zwar so konsequent, dass die Tierärztin, die ihn impfen sollte, sich aufgrund seines Untergewichts weigerte, dies zu tun. Dafür zwang sie der Besitzerin eine ganze Anzahl teurer Untersuchungen auf, und nach über 1000 Euro stellte sich heraus, dass der Hund vollkommen gesund war.

Nur eben viel, viel zu dünn.

Montag vor zwei Wochen kam er also zu uns. Nano war entsetzt und wollte mit ihm nichts zu tun haben, murmelte empört den ganzen Tag etwas von „Hippie“ und „Mädchenfrisur“ und erlaubte dem armen Gast kaum mehr als dekorativ in der Gegend herum zu sitzen. Die anderen waren freundlich-neutral, nur Jack war sich nicht sicher, was er von diesem Jeti-Hund halten sollte. Barthl schaltete sofort in seinen Sozialarbeiter-Modus und gab sich allergrößte Mühe, den Rockstar-Hund zu integrieren, spielte ihn an, machte Faxen und schäkerte. Er möchte eben immer, dass es allen gut geht. Nur war der Afghane noch nicht so weit, sich mit fremden – kleinen! – Hunden auf ein Spiel einzulassen. Er ist ein Meister im hartnäckigen Ignorieren; jeder, dem es schwer fällt seinem niedlichen Hund zu widerstehen, sollte sich ein Beispiel nehmen:

Er wollte allerdings auch hier partout nicht fressen. Glücklicherweise fand ich nach einer Stunde heraus, warum: Er stieß nämlich ununterbrochen auf, was auf Sodbrennen und damit eine Magenschleimhautentzündung hinwies. Ich besorgte ihm Pantoprazol, was ich ihm zweimal täglich eingab, außerdem Nutribound, eine Lösung zum Eingeben, die alle essentiellen Nährstoffe enthält und den Appetit anregen soll. So wusste ich wenigstens, dass er mir nicht demnächst umfallen würde, obwohl er kaum etwas fraß. Ich versuchte alles: Von hochwertigem Biofutter über Katzenfutter über Pedigree bis hin zu Geschnetzeltem, Rinder-Hack und jeder erdenklichen Sorte Trockenfutter (alles, was der Fressnapf an Proben hergegeben hatte). Meine Hunde waren empört und fanden, sie als Ansässige hätten eine solche Verwöhnung ja wohl auch verdient, auch ganz ohne Bauchweh.

Das Füttern geht hier bei uns nach genauen Regeln ab: Die Hunde werden in exakter Reihenfolge und an ganz bestimmten Plätzen gefüttert – so bleibt es hier nämlich ganz ruhig, auch wenn der Empfänger eines bestimmten Futternapfes vielleicht noch nicht aufgetaucht ist: Kein anderer Hund würde den Napf anrühren. Auch alle Gasthunde verstehen diesen Vorgang sehr schnell und halten sich daran.

Der Afghane frass am liebsten aus der Hand, und eigentlich jede Sorte irgendeines Futters, die man ihm anbot, nur einmal – typisch für Hunde mit Magenschmerzen, weil sie das jeweilige Futter damit verbinden, dass es ihnen anschließend nicht gut geht, und ebenso den Futternapf. Aufgrund des Pantoprazols, das die Magenwände auskleidet, merkte er aber bald, dass es eigentlich ganz ok war zu fressen. Jeden Tag wurde es ein bisschen mehr, und weil ich Futter, das nicht gefressen wird, spätestens nach zehn Minuten weg räume (sonst frisst es Harry, dessen Babygrauwal-Figur wir endlich gegen eine schmale Taille und einen knackigen Po ausgetauscht haben), hatte er nach dem vielen Toben mit Rapunzel, den Abenteuern, die wir erlebten und dem Planschen im Bach endlich mal wieder richtig Hunger.

Sogar sein Selbstbewusstsein wurde besser.

Nachdem er erst gelernt hatte, mit meinen Hunden klar zu kommen, konnten ih die Jungbullen des Nachbarn auch nicht mehr aufregen

Anfangs schien es, als beherrsche er die Hundesprache nur bruchstückhaft. Er fürchtete sich vor den anderen Hunden, war schreckhaft und unsicher. Wenn die anderen Hunde im Garten tobten oder im Sandkasten buddelten, sah er nur zu – mit begeistertem Gesichtsausdruck zwar, aber mitzumachen traute er sich nicht. Nur mit Rapunzel, der zehn Monate alten Barsoi-Hündin schoß er über Wiesen und Felder – um dann das Spiel plötzlich abzubrechen, weil er sich ständig irgendwelche Stöcke, Gräser, Kletten und Blätter aus dem Fell fieseln musste.

Barthl, der Sozialarbeiter, der sich immer mit allen fremden Hunden unglaubliche Mühe gibt und versucht, sie zu integrieren, mit ihnen zu spielen und ihnen alles zu zeigen, scheiterte mit seinen versuchen, dem Afghanen das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein. Erst nach acht Tagen wurde er mutiger, begann, mit Barthl und Rapunzel durch den Garten zu toben, wurde albern und rannte hinter Aslan her. Im Sandkasten buddelte er nicht, auch wenn er immer sehr genau zusah, nach was dort wohl gegraben wurde. Vielleicht macht man sowas nicht in Afghanen-Kreisen, wer weiß das schon.

So sehr er sich auch bemühte: Den Sinn der exzessiven Ausgrabungsarbeiten der anderen Hunde konnte er einfach nicht begreifen

Obwohl ich kein Freund davon bin, Hunden ihr natürliches Haarkleid abzuschneiden (geschweige denn zu scheren), würde ich diesem Hund eine Frisur verpassen – eine Art Puppy-Clip, alles einmal um zehn Zentimeter kürzen, denn sein unglaubliches Show-Fell ist eine entsetzliche Mühsal für das arme Tier (das hat er den amerikanischen Linien zu verdanken, die Amerikaner lieben Loreley-Fell bei allen langhaarigen Rassen – sogar Gordon Setter sehen dort mittlerweile aus wie Afghanen-Mischlinge und nicht mehr wie Jagdhunde, die durchs nasse Unterholz pesen sollen, um Federwild aufzustöbern). Er ist ständig damit beschäftigt, Fremdkörper aus dem Fell zu entfernen und kann deshalb nicht richtig spielen, man traut sich nicht mit ihm in den Wald – von der unglaublichen Wärme unter der dichten Wolle, die er bei 30 Grad der letzten Wochen auszuhalten hatte, ganz zu schweigen.

Mittlerweile ist er wieder zuhause. Eigentlich war es schade, denn er fing gerade an, gut zu fressen und Futter einzufordern, sich wohl zu fühlen und wie selbstverständlich durch Häuser und Höfe zu traben. Aber er wurde zuhause furchtbar vermisst. Nano dagegen seufzte laut auf, als der Afghane abgefahren war, was ich weder nett noch gastfreundlich fand: Aber immerhin ist das hier mein Zuhause und ich kann einladen, wen ich will.

Für die nächsten zwei Wochen wohnen jetzt ein unglaublich schnarchender Boston Terrier und ein vier Monate alter Doggen-Boxer-Mischling hier.

Nano war wie versteinert, als er den Boston Terrier atmen hörte.

Tja. Be careful what you wish for. Es kann immer noch schlimmer kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Daniele Zich

    Guten Abend, nach langer Zeit habe ich hier mal wieder rein gesehen, weil ich mir ein paar Tipps erhofft habe. Das Desaster ist bei uns eingetroffen……………….. Linus mein Jagdhund-Mix, mein schwarzer Prinz, mein introvertierter Schattenmann, der ein sportlich geprägtes Leben mit mir und meinem Freund seit sieben in absoluter Alleinstellung führt, hat sei 2 Wochen einen WG Mitbewohner. Vierbeinig. Beige. Terrier-Mischling. Am Strand von Sardinien zugelaufen. Der Tierarzt schätzt ihn auf 9 Monate bis 1 Jahr.Lustig. Fröhlich. Albern. Sonnenschein. Will den ganzen Tag spielen. Linus ist speiübel. Und ich am überlegen, wie ich die zwei zu Freunden mache. funktioniert das überhaupt noch? Linus wollte noch nie mit anderen Hunden spielen. Anfangs dachte ich, jeder Hund braucht viel Kontakt zu anderen, da hat er mich aber eines Besseren belehrt. Er versucht jedem Kontakt aus dem Weg zu gehen. Beißt nicht, streitet nicht, will einfach seine Ruhe. Ich glaube in seinem ganzen Leben ist er mit vielleicht 5 Hunden ein paar Kreise um die Wette gerannt. Das war es schon. Nun ist Luggi da. Luggi findet nichts grandioser als andere Hunde zu treffen, selbst die offensichtliche Bisswunde unter seinem Auge hat ihn nicht scheu werden lassen. Da hat wohl ein Hund am Strand seinen Spieleifer massiv zurück gewiesen. und nun wohnt er bei einem düsteren Kerl der ihn permanent anknurrt. Damit Luggi weiterhin so eine fröhliche Knutschkugel bleibt, gehe ich jetzt wieder in den Park zu den “Hundegassizeiten”, damit Luggi immer jemand zum spielen findet (und das kann er so famos, er macht alles platt mit seinem Elan, Labrador, Australian Shepard, alles liegt hechelnd im Gras, während er übermütig um sie herum hüpft, ums sie zu einer weiteren Runde auf zu fordern). Mit Linus wird das wohl nichts mehr. Aber ich frage mich, was kann ich machen, um die Freundschaft zu fördern? Aufgefallen ist mir, dass sich die zwei nach jeder längerer Wanderung besser verstehen. Bzw Linus Toleranzschwelle minimal erweitert wurde. Da ich der Harmonie-Typ bin, will ich natürlich mehr, als nur wandern. Was kann ich aktiv noch machen?

  2. Liebe Daniele,
    das Problem ist ja eigentlich nur Ihre Wunsch, Ihre Erwartung: Die Hunde finden sich weder gut noch blöd, sondern nehmen einander hin. Eigentlich ist das doch gut – nur Sie wünschen sich eben, dass die Beiden miteinander kuscheln.
    Von meinen Hunden kuscheln auch nicht alle. Ich habe hier ein paar Hunde, die miteinander in einem Bett liegen und auch viel miteinander spielen, und ein paar, die einander nichts zu sagen haben – aber weil es so viele sind, ist es egal. Ausgemachte Einzelgänger brauchen meistens etwas länger, bis sie sich befreunden, aber Linus wird sich irgendwann damit abfinden, dass da ein anderer Hund im Haus lebt. Will sagen: Das “Desaster” ist eigentlich nur Ihre Erwartungshaltung, fürchte ich.
    Was wirklich nützt: Eine kleine Reise mit beiden Hunden irgendwohin, wo beide noch nie waren. In der Fremde müssen die Hunde sich mehr aufeinander verlassen – das schweißt zusammen.
    Sehr herzlich, Katharina

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