Experten, wo man geht und steht

bildvom 7.8.2011

Das Leben mit Hunden ist immer für Überraschungen gut. Wer einen Hund hat, lernt z.B. schnell, dass er in einem Land mit ungefähr 40 Millionen Experten lebt. Man bekommt immerzu ungefragt Ratschläge, völlig Fremde wissen genau über den eigenen Hund und dessen Bedürfnisse Bescheid, offenbar besser als man selbst, der schon seit Jahren mit dem Hund zusammen lebt. Als ich noch meinen Mops Theo hatte, einen schlanken, durchtrainierten Hund, der sehr alt wurde, mich täglich in den Reitstall begleitete und stundenlange Spaziergänge machte, hörte ich einmal im Englischen Garten, wie eine junge Frau laut zu ihrem Freund sagte: „Der arme Mops. Kann sich überhaupt nicht bewegen, weil er keine Luft bekommt.” Ich drehte mich erstaunt um. „Da irren Sie sich aber sehr”, sagte ich. „Der schnarcht zwar, kriegt aber wunderbar Luft. Der geht sogar mit dem Pferd mit.” „Jaja, reden Sie sich das nur ein, zu leiden hat ja der arme Hund”, sagte sie und stapfte davon.
Eine Bekannte berichtete mir kürzlich, wie sie mit ihrem spanischen Windhund aus dem Wald zurück zum Parkplatz kam, wo ihr Auto geparkt war. Ein älterer Herr gesellte sich neben sie und sah zu, wie sie ihrem Hund Bauch und Beine säuberte – „Ja, so ist richtig, unsere Tochter macht das auch so, damit das Auto nicht schmutzig wird”, – und fragte dann: „Sagen Sie mal, der Hund könnte aber ein paar Kilo mehr vertragen!” Das wäre schon in Ordnung so, meinte die Hundebesitzerin, das sei nun mal der Körperbau von Windhunden. „Ach so, hm. Wo sitzt denn der während der Autofahrt?” fragte er weiter. „Auf dem Rücksitz”, lautet die Antwort. „Na, junge Frau, das ist aber nicht vorschriftsmäßig! Der Hund unserer Tochter sitzt während der Fahrt in einem Käfig!” Hundebesitzerin: „Wir haben einen extra Hunde-Sicherheitsgurt, das ist erlaubt.” Ein zweifelndes „Hm” erklang, dann: „Aber man sieht ja jede Rippe bei dem Hund! Sogar die Hüftknochen!” Hundesitzerin: „Wie gesagt, das gehört so.” Der Herr: „Ist er denn ein schlechter Esser?” Hundebesitzerin: „Nein, im Gegenteil, der frisst alles, was nicht angewachsen ist.” – „Sehen Sie, er bekommt doch zu wenig. Ich werde mir mal ihr Kennzeichen aufschreiben und das melden.” Die Hundebesitzerin lächelte freundlich und stieg ins Auto. Sie ist im Dienstleistungsbereich tätig; sie beherrscht das Nettsein in jeder Situation aus dem ff – Ich bin in diesem Bereich nicht so begabt. Jeder kennt die Unmengen von Menschen, die einem gerade in Krisensituationen gar nicht nett gemeinte Kommentare hinterher schicken – wenn man beispielsweise gerade außer sich vor Panik auf einer Wiese steht, und der Hund vor Stunden hinter einem Kaninchen her und verschwunden ist: „Tja”, bekam eine Freundin neulich zu hören, „wenn man den Hund beim Spaziergang nicht beschäftigt, sucht der sich eben eigene Aufgaben!”
Eine andere erstaunliche Unterhaltung erlebte ich kürzlich auf offener Straße. Ich stand mit meiner schwarzen Pudelhündin Luise an einer Ampel, als ein Mann uns ansprach: „Schöner Bouvier.” Bouviers des Flandres sind sehr große, zottige belgische Viehtreibhunde. Abgesehen davon, dass sie auch in schwarz vorkommen, haben sie mit einem Pudel wirklich gar nichts gemein. „Das ist ein Großupdel”, erklärte ich freundlich. Der Mann schnaubte verächtlich durch die Nase und sagte zu seiner Begleiterin: „Als wenn ich nicht wüßte, wie ein Pudel aussieht. Das ist ein Bouvier.” „Sie verwechseln das vielleicht, weil der Pudel kurz geschoren ist”, sagte ich, weil ich ihn vor seiner Freundin nicht blamieren wollte, „aber das ist ein wirklich typischer Königspudel.” Er blieb unbelehrbar. Im Weitergehen hörte ich, wie er zu seiner Freundin sagte: „Ich weiß ja nicht alles, aber mit Hunden kenne ich mich nun wirklich aus!” Luise und ich gingen leichtfüßig weiter und überließen den Herrn seinem Glauben an seine Unfehlbarkeit.

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