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Festesser

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Dass ich nicht nur Hunde, sondern Tiere überhaupt mag, hat sich möglicherweise mittlerweile herumgesprochen. Schon als kleines Ding sammelte ich alles ein, was nicht bei zwei auf einem Baum war, Käfer, Spinnen, Kaninchen, Vögel mit gebrochenen Flügeln, Ponys, die auf ihrer Weide einsam aussahen, Kälber und junge Katzen. Mit der Zeit sprach sich das herum, und zur Verzweiflung meiner Mutter fanden mich Tiere, die der Meinung waren, es sei an der Zeit für einen Neustart ihres Lebens, von ganz alleine: Weggeflogene Wellensittiche landeten im Schulhof direkt vor meinen Füßen, verlaufene Hunde liefen mir direkt in die Arme, Goldfische, die irgendwer in Tümpel gekippt hatte, an deren Ufer ich gerade spielte, schwammen direkt in meine Marmeladengläser. Vielleicht sollte ich meiner Mutter, die zeitlebens mit Tieren eigentlich wenig am Hut hatte, an dieser Stelle offiziell danken, dass sie das alles zuließ. Und gleichzeitig allen Müttern, die nicht begreifen können, wieso ihre Kinder so aus der Art geschlagen sind, und auf deren Befehl trotzdem säckeweise Heu, Einstreu, Vogelsand, Karotten, Salat, Markknochen und Äpfel anschleppen, auf dass ihre Kinder empathische, verantwortungsvolle, liebevolle Erwachsene werden.

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Tatsache ist jedenfalls, dass wildfremde Tiere trotz meiner fortschreitenden Vergreisung nicht aufgehört haben, meine Nähe zu suchen. Obwohl ich mein Leben lang jagdlich begeisterte Hunde gehalten habe, lauern Rehe und Wildschweine mir auf Spaziergängen geradezu auf. Im harten, vorletzten Winter versuchte ein Reh sogar, sich in meine Arme zu werfen, obwohl ich meine große Pudelin Luise und mein Windspiel Harry an der Leine führte, was das Reh im letzten Moment dann auch erkannte, über Harrys Leine stolperte und für ein entsetzliches Chaos sorgte.

Auch mein Garten hat magische Anziehungskräfte auf die Tierwelt. Ich kämpfe verbissen mit einem Maulwurf, der es nirgends schöner zu finden scheint als bei mir, obwohl ich Lappen mit Buttersäure und stinkige Zitronenkugeln in seine Gänge stopfe. Er nimmt es mir nicht übel, sondern legt die Lappen und Kugeln fein säuberlich auf seinen nächsten Maulwurfhaufen. Meine Hunde teilen neuerdings meinen Ehrgeiz, den Maulwurf loszuwerden. Gerade haben meine Jungrüden Pixel und Nano versucht, mir einen Gefallen zu tun und den Maulwurf auszugraben. Dabei sind ihnen die Proportionen ein wenig verrutscht, und der Krater ist so tief, dass es nur noch wenige Meter nach Australien sein können.

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Natürlich füttere ich im Winter die Vögel mit ausgesuchtem Bio-Premiumfutter mit Kräutern, getrockneten Mehlwürmern, Obst und handverlesenen Körnern. Mein Windspiel Harry findet, dass Vögel zu viel Dreck hinterlassen und sieht es als seine Aufgabe, alles zu fressen, was auf den Boden fällt – seine Figur erinnert dementsprechend im Winter an einen Blauwal, nur mit weniger Taille. Mein Garten sieht im Winter dabei so aus wie bei Hitchcocks Vögeln: Ich versorge offenbar die Vogelwelt von ganz Berlin und Brandenburg. Amseln sitzen kugelrund auf dem Zaun und sehen träge den andern Vögeln zu, die sich gutgelaunt zwitschernd den Bauch vollschlagen. Selbst Krähen, Tauben und Eichelhäher sind aufgrund des Nahrungsüberangebots friedlich und sitzen dazwischen, ohne dass sich jemand vor ihnen fürchtet. Mein Garten scheint eine Art „Schumann’s Bar“ der Vogelwelt zu sein: „See and be seen“.

Wir haben auch eine Maus, die dickste, glänzendste Maus, die man je gesehen hat: Seit Jahren ernährt sie sich von Bio-Vogelfutter und sieht dadurch aus wie die Heidi Klum der Hausmäuse. Auch ihr Sozialverhalten erinnert an Frau Klum, sie stapft selbstbewusst auf unserer Terrasse herum, lässt sich von niemandem beeindrucken und sichert sich ihre Pfründe. Harry und Fritz empört das. Die beiden haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, und eine Maus steht nach ihren Informationen hier nirgends auf der Gehaltsliste. Wann immer sie die Maus durch die Terrassentür entdecken, schreien sie Zeter und Mordio. Der Maus ist das egal, weshalb sie kein Geheimnis aus ihrer Anwesenheit macht. Ich wünschte, sie wäre schüchterner.

Eine zeitlang verdächtigte ich meine Hunde, die 800 Gramm-schweren Fettfutterkolben zu fressen, die in rasantem Tempo verschwanden (kurz kam mir auch der Gedanke, es könnten meine Nachbarn sein, aber die Vorstellung, sie würden nachts im Schlafanzug mit der Nagelschere mein Vogelfutter klauen, war doch zu absurd). Kein Vogel, kein Eichhörnchen hätte sie spurlos entfernen können. Dass meine Hunde dauernd des nachts in den Garten wollten, schien meinen Verdacht nur zu bestätigen: Sie hatten offenbar Bauchweh oder Durchfall von dem vielen, mit Sonnenblumenkernen und Erdnüssen durchsetzten Fett. Stattdessen stellten sie eines Nachts zwei Enoks, nicht besonders hübsche Marderhunde, obwohl diese hier glänzendes, augenscheinlich luxuriös-weiches Fell hatten. Sie versuchten gerade zu zweit, einen Futterkolben über den Gartenzaun zu stemmen, aber ihre dicken Bäuche waren etwas hinderlich.

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Ich sage es jetzt einmal ganz deutlich, so dass mich jeder hören kann: Am liebsten mag ich Hunde. Wirklich. Alle anderen Tiere sollen sich jemand anderen suchen, bitte.

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