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Wie viel Wurm ist gesund?

Interview zum Thema Wurmbefall, Behandlung und Prophylaxe mit der Tierheilpraktikerin Annette Dragun

Tierärzte raten gerne zu regelmäßigen Wurmkuren – wenn es im Haushalt Kinder gibt, möglichst alle drei Monate, ansonsten mindestens zweimal im Jahr. Der Tierhalter wird permanent verunsichert: Überall könnten sich Haustiere mit Spul-, Haken-, Band- oder Herzwürmern anstecken! Schon beim Schnuppern oder Lecken können die Würmer in den Darm und in den Blutkreislauf gelangen! Als Schmarotzer schädigen sie den Wirt durch den Entzug von Nährstoffen, Blut und dem Freisetzen von Giften! Mögliche Folgen: Schwächung des Immunsystems, Darmentzündungen, Durchfall, Verstopfungen, Erbrechen sowie Lungen- oder Leberfunktionsstörungen!

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Ist das wirklich so? Sind Würmer permanent dräuende Damoklesschwerter über der Gesundheit unserer Vierbeiner? Die Tierheilpraktikerin Annette Dragun hat sich in ihrem überaus informativen, leicht lesbaren Buch „Tierisches Risiko – Parasiten und Prophylaxe beim Hund“ mit Parasiten, Impfungen, Behandlungen und möglichen Prophylaxe-Maßnahmen genau auseinandersetzt. Im Interview fasst sie die wichtigsten Punkte zusammen, denn auch der Hundebesitzer sollte den Feind kennen, um ihn erfolgreich bekämpfen zu können. 

 

Frau Dragun, wie kommt es, dass manche Hunde besonders anfällig für Wurmbefall sind, während sich andere andauernd von vor sechs Wochen verstorbenen Mäusen und Mardern ernähren können, ohne dass ein einziger Wurm bei ihnen haften bleibt?

Annette Dragun: Eine genaue Antwort hierauf habe ich nicht, aber ich gehe davon aus, dass auch hier ein starkes Immunsystem eine Rolle spielt. Ein gesundes Immunsystem sorgt offenbar auch für die Abwehr von Parasiten.

Was ist das Gefährliche an Würmern? Ich kann mich erinnern, dass mein Großvater immer sagte, „Ach, so ein kleiner Wurm hat noch keinem geschadet.“

Das ist wohl auch so. Eine geringgradige Verwurmung kann sogar gesund sein, weil sie das Immunsystem auf eine positive Art beschäftigt. Das muss sich in dieser Zeit dann nicht um „eingebildete“ Feinde kümmern. Seit es aufgrund der extremen Hygiene und gezielten Wurmverhinderungsmaßnahmen bei Mensch wie Tier kaum noch zu Wurmbefall kommt, nehmen beispielsweise die Allergien massiv zu. Es gibt viele Forscher, die hier einen Zusammenhang sehen.

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Will heißen: Dem Immunsystem wird fad, also sucht es sich eine andere Aufgabe, und sei es, es muss eine Immun-Aufgabe „erfinden“.

So ist es. Das Immunsystem hat ja eine Aufgabe zu erfüllen, und wenn ihm die von außen abgenommen wird – ohne Wurm, ohne Bakterium, ohne Krankheitserreger, dann macht sich das Immunsystem die Polle zum Feind, oder die Hausstaubmilbe.

Wenn man den gemeinen Haushund beobachtet, gibt der sich ja größte Mühe, möglichst viele Bakterien und Krankheitserreger zu sich zu nehmen – sei es durch das Fressen von Aas, fremdem Kot oder sogar dem Aufnehmen von Waldboden.

Gerade im Boden sind ja auch viele Nährstoffe enthalten, und ja, Hunde haben ein großes Bedürfnis nach Bakterien.

Wenn wir davon ausgehen, dass ein geringer Wurmbefall für den Hund ganz in Ordnung sein kann – was ist denn das wirklich Gefährliche an Wurmbefall?

Eine starke Verwurmung kann das Tier extrem schwächen, innere Blutungen auslösen und für massive Mangelerscheinungen sorgen, gerade bei jungen Tieren, dann droht auch eine Mangelentwicklung. Ein Wurmbefall muss unbedingt kontrolliert werden. Der andere Grund ist, dass es bei Würmern ja auch um Zoonosen geht, dass diese Würmer also auch auf den Menschen übergreifen können, wo sie allerdings nicht „nur“ als Darmparasiten weiter leben, sondern auch andere Organe befallen – auch wenn das nur sehr, sehr selten passiert. Da wird auch eine Panik künstlich geschürt, aber trotzdem muss man da natürlich aufpassen, gerade bei besonders anfällige Menschen und kleinen Kindern, die kein starkes Immunsystem haben.

Menschen haben bei ihren Tieren ja mindestens so viel Angst vor dem Wurm, wie vor der chemischen Wurmkur. Greifen chemische Wurmkuren die Darmflora an?

Nein, das kann man so nicht sagen. Die sind so aufgebaut, dass sie tatsächlich nur die Parasiten angreifen können und der Hunde- oder Katzenkörper davon fast nichts mitbekommt. Das Gefährliche ist eigentlich, wenn ein starker Wurmbefall vorliegt und eine chemische Wurmkur gegeben wird: Hier kann es passieren, dass die Würmer im Darm absterben und dann Toxine entwickeln die dann in den Körper übergehen. Diese Toxine greifen die wertvollen Darmbakterien an. Das ist auch das, was viele Leute mit den Nebenwirkungen von der Wurmkur verwechseln. Das ist in Wirklichkeit die Nebenwirkung der Verwurmung.

Um es mal deutlich auszudrücken: Die Nebenwirkung entsteht durch die tausenden von Wurmleichen im Darm.

Genau. Darum macht es eben Sinn, darauf zu achten, dass der Hund keinen starken Wurmbefall bekommt – ein paar Würmer kann er gut kontrollieren, aber wenn der Darm richtig voll sitzt, kommen eben diese Nebenwirkungen zustande.

Hunde haben in Wirklichkeit gewöhnlich deutlich seltener Würmer, als sie entwurmt werden. Mein Tierarzt beugt bei seinem Hund dem Wurmbefall vor, indem er ihm alle drei Monate eine Wurmkur einwirft, ohne vorher eine Kotprobe zu machen. Ich würde das nicht als Prophylaxe bezeichnen.

Ist es ja auch nicht. Eine Prophylaxe hieße, dafür zu sorgen, dass sich die Würmer gar nicht erst ansiedeln können. Wenn Sie dem Hund heute eine Wurmkur verabreichen, entsorgen Sie die angesiedelten Würmer, er kann sich trotzdem morgen sofort wieder anstecken. Eine Möglichkeit der Prophylaxe wäre, den Hund mithilfe bestimmter Futterzusätze so zu ernähren, dass der Darm für den Wurm einfach unattraktiv wird. Ein Antiparasitikum dagegen ist bei aller geringen Gefährlichkeit ein Toxin, dessen Belastung natürlich kumuliert, wenn der Körper ihm immer und immer wieder ausgesetzt wird. Jeder Tierarzt kennt Patienten, die auf Wurmkuren mit Erbrechen oder Durchfall reagieren, schlimmstenfalls sogar mit epileptischen Anfällen.

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Der Hundebesitzer muss sich klar machen, dass Wurmtabletten keine Hundekekse sind, die man mal eben so verabreicht.

In manchen Ländern* sind Wurmkuren ohne klaren Befund sogar verboten. Ein „klarer Befund“ bedeutet, es müssen schon eine ansehnliche Menge von Wurmeiern im Kot gefunden werden, bevor das Medikament eingesetzt werden darf. Für mich gilt: Vorbeugen ist immer besser als Giftschlucken.

Wie kann eine wirksame Prophylaxe also aussehen?

Da gibt es ganz viele verschiedene Möglichkeiten, die man auch ausprobieren muss, denn nicht jede Prophylaxe eignet sich für jeden Hund. Ein Standard-Rezept von mir ist z.B. Kokosraspeln mit ins Futter – die wirken zum einen mechanisch und wirken über das ätherische Öl -, dann kann man geraspelte Mohrrübe dazu geben und etwas Propolis. Diese drei Komponenten einmal die Woche übers Futter gegeben ist eine sehr effektive Vorsorge. Ich mache das auch bei meinen eigenen Hunden seit Jahren, und die sind seit Jahren wurmfrei.

Dürfen Ihre Hunde Kacke fressen?

(lacht) Sie dürfen es nicht, aber sie tun es.

Es gibt auf dem Markt eine ganze Menge Kräutermischungen gegen Würmer, die vor allem aus Bitterstoffen bestehen. Sie haben Sie in Ihrem Buch „Tierisches Risiko – Parasiten und Prophylaxe beim Hund“ auch weitestgehend aufgelistet.

Es gibt leider keine Formel, die bei allen Hunden zu 100% wirkt. Man muss sich durch Ausprobieren herantasten, welche Zusätze bei den eigenen Hunden am besten wirken.

Hühner scheinen da noch bessere Instinkte zu haben als Hunde. Die fressen nämlich sehr gerne Oregano, Beifuß, Minze oder Thymian, während ich zwar jeden Morgen beobachten kann, wie begeistert meine Hunde Gras fressen, aber an mein Kräuterbeet gehen sie nicht heran. Eigentlich spannend.

Vielleicht lebt der Hund schon zu lange mit dem Mensch zusammen und verlässt sich auf ihn. Deshalb weiß er nicht mehr, dass er Salbei und Oregano fressen sollte.

Was macht man im dem Fall, wenn man eine Hündin hat, die demnächst Welpen bekommen soll?

Idealerweise lässt man bei ihr eine Kotprobe durchführen, bevor man sie zum Rüden bringt und füttert sie dann während der Trächtigkeit auch mit diesen Prophylaxe-Mitteln. Wenn sie allerdings befallen sein sollte, würde ich durchaus zur chemischen Wurmkur greifen, bevor wirklich alles zu spät ist. Dass wir uns nicht falsch verstehen: Eine chemische Wurmkur ist immer zu empfehlen, wenn Parasiten vorhanden sind und der Körper des Hundes das Problem alleine nicht lösen kann. Wenn sie allerdings nicht befallen ist, wirken sich die ätherischen Kräuter, die sie während der Trächtigkeit ins Futter bekommt, ja auch positiv auf das Immunsystem der Welpen aus. Es sollte doch immer gelten: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

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*In Dänemark, Schweden Holland und Italien

 

 

Obwohl sie mittlerweile seit 20 Jahren als Tierheilpraktikerin praktiziert, war Annette Dragun ursprünglich  Kreuz- und Quereinsteigerin. Nach mehr oder weniger unterhaltsamen Seitensprüngen als Testfahrerin bei Auto-BILD, Pferdepflegerin, Journalistin, Produktions- und Reiseleiterin besann sich die damals 30jährige im Jahr 1999 wieder auf das, was sie ihr Leben lang am liebsten hatte: Die Arbeit mit Tieren.  Sechzehn Jahre lang arbeitete sie auf der balearischen Insel Mallorca als Tierheilpraktikerin in der „Eurotierklinik“, bevor sie an ihren Heimatort Risum in Nordfriesland zurückkehrte und dort ihre Praxis eröffnete.

Annette Dragun hat zwei wichtige, leicht verständliche Bücher geschrieben: „Tierischer Juckreiz – Allergien bei Hunden verstehen und behandeln“ und „Tierisches Risiko – Parasiten und Prophylaxe beim Hund“ , dass sich mit Parasiten, Impfungen, Behandlungen und möglichen Prophylaxe-Maßnahmen auseinandersetzt. Sie praktiziert in Nordfriesland, und bietet auch telefonische Therapie-Begleitung an.
www.tierheilpraxis-nordfriesland.de

 

mehr zu Thema: https://www.lumpi4.de/da-ist-der-wurm-drin/

6 Kommentare

  1. Das mit den Kokosraspeln probiere ich mal aus. Unser Schika hatte zum Glück noch nie Würmer. Von Wurmkuren halte ich auch immer nicht so viel.. Ich arbeite als Aromacoach für mentale Aromatherapie für Hunde & Zweibeiner und gebe bei Magenproblemen schon mal Öle auf und in den Kerl. Aber wie gesagt – Würmer hatten wir zum Glück noch nie!

    • Was ist denn das “das”, was Ihre Tierheilpraktikerin anders sieht? Auch Herr Schrader, dessen Link Sie eingefügt haben, ist ja der Meinung, dass Wurmkuren angewendet werden sollen, wenn der Hund starken Wurmbefall hat.Hilft ja nun einmal nix.

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