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Hundeausläufe – Freiheit, die ich meine?

bildvom 19.6.2011

Zu jedem Hundespaziergang gehört die Hoffnung oder sogar die Erwartung, dass uns dabei etwas Wundervolles passieren könnte (nicht umsonst hoffen so viele Singles, per Hund auf die Liebe ihres Lebens zu stoßen). Zumindest die Hunde sind jedes Mal absolut überzeugt davon: „Warte nur ab”, sagt der Hund und tanzt beim Anblick der Leine, „uns passiert gleich etwas ganz Tolles. Du wirst schon sehen.”
Der Verhaltensbiologe und Nobelpreisträger Konrad Lorenz sagte einmal: „Der Wunsch, ein Tier zu halten, entspringt einem uralten Grundmotiv – nämlich der Sehnsucht des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies.” Wenn unsere Hunde uns also aus der Haustür zwingen, können sie uns für kurze Zeit aus unserem komplizierten Menschenleben hinausziehen, das aus Nachrichten, Rechnungen, Arbeit, Verantwortung und Milliarden Emails besteht, in die weite Welt hinaus.
Stattdessen schleppen wir sie an der Leine in enge Parks, ängstlich bedacht, den Hund von fremden Picknickern fernzuhalten, die es nicht lustig finden, wenn ein begeisterter Hund auf ihrer karierten Decke auf Spurensuche nach Grillwürstchen und Erdnußflips geht, fern von Roller-Skatern und Radfahrern, weit weg von kleinen Kindern mit Eis oder Keksen in der Hand und ihren Müttern, die in jedem Hund eine reißende Bestie vermuten. In vielen Parks gibt es eingezäunte Hundeausläufe, um die vielfältigen Interessen besser voneinander zu trennen. Eine gute Idee, sollte man meinen, für Hunde, die gerne mit anderen spielen; Hunde sind hochsoziale Wesen und wünschen sich Artgenossen zum Spielen. Ich brachte meine Landpommeranzen neulich in einen Hundeauslauf auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, weil ich dachte, dass sie sich auf Wald und Feld mit den sehr übersichtlichen Hundekontakten vielleicht langweilen. Ein Hundeauslauf erinnert an einen Kinderspielplatz, ein eingezäuntes Carré mit Bänken und vielen anderen Hunden: Nun lauf und geh’ spielen! Bloß sind Hunde keine Kinder. Sie sind Gruppentiere, also bilden sie eine Gruppe. Weil in Hundeausläufen aber ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, ist es eine ziemlich chaotische Gruppe. Mit jedem dazukommenden Hund und jedem, der wieder geht, änderte sich die Gruppendynamik sofort, Hierarchien mussten neu aufgestellt werden. Die Menschen standen herum, die Hunde rasten durch die Gegend, bellten, tobten, rempelten. Kein Hund hatte Zeit herauszufinden, wo er eigentlich stand. Meiner Privatgruppe gefiel das nicht. Sie konnten Hunden, die Druck machten, nicht aus dem Weg gehen. Luise spezialisierte sich darauf, allen Jack Russells, die sie prinzipiell für Querulanten hält und von denen eine beachtliche Anzahl anwesend war, erst einmal zu zeigen, wie man sich in der Öffentlichkeit benimmt. Fritz rannte einfach die ganze Zeit im Kreis. Ida, der alle Knochen weh tun, stellte sich hinter mich in der Hoffnung, von keinem rennenden Hund angerempelt zu werden. Harry stellte sich schlotternd unter eine Bank und kam nicht mehr heraus. Mein halber Hund George versuchte verzweifelt, einem riesigen Golden Retriever zu entrinnen, der seine Nase zwischen Georges Hinterbeine gerammt hatte. Die Konflikte der Hunde übertrugen sich auch gleich auf die Menschen: Besitzer von ängstlichen Hunden fanden die von ungestümeren, offensiven Hunden unmöglich, wer einen angeberischen Hund hatte, verachtete die mit schüchternen. Mir persönlich waren das zu viele Dinge, mit denen ich mich auseinandersetzen musste, aber nicht wollte. Wir gingen wieder. Ich wünsche mir für meine Spaziergänge das Gefühl des Vorwärtskommens, nicht des Stillstands. Ich will hinaus in die Welt. Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies.

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