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Hundeausstattung: Zeige mir deine Leine…

dogs_kleinNr. 29 / Ausgabe Juli/August

Es gehörte einmal echter Mut dazu, einen Hund an einer roten Leine spazieren zu führen. Vor allem, wenn man ein Mann war: Als ich klein war – was sich anfühlt, als wäre das noch zu Zeiten von Hindenburgs Präsidentschaft gewesen – trugen die Hunde von Männern (Rauhaardackel, Foxterrier, Schnauzer) Halsbänder und Leinen aus grünem oder braunen Leder, die der Damen (Pudel, Möpse, Langhaardackel, Bedlington Terrier) grüne, gelbe oder rote. Als ultimatives Über-Accessoire trug der Damenhund ein farbig passendes Lederherz, in dem des Hündchens Telefonnummer und 20 Pfennig steckten, damit Frauchen sogleich vom nächsten öffentlichen Fernsprecher aus darüber informiert werden konnte, wo Flocki steckte.
Mehr Eleganz war nicht drin. Und ich kann mich nicht erinnern, je darüber von einem Hund Klagen gehört zu haben.
Der moderne Hund hat längst nicht mehr nur eine Leine fürs Leben: er hat mindestens eine für den Alltag, eine Flexileine, eine Leine für besondere Anlässe, zwei Schleppleinen (eine mit vielen Knoten und eine, die immer naß ist und müffelt) und mehrere Leinen, die mal eine gute Idee zu sein schienen, aber aus verschiedenen Gründen nicht mehr vorzeigbar sind.
Ich selber bin keineswegs von dem Leinen-Tick ausgenommen. Bei mir ist es eher schon ein Leinen-Zwang: Wahrscheinlich kompensiere ich damit, dass ich nie Gelegenheit hatte, einen Schuhtick zu entwickeln – meine Füße sind zu groß. Stattdessen bin ich die Imelda Marcos der Hundeleinen. Wenn es irgendwo schöne Leinen gibt, finde ich sie. Sind aus besonderem Leder, geflochten, aus Glatt-, Rauh- oder Fettleder, habe ich sie. Aus Pferdehaar hergestellt, mit Einlegearbeiten versehen, von Touaregs geknüpft. Zu meinem 40. Geburtstag schenkte mir mein Bruder, der mich wirklich kennt, nicht etwa Juwelen oder wertvolle Erstausgaben antiker Bücher, sondern zwei geflochtene Leinen von Bottega Veneta. An andere Geschenke kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.

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„Zeige mir deinen Hund, und ich sage dir, wer du bist” hat eine völlig neue Bedeutung bekommen: Wer wirklich etwas über Herr und Hund erfahren möchte – etwa bei einer Zufallsbekanntschaft im Park -, muss nur genauer hinsehen, was die beiden tragen: „Du bist, was du trägst” gilt nicht nur für Banker in dunkelblauem Zwirn und späte Mädchen in Juicy-Fruit-Spielanzügen. Leine und Halsband sind Statussymbole, die zielsicher die Lebensart von Herr und Hund entlarven. Wenn ein Hund an einer Perlenkette spazieren geführt wird, kann man getrost davon ausgehen, dass er sich nur selten in Matsch und unwegsamem Gelände aufhält, sondern eher ein Asphalthund ist, falls er nicht gerade auf dem Weg zu einer offiziellen Einladung ist. Andere Hunde passen farblich immer auffallend gut zum Outfit ihrer Besitzerinnen. Wieder andere – häufig Weimaraner oder Englische Setter, die aber die „Jagd” nur vom Wort „Schnäppchen-Jagd” kennen – laufen mit edlen Halsbändern herum, die mit unübersehbaren Logos großer italienischer Modefirmen dekoriert sind. Diese Hunde gehören meistens Jungs. Meistens zwei Jungs in sehr modischen Klamotten. In Berlin dagegen, der Stadt des modischen Understatements, führt man seinen Hund auch gerne mal am Bademantelgürtel durch Mitte, denn hier gilt es immer wieder zu beweisen, wie intellektuell, künstlerisch und völlig unbeeindruckt von Äußerlichkeiten man ist (in meiner Kindheit hatte mein Onkel zwei Dackel, die „Hey Sie” und „Hallo” hießen. Das Berliner Äquivalent wären zwei Hunde namens „Arm” und „Sexy”).
Die Hunderassen allein reichen nicht mehr aus für menschlichen Projektionen; es gehört zwingend das entsprechende Equipment dazu. Ich kenne unglaublich liebenswürdige Pitbulls, die um ihren Hals handtellerbreite Lederhalsbänder mit 20 Zentimeter langen, unfreundlich aussehenden Borsten tragen müssen, wodurch sie aussehen wie die Höllenhunde römischer Imperatoren, während doch eigentlich nur ihre Besitzer unangenehm sind. Bei jenen, die mit Hunde-Schamanen heulen und systemische Verstrickungen bei ihren Hunden zu beklagen haben, sind indianische Motive sehr gefragt.
Vorsicht ist dagegen geboten bei sehr plakativen Botschaften. Ein absolutes Must-Have sind dabei momentan die Geschirre, an denen man per Klettverschluß launige Botschaften anbringen kann: Eine Art „Laßt Blumen sprechen”, bloß per Hund. Auf manchen Hunden steht dann „Flohtaxi”, „Alarmanlage”, „Kampfschmuser” oder „Biotonne”. Was für Träume und Wünsche den Mann umtreiben, der auf seinen Hund „Sexmaschine” klebt, ist keine Quizfrage, während eine Frau, auf deren Hund „Du bist ein Teil von mir” steht, sich selbst jegliche Chancen auf einen heißen Park-Flirt gründlich verdirbt. Aber was ist von jemandem zu halten, der seinen besten Freund mit dem Etikett „Dumpfbacke” versieht?
Manchmal ist weniger vielleicht doch mehr.

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