Auch Kleinvieh macht Mist

bildvom 11.4.2010
Dass es auf die Größe nicht ankommt, ist eine wohlbekannte Lüge. Tatsächlich ist Körpergröße in vielen Fällen aber eher eine Angelegenheit einer gefühlten Realität als der objektiven Wahrnehmung. Sonst würden einem Hundebesitzer, deren 30-Kilo-Wuchtbrumme begeistert versucht, mit einem völlig überforderten 5kg-Klappergestell zu spielen, das bereits vor Angst quietscht, nicht immer in beruhigendem Ton zu den anderen Kleinhundebesitzern sagen: “Das klären die schon von alleine!” Ein gerne und häufig wiederholter Standpunkt, den man im umgedrehten Fall übrigens nie hört.
Wobei wir neulich just diesen umgedrehten Fall erlebten: Wir trafen Bonbon, einen dreieinhalb Kilo schwerer Malteser-Pudelmischling, ein fluffiges weißes Ding, dessen Persönlichkeit eine Mischung aus Kamikaze-Kämpfer und Selbstmord-Attentäter ist. Er findet nichts dabei, sich Hunden an die Gurgel zu werfen, die vielfach so groß sind wie er. Würde er 30 Kilo wiegen, hätte man ihn rund um die Uhr zu Maulkorbpflicht und Leinenzwang verpflichtet.
Er wiegt aber keine 30 Kilo, und seine Besitzer finden Bonbons Größenwahn charmant. Dann lernten wir ihn kennen. Bonbon sah Luise, Ida, Harry und Fritz entspannt in seine Richtung traben, warf sich in Pose – mit aufgestelltem Kamm wirkte er deutliche 15mm größer – und brüllte los. Die Vier ignorierten ihn völlig, obwohl mir schien, dass sie einen Blick wechselten. Bonbon war empört und warf sich in Luises Gesicht, wobei er lauthals Fluchwörter ausspuckte. Luise hob ihren Kopf etwas höher und betrachtete Bonbon mit amüsiertem Gesichtsausdruck als wolle sie sagen: „Kein Hirn, aber Chuzpe.”
Luises Nachsicht machte den kleinen Kreuzritter nur noch wütender. Er war wild entschlossen, diesen Kampf zu gewinnen, doch dafür musste es erst einmal dazu kommen. Er schoß hinter Luise her, die mit lässigem, federndem Schritt vorantrabte, machte einen Satz, packte ihre Rute und hing an den langen Haaren fest. Sobald seine Beine wieder den Boden berührten, legte er todesmutig den Rückwärtsgang ein, knurrte, schüttelte Luises Rute und gab sein Bestes. Luise ihrerseits weigerte sich einfach, den kleinen weißen Fluff da hinten wahrzunehmen, trabte weiter und zog Bonbon hinter sich her wie einen winzigen Wasserskifahrer.
Bonbon war so rasend vor Wut, dass er einfach nicht ernst genommen wurde, dass er nach einem nächsten Opfer Ausschau hielt: Da fiel sein Blick auf Fritz.
Er schoß auf mein Windspiel Fritz zu und wollte seinen Rutentrick wieder anwenden, rutschte an Fritz’ glattem Fell aber ab und wollte improvisieren, indem er Fritz’ Hinterbein packte.
Fritz fuhr herum und drückte Bonbon mit seiner rechten Vorderpfote zu Boden. Bonbon kämpfte einen Moment, bis Fritz ein einzelnes, tiefes Knurren ertönen ließ. Die Wirkung trat umgehend ein: Bonbon hielt so vollkommen still, als wäre er vor Schreck gestorben.
Zufrieden nahm Fritz langsam seine Pfote von Bonbon, betrachtete den bewegungslosen kleinen Hund eine Sekunde lang und marschierte davon, um sich wieder um seine Angelegenheiten zu kümmern. Bonbon blieb ganz still liegen. Er schielte nach rechts, dann nach links, um zu sehen, wo das gefährliche Windspiel abgeblieben war. Vorsichtig hob er den Kopf. Als er das Gefühl hatte, die Luft wäre rein, stand er auf, schüttelte sich, und ging pfeifend seines Weges.
Neulich trafen wir Bonbon wieder im Park. Fritz sah nur einmal kurz seitlich zu Bonbon, der sofort umkippte und tot spielte, bis sein Herr und Meister über den Hügel spaziert war.
Ich wünschte, ich könnte meine Grenzen auch nur ansatzweise so klar setzen.

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