Longieren für Hunde

Die Entlebucher Hündin Baboo läuft in gewaltigen Sätzen in einem großen Kreis um Frauchen herum und kläfft vergnügt. Auf ein Handzeichen pflanzt sie sich auf ihren runden Hintern, lässt sich anschließend auf ein weiteres Handzeichen in die entgegengesetzte Richtung schicken, läuft an den Hunden, die ihr entgegen kommen vorbei, ohne sie auch nur anzublinzeln und bleibt strahlend stehen, als ihre Besitzerin ihr aus zehn Meter Entfernung „Steh!” zuruft.
„Vor einem halben Jahr war Baboo noch völlig unlenkbar”, sagt der Hundetrainer Frank Peggau vom Hand-in-Pfote-Team Berlin.„Durch das Longieren hat sie gelernt, sich auf Frauchen zu konzentrieren und sich nicht permanent um alles andere zu kümmern.”
Was Pferdetrainer längst wissen, haben nun auch Hundetrainer entdeckt, nämlich: dass das Longieren ungeahnte Möglichkeiten für die Denk- und Vertrauensarbeit birgt: Es ist eine erstaunlich effektive Methode, Bindung und Kommunikation des Hundes zu seinem Menschen zu stärken, ihn auf Distanz zu führen und zu lenken oder durch gleichmäßige Bewegung Streß abzubauen.

Mit „Pferd spielen” hat es wenig zu tun, obwohl es von Weitem so aussehen kann: Auf ebenem Gelände wird ein großer Zirkel von 10 oder 20 Meter Durchmesser angelegt, abgetrennt mit einem etwa 20-40 cm hohen Band als visuelle Barriere, die der Hund nicht übertreten darf. Der Mensch steht in der Mitte, der Hund läuft außen um den Kreis herum und soll nun einmal nicht die Nähe des Menschen suchen, sondern „außen vor” bleiben. Diese neue „Du bleibst draußen”-Strategie verblüfft die meisten Hunde so sehr, dass sie sich schon nach ganz kurzer Zeit fabelhaft auf die Signale ihres Menschen konzentrieren.
Im täglichen Zusammenleben sieht es ja oft eher so aus: Der Hund interessiert sich für andere Hunde, andere Menschen, Fahrräder oder tote Maulwürfe – und Herrchen oder Frauchen verbringen viel Zeit mit dem Versuch, die Aufmerksamkeit ihres Hundes auf sich zu lenken. Viele Hunde sind von den permanenten Kontaktversuchen (nebst Motivations-Keksen) ihrer Menschen so übersättigt, dass sie sich selber gar nicht mehr bemühen, ihrerseits Kontakt zum Herrn aufzubauen: Warum auch? Der Mensch nimmt es ihnen ja ab.
Beim Longieren ändert sich diese Situation zum Erstaunen von Mensch und Hund schlagartig. Ausgesperrt zu sein scheint Begehren zu wecken, nach dem Prinzip: Distanz schafft Nähe.„Je größer der Abstand zwischen Hund und mir ist”, so Anita Balser, Leiterin der Hundeteamschule in Usingen, „desto größer wird sein Bedürfnis, bei mir zu sein und sein Fokus auf mich.”„ Im Longierzirkel wird das Sender-Empfänger-Prinzip völlig umgedreht”, sagt Thomas Baumann, ehemaliger Polizei-Diensthundeführer bei Interpol und Leiter des „Hundezentrum Baumann:„Der Hund bekommt vom Menschen so lange keine Signale mehr, bis er seinerseits versucht, Kontakt aufzunehmen. Diese Kontaktaufnahme kann der Mensch dann mit Bestätigung annehmen. Die Kommunikation zwischen Mensch und Hund lässt sich auf diese Weise unglaublich verbessern.” Normalerweise werden mehrere Hunde gleichzeitig am Kreis longiert: Die Hunde konzentrieren sich tatsächlich so stark auf ihren Hundeführer, dass sie sich bald nur selten von den anderen ablenken lassen.

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Die neue Hundesportart ist gar nicht so neu – schon in den 60er Jahren wurden skandinavische Polizeihunde longiert, um auch ihnen auch in begrenztem Gelände körperlichen Ausgleich zu schaffen, denn Longieren verlangt dem Hund nicht nur hohe Konzentration, sondern auch ein enormes Laufpensum ab: Ein Kreis von 20 Metern Durchmesser bedeutet für den Hund eine Laufstrecke von ca. 60 Metern, wodurch sich also auf vergleichsweise engem Raum eine hohe körperliche Auslastung erreichen läßt. Auch der Schweizer Ausbilder Hans Schlegel nutzt das Longieren seit über zwanzig Jahren „als effizienteste Form für die Therapie von verhaltensauffälligen Hunden”.

Mittlerweile ist zu der „Kommunikationsübung” noch das„Sportlongieren” hinzugekommen, bei dem die Hunde außerhalb des Kreises auf Distanz beispielsweise über Hindernisse geschickt werden oder auf Sichtzeichen Tricks und Kunststücke ausführen.
Die Möglichkeiten sind endlos, die Anfänge dabei immer gleich: Der Hundeführer geht innerhalb des Kreises und führt den Hund, der außerhalb des Kreises bleibt, an möglichst lockerer Leine. Der Hund lernt, die Distanz zwischen sich und dem Hundeführer zu akzeptieren – versucht er, in den Kreis zu gelangen, muss der Mensch ihn mit seinem Körper blockieren. Sobald der Hund seinen Herrn fragend ansieht – Bravo! Kontaktaufnahme! -, wird er mit einem Lob oder in der Vorwärts-Bewegung mit Essbarem belohnt. Mit jeder Runde verändert sich das Verhalten des Hundes bereits, er versucht immer weniger, in den Kreis hineinzukommen und sucht immer öfter den Blick – die soziale Kommunikation verstärkt sich. Von Anfang an baut man Sicht- und Hörzeichen mit ein, bei Richtungswechseln, beim Sitzmachen, etc. Schließlich wird langsam, aber kontinuierlich ein größerer Abstand zwischen Mensch und Hund eingebaut, der Hund kommt an eine längere Leine – eine Longe -, wobei der Hund die wachsende Distanz kaum bemerkt. „Wenn man dann eine Weile gut mit der 5-Meter-Leine gearbeitet hat”, so Anita Balser, „ kommt man anschließend normalerweise ohne Longe aus.”
„Typische Fehler des Hundeführers”, so Frank Peggau, „sind beispielsweise, dass der Hund außerhalb des Kreises gelobt wird, wenn man mit dem Longieren fertig ist: Dabei soll es eben nur zu Bestätigung kommen, so lange der Mensch im Kreis ist. Ein weiterer Fehler ist, den Hund am Kreis heruntergefallene Leckerli aufheben zu lassen: Dann wird es sehr schwer werden, ihn davon abzubringen, den Boden nach Futterresten abzusuchen, anstatt sich auf seinen Menschen im Kreis zu konzentrieren.”
Bisher bieten nur wenige Hundeschulen das Longieren an – auf eigene Faust damit anzufangen ist dennoch nicht ratsam, weil man zu viele Fehler einbauen kann. Einige Hundeschulen bieten aber Seminare an, Vorbilden kann man sich per Literatur und DVD.
„ Neben allen Aspekten für den Hund”, sagt Anita Balser, „ ist Longiertraining eine fantastische Körpersprachenschulung für den Hundeführer. Der Mensch lernt, Handsignale präzise einzusetzen und vor allem, eine Tabuzone zu etablieren und sich abzugrenzen.” Man kann das Longieren endlos erweitern durch Apportierspiele, Ignorieren von Futter, Spiel- oder Beutegegenständen, die im Kreis ausgelegt werden – bis das Training so perfektioniert ist, dass freies Longieren ganz ohne sichtbare Barrieren möglich ist und der Hund sich so auf seinen Menschen konzentriert, dass er sich mit Hör- oder Sichtzeichen in die verschiedenen Richtungen, näher oder weiter weg schicken lässt.
Und das war es doch, was wir uns immer gewünscht haben – die unsichtbare Leine.

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Weitere Informationen zum Thema Longieren finden Sie hier:

Hand in Pfote- Team
Frank Peggau
Schenkendorfer Weg 1a
14513 Teltow
Telefon : 0174 641 51 97
l

HundeTeamSchule
Anita Balser
Hubertus-Str. 9a
61250 Usingen – Michelbach
Tel.: 06081/449037
Internet: www.hundeteamschule.de

Hund-Mensch-Schule
Yvonne Albrecht
Geigen 17
95030 Hof
Tel. 09281/784 993
http://www.hund-mensch-schule.de

Buch:
Thomas Baumann: „Ich lauf’ schon mal vor…”
Baumann-Mühle Verlag, EUR 49,00

DVD
“Longieren mit Hunden nach HundeTeamSchule” EUR 29,95
Zu bestellen unter:
http://www.lehrvideo-shop.com/product_info.php?info=p426_Longieren-mit-Hunden–DVD-.htm

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