Mann soll Hunde nicht mit Kindern vergleichen…

bildvom 6.Juni 2010

Gestern sagte jemand zu mir, Hunde zu haben sei ja genauso, wie Kinder zu haben, und meinte damit den betriebenen Aufwand. Dem möchte ich hiermit in aller Deutlichkeit widersprechen. Ich verstehe die dauernden Vergleiche zwischen Kindern und Hunden sowieso nicht: Als hätte man Hunde anstelle von Kindern oder umgedreht. – Natürlich ist es mühsam, jeden Tag stundenlang bei Wind, Wetter und Schnee mit dem Hund spazieren zu gehen, und in der Tat müffeln Hunde manchmal – von den Haaren in der Wohnung ganz zu schweigen. Aber insgesamt bekommt man im Zusammenleben mit Hunden im Vergleich eine ganze Menge weniger Ärger für sein Geld. Mit Hunden muss man keine Französischvokabeln lernen, sie gehen durch keine rosa-Inferno-Prinzessin-Lillifee-Phase und brauchen kein iPhone; man muss sie nicht dazu überreden, Abitur zu machen und jahrelang Problemgespräche mit ihren Lehrern führen; Hunde blockieren nicht das Badezimmer und geben einem auch nicht dauernd das Gefühl, man wäre tausend Jahre alt und längst nicht mehr von dieser Welt. Hunde dagegen spenden in Zeiten von Unsicherheiten und Trauer Trost. Der Sohn einer Bekannten war da weniger mitfühlend und schrieb zu ihrem 46. Geburtstag – als wäre das nicht schlimm genug – auf Facebook: „Happy Birthday, Fetti.” Eine Freundin erzählte neulich, ihr 15jähriger Sohn würde immer, wenn sie aus der Dusche käme, sagen: „Hmmm, altes Fleisch.” Meine Hunde würden so etwas nie äußern. Mag sein, dass das als Witz gemeint ist, aber diese Sorte von Humor muss man sich erst jahrelang in Teenager-Humor-Camps erarbeiten. Die gleichen Teenager, die irre humorvoll sind, wenn es um ihre Eltern geht, sind allerdings komplett spaßfrei, sobald es sie selbst betrifft: Wehe, man macht etwa einen launigen Kommentar zu ihrer Frisur, für die sie am Tag mehr Zeit aufwenden, als es dauerte, die Sixtinische Kapelle auszumalen. Hunde brauchen auch keine Turnschuhe, die ungefähr soviel kosten wie ein Kampfhubschrauber, dabei aber technisch viel weiter entwickelt sind, weil sie leuchten, unter den Fersen kleine Rollen besitzen, oder was man sonst so braucht, um effektvoll die Straße zu überqueren. Mein Patensohn hat solche mit kleinen Luftpumpen innen, deren orthopädischer Vorteil darin besteht, dass sie das 7-fache kosten von normalen Turnschuhen. Gewöhnliches Herumlaufen wird zu einem hochgradig komplexen Vorgang. „Halt!” schreit er, wenn er verschlafen hat. „Ich muss erst meine Turnschuhe aufpumpen!” Gott bewahre, er käme nicht total aufgeblasen in die Schule.
Hunde stellen einen auch bei Weitem nicht so infrage, wie Kinder das tun. Meine Hunde finden nichts schöner, als den Abend an meiner Seite zu verbringen, was man von Kindern nicht behaupten kann: Die Mitglieder einer normalen modernen Familie verbringen höchstens dann einen Abend gemeinsam, wenn sie zusammen in einem Aufzug eingesperrt sind. Kinder sehen die Älteren längst nicht mehr als Quelle von Weisheit und Wahrheit – meine Generation tat das jedenfalls nicht. Wir bezogen alle unsere Wahrheiten von mittlerweile verstorbenen Rockstars, in deren Venen mehr Drogen flossen als die gesamtdeutsche Pharmaindustrie innerhalb eines Jahres herstellen kann. Wir betrachteten unsere Eltern als fremdartige Lebensformen, die uns unglaublich auf die Nerven gingen, wenn sie uns rieten, Zahnarzt zu werden oder Anwalt, anstatt eine Karriere zu verfolgen, die uns wirklich erfüllend und bedeutungsvoll erschien, wie etwa Seehundtrainer oder Zitherrestaurator; wir waren außer uns vor Empörung, wenn sie unsere Entscheidung infrage stellten, jemanden zu heiraten, den wir erst ein paar Tage kannten und noch nie in Tageslicht gesehen hatten.
(Und wie empört wir dann erst ein paar Jahre später waren, als wir uns scheiden ließen und uns zum Medizinstudium einschrieben.)
Das alles kann einem mit Hunden nicht passieren. Die finden alles toll, was man macht, Hauptsache, sie dürfen dabei sein. Vor allem beim Seehundetraining.

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