Murmelhunde

aus: DOGS 3/2017

Hunde sind nicht besonders originell in ihren Trainingsansprüchen. Bereits vor hunderttausend Jahren, als Hunde noch alle Freiheiten besaßen und und Paleo kein Hype, sondern schlicht die gängige Ernährungsart war, streunten sie in der Nähe der Menschen herum, um dann, sobald ein Neandertaler seine Höhle verließ, um zum Beispiel Wasser zu holen, auf ihn zuzurasen,  ihn anzuspringen und  mit ihren schmutzigen Pfoten seinen Lendenschurz zu verschmieren. „Donnerwetter, Heidrun“, raunzte er seine Frau an, „die Hunde müssen endlich erzogen werden!“

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Seither hat sich nicht viel verändert, außer dass Schokolade erfunden wurde. Jeder weiß, dass zum Umgang mit Hunden die Erziehung gehört. Andernfalls steht man morgens im Park und geniert sich wie ein Schulmädchen, wenn man seine Hunde ruft, die daraufhin wie ein Drillteam als perfekte Einheit in entgegengesetzte Richtung marschieren, die Nase am Boden. Bleibt nur zu hoffen, dass sie tatsächlich ihren uralten Instinkten folgen und sich nicht insgeheim über des Menschen Ungewissheit ins Fäustchen lachen, wie die anderen Hundebesitzer, die derlei beobachten.

Weil ich mit Hunden früh angefangen habe, war meine eigene Erziehung praktisch in das Training unserer Hunde integriert. Ich beherrsche alle Grundkommandos hervorragend, und auch ein paar Tricks. Seit vier Jahrzehnten vermittele ich das Gleiche meinen eigenen, allen Pflege – und allen Gasthunden – wie etwa, an der Leine zu gehen, ohne mich in horizontaler Lage durch Raum und Zeit zu katapultieren. Immer wieder. Bei jedem neuen jungen Hund. Bei jedem neuen erwachsneen Hund. Manchmal fühle ich mich wie in der Zeitschleife gefangen aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“.

Alle Hunde machen nämlich so ziemlich das Gleiche, mit mikromalen Unterschieden. Praktisch alle Hunde auf der Welt betrachten es als ihre Aufgabe, die Haustür zu bewachen. Wenn irgendjemand, real oder eingebildet, an besagter Tür auftaucht, bellen sie los, dass die Fensterscheiben scheppern, denn ihr Instinkt sagt ihnen, dass da draußen ein Feind steht, vor dem man das Haus verteidigen muss. Mein ältliches Windspiel Harry neigt dazu, sich so in seinen Verteidigungswahn hineinzusteigern, dass er mit seinem Gekläffe im Umkreis von zehn Kilometern Hörstürze auslöst. Öffnet man die Tür, rast er, egal, wer draußen steht – ein Nachbar, ein Paketbote oder ein Mitglied des IS mit einer meterlangen Machete – wütend an dem Besucher vorbei auf der Suche nachdem Feind, der merkwürdigerweise nie im Hof zu finden ist. Mit verwirrtem Gesichtsausdruck kommt er zurück und schwört sich, nächstes Mal einfach schneller zu sein. Die allermeisten Hunde der sportlicheren Rassen halten es auch für ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Fahrräder zu verfolgen – selbst Hunde, die aus fernen Ländern durch den Tierschutz zu uns kamen und in ihrem bisherigen Leben mit Fahrrädern keinerlei Berührung hatten. Woher das kommt – keine Ahnung.

Seit Jahrzehnten beschäftigt mich also das Fahrradproblem, mit geringen Abweichungen. Ich habe zum Beispiel gelernt, bei Fahrradsichtungen mit Windhunden nicht an langer Leine zu laufen, sonst fliegt man knapp unter dem Tempolimit hinter ihnen her wie eine leere Dose an der Stoßstange von Frischvermählten. Jedem neuen jungen Hund bringe ich wieder bei, dass Bücher nicht zum Fressen sind, dass sie Igel in Ruhe lassen und nicht an Besuchern hochspringen sollen.

Man sollte meinen, die Evolution würde das alles so langsam von selbst regeln – aber enin, auch wenn wir unseren hunden seit gefühlten hunderttausend Jahren das Gleiche beibringen, ändert sich diesbezüglich von alleine rein gar nichts.

Irgendwann ist der Mensch so weit, die ewigen Wiederholungen zur Selbsterziehung zu nutzen. Man wird gelassener, empathischer und nutzt die Erfahrung, um ein Optimum an Vergnügen aus der Sache herauszuholen. Will heißen: Wenn meine Hunde jetzt fächerförmig am Horizont verschwinden, kann ich darüber nur noch lachen.

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