Unsittliches Joggen

bildvom 18. Juli 2011

Es war einer dieser perfekten Sommermorgende – die Luft war noch kühl, roch aber schon nach der Hitze, die später kommen würde, die Stadt war ganz still bis auf ein paar Busse ganz weit weg und die Amseln, die versuchten, per Hypnose-Gesang die Regenwürmer dazu zu überreden, sich sichtbar zu machen. Es war noch sehr früh – halb sechs, ich wollte einen langen Hundespaziergang machen, bevor die Hitze zuschlug und uns alle ohnmächtig hechelnd in den Schatten bannen würde. Die Pudel liefen im entspannten Trab neben mir her, die Windspiele rasten hinter ein paar verschlafenen Krähen her, das sehr kleine fünfte Rad am Wagen beschäftigte sich mit irgendwelchen Krümeln am Wegesrand.
Von Weitem sah ich einen Jogger in Sweatshirt und hautfarbenen, engen Joggingshorts eine Steintreppe herauf kommen und in lässigem Tempo vor uns her laufen. Ich bewundere Jogger, weil ich selbst für so etwas viel zu faul bin; mein Leben lang habe ich mich damit herausgeredet, dass ich immerhin jeden Tag mehrere Stunden mit meinen Hunden gehe. Meine Hunde und ich kümmerten uns nicht um den Jogger. Dann sah er sich zweimal über die Schulter nach mir um. Er sah sich nach MIR um, nicht nach meinen Hunden, was für Jogger ungewöhnlich ist, und ich selber sehe morgens aus wie ein zerknittertes Laken und wenig anschaulich. Irgendetwas stimmte nicht. Ich würde mich als wirklich furchtlose Person beschreiben – seit 35 Jahren mache ich die meisten meiner Schritte in Begleitung mehr oder weniger großer, lauter Hunde und fühle mich dadurch unbesiegbar. Wenn ich jedes Mal nach Hause gehen würde, wenn ich eine potentiell unangenehme Situation auf mich zukommen sehe, käme ich nie auch auch nur um den Block. Aber dies hier war seltsam. Auf einmal fühlte sich mein stiller Morgenspaziergang in entspannter Privatsphäre an wie ein einsamer, gefährlicher Gang durch einen idealen Hinterhalt. Der Park war menschenleer; wenn ich schreien würde, würde mich kein Mensch hören. Ich rief die Hunde zu mir und stapfte tapfer weiter, meine Hunde direkt um ich herum. Der Jogger verlangsamte sein Tempo etwas. Ich marschierte in straffem Tempo weiter. Als wir ungefähr zwanzig Meter entfernt waren, drehte er sich plötzlich zu mir um. Ich blieb wie angewurzelt stehen: es stellte sich heraus, dass er gar keine Joggingshorts trug. Ohne meine Brille sehe ich die weite Welt meist angenehm verschwommen, und erst jetzt sah ich, dass der Jogger ein gemustertes Sweatshirt und Turnschuhe trug -und sonst nichts. Und da stand er, stolz wie Oskar, und wartete auf meine Reaktion.
Ich tat das, was wohl jede gesunde Frau täte, die mit zwei wilden Brüdern aufgewachsen ist: Ich lachte laut und ohne nachzudenken. – Ich habe noch nie verstanden, wieso einen der Anblick eines nackten Mannes einen furchtbar erschrecken soll. Nicht, dass ich mit nackten Männern auf offener Straße furchtbar viel Erfahrung hätte, aber derlei Anblick schien mir immer eher absurd und jämmerlich. Vor allem in Zusammenhang mit einem nicht besonders coolen Sweatshirt und Turnschuhen.
Der Mann schien sehr geknickt über meine Reaktion und gab Fersengeld. Sein schneller Start blieb nicht unbemerkt von meinem Windspiel Harry – also ließ ich ihn von der Leine und schickte ihn hinter dem Jogger her. Ich wusste, dass Harry nichts weiter will als überholen – der will wirklich nur spielen. Aber der Jogger wusste das nicht. Er wird sich beim nächsten Mal zweimal überlegen, ob er eine Frau mit Hund belästigt, da bin ich zuversichtlich.

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