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Vorsicht, Mücken und Elefanten!

dogs_klein Mai/Juni 2011

Hunde leben gefährlich. Wenn man sich bei Hundespaziergängen so umhört, ist es überhaupt ein Wunder, dass so viele Hunde die zahllosen Gefahren überhaupt 12, 13 Jahre überleben – ganz abgesehen von den offensichtlichen Drangsalen wie Autos! Fahrrädern! Fremden Hunden! Würmern! Bevor man Hundespielsachen erwirbt, überprüft man selbstverständlich das Herkunftsland – wer kauft denn noch Spielsachen aus China? -, denn mit Stöcken dürfen Hunde nicht mehr spielen, falls sie sich das Holz ungünstig in den Gaumen rammen. Außerdem kann es bei manchen Hunden das Holzfressen fördern, die Holzstücke sich aber im Darm querlegen, was dann zu ausgesprochen teuren OPs führt. Pferdeäpfel dürfen sie nicht fressen, weil man nicht weiß, womit die Pferde zuletzt entwurmt wurden (falls sie entwurmt wurden, was wiederum ein weiteres Problem darstellten könnte). Grillabfälle dürfen sie natürlich sowieso nicht fressen, aus Bauchwehgründen oder schlimmstenfalls: der Vergiftungsgefahr; Schokolade und Pralinen führen zum sicheren Tod, und beim Frisbee-Spielen können sie sich die Beine brechen.- Wer gut genug zuhört, kann problemlos Material für ein 700-Seiten-Worstcase-Szenario-Handbuch sammeln und weiß bald 2000 Gründe, sich lieber doch für ein Aquarium zu entscheiden.

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Man muss sich das alles natürlich nicht anhören. Das Problem ist nur: Mit Hund im Schlepptau wird man frei verfüg- und ansprechbar für die gesamte Umgebung. Im sozialen Kontakt miteinander werden Hundebesitzer ihren Hunden sehr ähnlich, die einander gesellig zustreben und sich statt eines höflichen Hallos erst einmal gegenseitig die Nasen an den jeweils anderen Po halten, ohne die üblichen Formalitäten des Kennenlernens oder der Abgrenzung. Das macht es manchmal schwierig, Fremdkontakte richtig zu dosieren: Flucht ist sinnlos, ein Entkommen gibt es nicht. Beispielsweise von der Dame im Park, die ihre beiden kleinen Wuschelhündchen stets an der kurzen Leine ausführte, und die jeden Morgen auf mich wartete, um mich auf meinen Runden zu begleiten. Ich fragte sie, ob ihre Hunde nicht mit meinen ohne Leien spielen könnten: Nein, weil die so klein seien, könnten sie sich gegebenenfalls die Wirbelsäule verletzen, wenn einer meiner da ungünstig drauf träte. Als mein Windspiel Harry aus einer Pfütze trank, schüttelte sie angeekelt den Kopf. „Das sollten Sie ihm nicht erlauben”, sagte sie. „Davon kann er Leptospirose bekommen.” Ich murmelte, ich hätte nicht gewusst, dass man die von Pfützenwasser bekommen könnte. „Dieser Krankheitserreger liebt schmutziges Wasser”, erklärte sie mit warnendem Unterton. „Harry, komm’ da weg”, sagte ich lahm. Ein paar Tage später warf Ida ihren Ball in den Bach und tauchte begeistert danach. „Das kann tödlich enden”, sagte die Dame düster. „In solchen Gewässern leben Giardien. Die sich ganz leicht auf Menschen übertragen”, fügte sie hinzu. Sie kenne jemanden in Gelsenkirchen, der sich bei seinem Bassett angesteckt hätte. „Sie hat achtzehn Kilo abgenommen, bevor man endlich herausfand, an was sie litt.” Im Geiste begann ich, die Dame Kassandra zu nennen: Nach der Figur aus der griechischen Mythologie, die ständig Unheil voraus sah, aber nirgends Gehör fand.
Als meine schwarze Großpudelin Luise nach Wühlmäusen buddelte, schüttelte Kassandra unheilvoll ihr Haupt. Die Wühlmäuse seien nicht ernsthaft in Gefahr, meinte ich beruhigend. „Ich mache mir um den Hund Sorgen, nicht die Wühlmaus”, sagte sie. „Die haben rasiermesserscharfe Klauen. Wenn sie den Hund im Todeskampf damit erwischen, können sie die Augen des Hundes vernichten.” Als mein Windspiel Fritz in Ermangelung eines Balles mit kleinen Kiefernzapfen spielte, japste sie fassungslos nach Luft. „Wissen Sie denn nicht, dass er damit seine Luftröhre verschließen kann?” fragte sie. Ich versicherte ihr, ich habe einen Spezialkurs im Heimlich-Manöver für Hunde absolviert.
Ich wartete nur auf den Moment, in dem sie Borreliose ansprechen würde. Kassandra sah ihren Moment gekommen, als meine Hunde begeistert durchs Unterholz rannten und begann eine Geschichte, die eine großartige Vorlage für Stephen King abgegeben hätte. Das Opfer war irgendein entfernter Verwandter ihres Mannes, ich habe es vergessen, obwohl sie mir kein einziges Detail ersparte, bis ich erwähnte, dass ich gegen Zecken bei den Hunden ein Spot-On vom Tierarzt verwendete und seither keinerlei Probleme mehr hatte. Dieses eine Mal schien die Dame mit mir übereinzustimmen. „Es funktioniert”, sagte sie mit warnendem Unterton, „nur zu gut.” Ich wartete. „In diesen Fällen springen die Zecken direkt vom Hund auf den Menschen”, sagte sie. „Und Sie selbst benutzen dieses Mittel bestimmt nicht.”
Schachmatt.
Als ich noch in Kalifornien wohnte, wurde ich im Hundepark immer vor den großen Klapperschlangen gewarnt, die morgens nur darauf warteten, dass unschuldige Hunde des Wegs kamen. In Florida sind Hunde das Lieblingsessen der Alligatoren, und in Köln darf man seinen Hund keine Sekunde aus den Augen lassen, weil er im Nullkommanix von der russischen Mafia gekidnappt und nach Moskau verkauft wird. Mir wurden Geschichten von Hunden zugetragen, die von Füchsen angegriffen worden oder in Streit mit Wildschweinen geraten waren, vor den Füßen ihrer Besitzer von Jägern erschossen worden waren, Glasscherben gefressen hatten und vergiftet worden waren. „The Shining” ist ein Dreck gegen ein durchschnittliches Hundeleben.
Diese durchaus schockierenden Geschichten sorgten bei mir für ein ganz neues Element bei unseren Gewohnheits-Spaziergängen: Ein Gefühl von gefährlichen Abenteuern und Ungewissheit. Wer weiß, was uns heute passieren wird? sage ich zu meinen Hunden, bevor wir losgehen. Das Leben ist ein Wagnis, dem man sich täglich erneut stellen muss.

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