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Wie viel Wolf steckt noch im Hund?

Interview mit Dr. Dorit Feddersen-Petersen

Dr. Dorit Feddersen-Petersen ist Ethologin und Fachtierärztin für Verhaltenskunde mit Zusatzbezeichnung Tierschutzkunde. Als Dozentin am Institut für Haustierkunde der Universität Kiel leitete sie die Arbeitsgruppe vergleichende Verhaltensforschung und wies als erster Wissenschaftler durch Kreuzungs-Züchtungen nach, dass Hunde vom Wolf abstammen und nicht vom Schakal, wie man bis dato angenommen hatte. Ihre Bücher „Hundepsychologie“ und „Ausdrucksverhalten beim Hund“ zählen zu den Standardwerken der Verhaltensforschung über Kaniden. 

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KvdL: Ist es richtig, die Caniden miteinander zu vergleichen, oder sollte man den Hund endlich für sich sehen?

DFP: Vergleichende Verhaltensforschung ist wichtig, weil der Hund durch den Vergleich klarer definiert werden kann und man besser versteht, was die Spezies resp. Unterart Hund ist. Aber zu glauben, dass man Hunde besser erkennt, wenn man viel über den Wolf erfährt, ist ein Fehlschluss. Denn Hunde sind keine Wölfe. Hunde sind die Haustiere des Menschen – das ist das, was sie sehr stark kennzeichnet. Sie haben so viele Besonderheiten, die gleichzeitig den Menschen charakterisieren und passen ergo exzellent zu ihm. Den Hund „für sich sehen“ macht also auch nicht viel schlauer. Erst Hunde im Zusammenhang mit ihren Menschen (oder Menschen und ihre Hunde) lassen uns verstehen.

KvdL: Aber viele Trainer nehmen den Wolf doch als Referenz bei der Hundeerziehung.

DFP: Es ist furchtbar, wenn Trainer aus dem letzten Jahrhundert sich immer wieder auf irgendeinen Klimbim berufen, den „die Wölfe ja auch so machen“: diese Hierarchie-Mythen mit dem Alphatier, weshalb der Mensch zuerst und vor dem Hund durch die Tür gehen muss und solche Sachen – das ist ganz schlimm. Außerdem stimmt es hinten und vorne nicht, solche Hierarchien existieren weder bei Wölfen noch bei Hunden. Das Vorbild Wolf für die Erziehung des Hundes ist dem Verstehen dieses Haustieres immer sehr hinderlich gewesen.

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KvdL: Also kann man den Hund nicht besser verstehen, wenn man den Wolf besser kennt?

DFP: Nein. Man kann sie anhand von wissenschaftlichen Vergleichen deutlicher von einander absetzen und besser verstehen, wie Hunde im Zuge der Domestikation zu dem Haustier des Menschen wurden. Genau dieses charakterisiert Hunde sehr stimmig. Hunde sind mit dem Menschen und durch den Menschen entstanden. Sie haben damit ganz andere Ansprüche als Wölfe, sie sind anders sozial aufgestellt, denn sie sehen den Menschen als den Sozialpartner an. Hunde bevorzugen den Menschen, sie brauchen den Menschen, sie orientieren sich sehr stark am Menschen, der Wolf dagegen wird seinesgleichen immer vorziehen. Hunde kennzeichnet ihre Entwicklung zusammen mit dem Menschen. Das wurde uns mit den vergleichenden Studien an Wildcaniden und Haushunden immer wieder vor Augen geführt. Derlei muss man natürlich erst einmal beweisen, weshalb die wissenschaftlichen Vergleiche nach wie vor sehr, sehr wichtig sind. Auch die Studien, wie sich Straßenhunde von Generation zu Generation verändern, dass sie immer kürzeres Fell und Stehohren bekommen und den Menschen immer weniger brauchen. Wenn man mit diesen verwilderten Haushunden dann kognitive Experimente macht, gucken die eben nicht immer den Menschen an, wenn sie nach einer Lösung suchen, wie der Haushund das macht. Alles das ist der Anpassung an verschiedene Umweltgegebenheiten zuzuschreiben. Hunde fanden so ihren Weg zum Menschen – durch Adaptation an ihn und Einpassung in seine Lebensformen.

KvdL: Genau dieses gemeinsam nach einer Lösung suchen wollen ist ja das, was das Zusammenleben mit dem Hund möglich und angenehm macht.

DFP: So ist es: Eben die so genannte Kooperationsbereitschaft mit dem Menschen. Hundetrainer brauchen den Wolf nicht, um ihrer Klientel den Hund erklären zu können.

KvdL: Aber viele Trainer haben ja merkwürdige, z.T. gewaltsame Erziehungsmethoden damit gerechtfertigt, dass „der Wolf macht das auch so“.

DFP: Dieser Ansatz ist falsch und war es auch immer. Manche Trainer haben einfach sehr schräge Ideen, die unglaublich konstruiert scheinen. „Der Wolf macht dies und das“ wirkte lange Zeit, um Härte Hunden gegenüber zu „erklären“ und durchzusetzen. Diese Zeiten sind vorbei. Das Verhalten von Wolf und Hund gleichzusetzen ist unsinnig. Was sie eint, ist ihr ausgeprägtes Sozialverhalten. Damit kamen die Haushunde dann auf den Menschen und vice versa. Das passte wunderbar.

KvdL: Die große Ähnlichkeit zwischen Wolf und Hund wird zumeist damit begründet, dass ihre DNA sich zu 99% gleicht.

DFP: Das ist mit der DNA von Mensch und Schimpanse aber auch so. Deshalb sind wir trotzdem grundverschieden. Allein im Sozialen sind wir vollkommen unterschiedlich, und überhaupt in vielerlei Hinsicht. So ist es bei Wolf und den hochvariablen Hunden selbstverständlich auch, die kann man einfach nicht in einen Topf werfen. Das Allerwichtigste, was den Hund vom Wolf unterscheidet ist, die Tatsache, dass er dem Menschen gegenüber so ungeheuer sozial und offen ist – und so verzeihend. Der Hund ist immer wieder bereit , dem Menschen seine ganzen Fehler zu verzeihen. Ich würde heute ohne Weiteres sagen: dass er den Menschen so liebt. Da ist eine sehr große Nähe zwischen Menschen und Hunden, gewachsen in der Zeit des Zusammenlebens .

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KvdL: … während alle anderen Kaniden möglichst viel Distanz zwischen sich und die Menschen legen wollen. Es gibt ja vor allem immer wieder Stimmen, dass die Ernährung des Hundes der des Wolfes nachempfunden werden muss, dass das ihre natürlichste Ernährung wäre.

DFP: Auch das ist nicht richtig. Auf dem Wege vom Wolf zum Hund hat sich nahezu alles verändert. Kein Organ blieb gleich. Hunde sind domestizierte Wölfe und wurden so ausgesprochen anders – Wölfe können im Gegensatz zum Hund Stärke und pflanzliche Stoffe nicht verdauen. Hunde haben einen ganz anderen Aufbau des Verdauungsapparates.

KvdL: Es gibt ja viele Hunde, die – natürliche Ernährungsweise hin oder her – sehr gut mit Trockenfutter zurecht kommen. Kann man umgekehrt Wölfe – z.B. in Zoos – mit Trockenfutter ernähren, wenn sie sich doch so ähnlich sind?

DFP: Nein. Wölfe können nicht mit Trockenfutter ernährt werden, denn es entspricht nicht ihrer Verdauungskapazität. Auch der Energie-Verbrauch vom Wolf ist völlig anders. Wölfe können Stärke und pflanzliche Stoffe nicht verdauen, weil sie obligate Fleischfresser sind. Wir wissen seit der Studie von Axelsson von 2014, dass der Hund dagegen sehr wohl von Stärke profitiert. Der Wolf nicht. Man weiß, dass der Wolf die Magenwand eines Beutetieres frisst, nicht aber den Mageninhalt. Auch den Pansen lässt er meistens liegen und wälzt sich lieber darin. Der Wolf frisst Herz, Leber, Nieren und dann das Muskelfleisch. Den Mageninhalt fressen die Raben und die Krähen.

KvdL: Würden Hund und Wolf sich denn verpaaren, wenn sie einander begegnen?

DFP: Das kommt selten vor. Sie würden sich dann verpaaren, wenn es „sexuellen Notstand“ gibt. Sonst gehen sie sich lieber aus dem Weg.

 

 

aus: DOGS-Magazin Nr. 3 Mai-Juni 2016

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