Winter-Depression: Nicht mit Hund

bildvom 12.2.2012

Ich bin keine Winterperson. Wenn es nach mir ginge, würde ich am liebsten Anfang November in den Winterschlaf fallen und erst Mitte April wieder aufwachen. Im Winter verfalle ich in eine unglaubliche Lethargie, in der ich mich so behaglich einrichte wie in meinem warmen Anorak mit riesiger Kapuze, in dem ich die gesamte Saison über von Kopf bis Fuß komplett eingepackt bin. Im Winter sieht man von mir eigentlich nur meine Nase, die noch aus meiner Kapuze herausragt, rot angelaufen und auch meistens laufend von der Kälte.
Menschen mit Winter-Depression wird von Ärzten Licht-Therapie verschrieben: Mindesten 40 Minuten am Tag vor einer Lichtbox oder direktem Sonnenlicht. Mit Hunden hat man keine Chance, eine anständige Winter-Depression zu entwickeln; man kann sich nicht in der warmen Wohnung verstecken und die Kälte ignorieren. Man muss aus der Isolation ins Freie, ob man will oder nicht. Hunde werden im Winter viel wilder, aufgeweckter, springen und hopsen, rennen dauernd in Kreisen und Achten um einen herum und entwickeln ungeahntes Talent für Pirouetten und halbe Saltos. Also stapfe ich rotnasig mit meinen Hunden durch die Felder und sehe zu, wie sie sich kaum halten können vor Begeisterung über den Schnee, das Eis auf den Seen, wie sie mit breitem Grinsen und delphinartigen Sprüngen durch das Weiß toben, sich im Schnee wälzen – keine Chance für eine Winter-Depression, wenn man den Hunden zusieht, wie sie in den Schnee tauchen, Haken schlagen, einander schubsen und auspowern mit ihren wilden Fang-Manövern (ich bin sicher, dass dieser Überschuß an Endorphinen irgendwie auf den begleitenden Menschen überschwappt). Zwischendurch machen sie eine kurze Pause und nehmen einen kleinen Schnee-Snack, wie Wanderer, die sich einen Klaren gönnen, um die Glieder wieder zu sortieren. Schnee als Hunde-Schnaps (wer zuviel davon zu sich nimmt, bekommt Bauchweh und Durchfall).
Der jüngste Hund, Gretel ist immer der Schnellste, die Wildeste, die immer wieder über die anderen Hunde drüber springt, während ihre Ohren im Luftzug flattern. Wenn sie zu frech wird, bekommt sie von einem der anderen einen warnenden Hieb, was sie nicht beeindruckt: Gretel ist es völlig egal, dass sie sich in der Hierarchie ganz unten befindet; Hauptsache, sie ist überhaupt dabei. Nach einer Ohrfeige schlägt sie einen vergnügten Haken, als ob sie den Rüffel so abschütteln würde, und ihr breites Lachen sagt: „Guck’ mal, ich mache bei den Coolen mit!”
Auch wenn ich tagsüber meine Hunde mit viel Überredungskunst wieder ins Haus locken muss (außer den Windspielen mit ihrem furchtbar dünnen Fell und Null Gramm Körperfett, denen wirklich sehr, sehr kalt wird und die sich nach Wärme und ihrem Hundebett in ihrem eigenen, persönlichen Sonnenfleck vor dem Fenster sehnen), muss ich sie nachts bei minus zehn Grad oder Schlimmerem praktisch zwingen, mit nach draußen zu kommen, und sie rennen auch sofort zurück an die Haustür. Der nächtliche Winterhimmel ist dabei das Schönste, was ich kenne, mit unzähligen deutlichen, leuchtenden Sternen. Wenn man lange genug hin schaut, sieht man die ganze endlose Ewigkeit. Ich weiß auch: Wenn ich keine Hunde hätte, würde ich dieses Gefühl nicht kennen. Denn Sterne hin oder her, wenn ich keine Hunde hätte, stünde ich nicht mitten in der Nacht draußen bei minus 18 Grad im Freien, das können Sie mir glauben.

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