Andere wissen es immer besser

bildvom 3.6.2012

Wenn Sie sich zurückerinnern möchten, wie es sich anfühlt, wenn man dauernd „erzogen“ wird, dann legen sie sich einen Hund zu. Gehen sie in aller Ruhe spazieren, lassen Sie den -wohlerzogenen Hund, der entspannt und ausschließlich seinen eigenen Dingen nachgeht – ohne Leine laufen, und beobachten, was passiert.
Szenario 1: Sie gehen auf dem Bürgersteig, ein Fahrrad überholt Sie von hinten, muss aber bremsen, weil der Hund im langsamen Trab nach rechts ausschert. Der Fahrradfahrer muss ausweichen oder – noch schlimmer! – bremsen. Fahrradfahrer: „“Was fällt Ihnen ein? Hier herrscht Leinenzwang!“ Auf die Entgegnung, auf öffentlichen Straßen bestehe dieser keineswegs, werden Sie wütend darauf hingewiesen, Hunde könnten einen schließlich anfallen.
Szenario 2: Sie gehen mit einer Schoßhund-Rasse, die keinerlei Jagdtrieb aufweist, auf einem Waldweg spazieren, der mit Billigung des Försters Ihre tägliche Route ist. Eine Familie aus Vater-Mutter-Kind-und-Großvater kommt Ihnen entgegen, vom Hund keines Blickes gewürdigt. Sie sagen freundlich „„Guten Morgen!“, der Großvater erwidert den Gruß mit einem „„Wissen Sie, dass hier Leinenzwang herrscht?“ „„Ja“, sagen Sie freundlich. „“Und?“ raunzt er, so dass Ihre Ohren im Luftzug flattern, „„halten Sie sich gefälligst daran!“ „Dieser Hund hat keinen Jagdtrieb“, erklären Sie. „„Es geht keinerlei Gefahr von ihm aus. Bitte mäßigen Sie Ihren Ton.“ „“Ich rede mit Ihnen, wie’s mir passt, solange Sie gegen die Regeln verstoßen!“
Szenario 3: Sie gehen mit Windhunden spazieren, die rassegemäß recht mager sind. Eine Dame spricht Sie grußlos an: „Warum sind die so dünn? Bekommen die nichts zu fressen?“ „Das gehört so“, erwidern Sie mit einem Lächeln, dass eine gewisse Erziehung signalisieren soll. „Aber man sieht ja die Hüftknochen! Sie füttern die nicht genug!“ Doch, erklären Sie, noch immer entspannt, die Figur sei rassetypisch. „„Das ist ja Unsinn! Unglaublich! So jemand wie Sie dürfte gar keine Hunde halten!“ Eigentlich gilt die Erziehung mit zehn, zwölf Jahren als abgeschlossen. So jung sehe ich wirklich nicht mehr aus.
Derlei wird einem auch nirgends sonst auf der Welt in diesem Ausmaß passieren. Den Österreicher zeichnet immerhin eine gewisse Einsicht über die Absurdität seines Daseins aus. Darüber verfügt der Deutsche sehr viel weniger. Auch nicht über jene tiefsitzende Ironie, die den Engländer ausmacht und jede hochgezogene Augenbraue in einen Scherz verwandelt: Die Briten kämen nicht auf die Idee, einem anderen zu erklären, wie er sich zu verhalten hat. Der Deutsche dagegen fühlt sich berufen, alle anderen darauf hinzuweisen, was sich gehört. In den Schulen herrscht akuter Lehrermangel. Vielleicht gäbe es dort passende Einsatzmöglichkeiten für die vielen freilaufenden Oberlehrer?

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