Radfahrer. Das Problem.

HundundFahrrad

 

 

 

 

 

 

 

 

3731068_59ca419c54_m  Sept./Okt. 2015

Mit dem Aussterben von Bären und Wölfen in unseren Breitengraden haben Hunde keine natürlichen Feinde mehr.

Außer Fahrradfahrern.

Um es gleich zu sagen: Ich spreche hier nicht von „Radlern“, die gemütlich durch die Gegend gondeln oder ihre Einkäufe lieber mit dem Rad als mit dem Auto nach Hause kutschieren. Ich meine jene, für die das Fahrrad eine Glaubenssache ist, eine Waffe gegen Fettzellen, gegen Verkehrsgesetze und ungerechte Besitzverhältnisse. Sie sind Freiwild und Jäger zugleich, ziehen ihre Rennmaschinen mit irren Geschwindigkeiten zwischen Autos durch oder über Gehwege, schlängeln sich pfeilschnell zwischen Passanten durch und rasen im Wald an verträumten Spaziergängern vorbei, die sich nur durch einen sportlichen Satz in den nächsten Busch davor retten können, dass ihnen von einem Schutzblech wichtige Gliedmaßen abgetrennt werden. So etwas wie „Individualdistanz“ gilt für diese Kampfradler nicht: Ihre Bestimmung ist es, niemals anzuhalten, sich im hautengen Neoprenanzug nicht aufhalten zu lassen, von nichts und niemandem. Herannahende Autos, auftauchende Kinderwägen oder Hunde sind für sie Sparringpartner, Gegner im Kampf des täglichen Lebens.

Ich selber lebe in einem solchen Gefahrengebiet mit breiten Waldwegen, und traue mich mittlerweile mit meinen Hunden an Wochenenden nicht mehr vor die Tür: Es ist schlicht zu anstrengend, mit eingezogenem Kopf und allen Hunden im Gänsemarsch an der Grasnarbe neben dem Weg entlangzubalancieren. Wer glaubt, in unwegsamerem Gelände sei man sicher, hat noch keine „Downhiller“ getroffen, die – am liebsten in der Dämmerung – mit 70 Sachen an einem vorbrettern, dass einem die Ohren im Luftzug flattern. Dass Hunde, Baumwurzeln, Steine und eventuelles Wild, das vor Schreck bei ihrem Anblick katatonisch versteinert, regelmäßig Sturzopfer fordert, ist für sie eine zu vernachlässigende Herausforderung auf dem Weg zur Mountainbike-Weltmeisterschaft.

Für Fahrradfahrer ist der Wald kein Naherholungsgebiet, sondern eine Rennstrecke zur körperlichen Ertüchtigung, und Fußgänger, Kinder und Hunde sind lästiges Beiwerk, mithilfe derer sich immerhin Techniken zur Hindernisbewältigung ausprobieren lassen, frei nach dem Philosophen Friedrich Nietzsche:„Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glück und meine Freiheit! Aber meine Feinde sollen glauben, das Böse rase über ihren Häuptern“, auch wenn Nietzsche selbst wahrscheinlich nie auf einem Fahrrad saß.

Zwischen Hund und Fahrradfahrern besteht mittlerweile eine tief verwurzelte Feindschaft. Hunde verstehen sich als Retter der Spazier-Kultur und finden sich nur zu gerne in die Rolle des rächenden Fahrradmörders ein, indem sie mit waghalsiger Geschwindigkeit den dünnen Fahrradreifen folgen und dabei kreischend Spurlaut geben. Weil Hunden aber häufig die Fähigkeit zur Differenzierung fehlt, nehmen sie alle Radfahrer in Sippenhaft und zischen ohne Furcht und Tadel hinter gemächlich vor sich hin radelnden, weltentrückten Naturfreunden her, um sie ohne Rücksicht vor Verlusten, Tritten oder Sturzopfern zu stellen. Der Hund brüllt den Radfahrer an, der Hundebesitzer brüllt seinen Hund an, der Radfahrer brüllt den Hundebesitzer an, und der wiederum verteidigt seinen Hund als das, was der fern von befahrbaren Wegen auch ist: Sein Engel des Alltags, was ihm der Radfahrer aber nicht glaubt, und bald drohen sich alle gegenseitig mit Fäusten und Anzeigen.

Genug ist genug. Wir müssen alle friedlich miteinander zusammen leben, und es ist für beide Seiten mehr als dienlich, einander mit größtmöglichem Verständnis zu begegnen. Der Witz ist nämlich: Radfahrer und Hundehalter haben sehr Vieles gemeinsam. Sie beide gehören zu Randgruppen, die vor allem in Städten wenig Platz eingeräumt bekommen, sich unverstanden und abgelehnt fühlen und die vorurteilsbehaftet ihren Alltag bewältigen müssen. Dementsprechend verlassen Hundebesitzer wie Radfahrer schon mit einer gewissen Grund-Attitüde das Haus: Mal sehen, wer mir heute wieder blöd kommt. Und das führt dann zu Grenzüberschreitungen und einer Distanz- und Formlosigkeit, die unsere Mitmenschen (und deren Hunde und deren Fahrräder) zum unerträglichen Störfall machen. Es gilt keine Gnade für Niemand.

So wird das nichts. Wir müssen zusammen halten, wir Radfahrer und Hundehalter, sonst haben wir keine Chance gegen die Welt und werden irgendwann an den Rand der Gesellschaft verlegt in eingezäunte Gelände, in denen wir uns gegenseitig den Platz wegnehmen – denn es wird dann wieder neue Gesetze und neue Verordnungen geben, die irgendwelchen Amtspersonen logisch erscheinen.

Und das würde das Leben noch schwieriger machen. Also jedenfalls meines. Ich bin für das Streben nach Seelenruhe und geistiger Gelassenheit, was heutzutage klingt, als sei ich ein unbelehrbarer Romantiker oder Esoteriker, der von spätantikem Glück träumt. Stattdessen bin ich einfach bloß ein ausgemachter Feind des inneren Blockwarts.

 

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