Tabuzone Hundeleine?

1609660_611250268929283_217674537_nMomentan lese ich immer wieder Texte im Internet, in denen gefordert wird, dass Kontakte von angeleinten Hunden zu unterbleiben hätten, dass ein Hund an der Leine bedeutet, dass er keinen Kontakt haben soll/darf/möchte, und der Rest der Welt sich bitte daran zu halten habe.

Ich finde das merkwürdig. Gerade in Zeiten, in denen in den allermeisten Städten Leinenpflicht (oder, wie der Berliner es ausdrückt: Leinenzwang) herrscht, würde „die Leine als Tabuzone“ ja bedeuten, dass die Hunde, die in diesen Städten leben müssen, überhaupt keine sozialen Kontakt zu Artgenossen mehr bekommen.
Als ich das irgendwo kommentierte, wurde mir erklärt, Hunde bräuchten an der Leine keinen Kontakt und würden den auch nicht wollen, weil sie sich durch das Band an Hals oder Geschirr eingeschränkt fühlen und dadurch zur Leinenaggression neigen würden. Hunde könnten ja in der Hundeschule Sozialkontakt bekommen.
Aber was machen dann die Hundehalter, die gar nicht in die Hundeschule gehen? Die kein geeignetes Freilaufgelände in der Nähe haben, um dort hündische Sozialkontakte zu pflegen? Und was ist mit den Hunden, die bisher an der Leine gar kein Problem mit anderen Hunden haben? Wenn man ihnen ununterbrochen verbietet, Kontakt zu anderen Hunden aufzunehmen, werden sie auf die Dauer dann ihrerseits völlig kirre, wenn sie von Weitem einen anderen Hund sehen, aus lauter Frust.

Die Hundehalter, die diesen Aufrufen zur Leinendisziplin mit Kommentaren zustimmen und sich bitterlich beklagen über andere Hunde, die auf sie zumarschieren oder Hundehalter, die ihre Hunde nicht rechtzeitig zurück rufen, wenn sie mit ihren angeleinten Hunden um die Ecke biegen, haben dabei eines gemeinsam: Sie haben alle Hunde, die an der Leine nicht entspannt sind.
Aber das sind eben nicht alle.

Wer einen Hund hat, der Fahrräder verbellt oder jagt, ist vom Anblick eines jeden Fahrrads gestresst und ärgert sich entsprechend über jeden Fahrradfahrer, der ihm entgegen kommt. Wer einen Hund hat, der auf Jogger reagiert, findet, dass Jogger alle auf den Sportplatz gehören und bekommt Schnappatmung bei ihrem Anblick. Wer einen Hund hat, der sich an der Leine aufregt, ärgert sich über alle freilaufenden Hunde oder deren Halter, die ihre Hunde auf sie zulaufen lassen. Aber die Jogger, die Fahrradfahrer, die anderen Hunde haben nichts mit unserem Problem zu tun.

Nicht jeder Hund, der an der Leine ist, will oder sollte keinen Kontakt zu anderen Hunden haben. Jeder Fall ist individuell. Meine Hunde sind manchmal an der Leine, weil der ein oder andere von ihnen gerade etwas wahnsinnig Aufregendes im Unterholz bemerkt hat, und ich Auseinandersetzungen mit Wildschweinen verhindern möchte – das hat mit anderen Hunden nichts zu tun. Mein Windspiel Fritz muss vor unserer Haustür immer an die Leine, weil ein nachbarschaftlicher Chihuahuarüde sich immer wieder regelmäßig auf einen meiner Hunde stürzte, wenn er uns sah, was Fritz zwei Jahre lang stoisch ignorierte, es dann aber eines Tages auf eine Beisserei ankommen ließ. Seitdem sind die beiden Feinde. Aber mit allen anderen Hunden, die wir treffen, ist Fritz auch mit und trotz Leine ganz reizend. Kein Grund also, große Bögen einzuschlagen, wenn wir andere Hunde treffen, selbst wenn wir angeleint sind.
Denn wenn Hunde an der Leine keine Sozialkontakte mehr zu anderen Hunde mehr haben dürfen, dann schrumpfen die Möglichkeiten von Sozialkontakten von Hunden untereinander zusehends, die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren, verringert sich fortlaufend, und die Wahrscheinlichkeit aggressiver Reaktionen steigt.

Ich bin kein großer Freund von Leinen. Für mich ist eine Leine ausschließlich ein Hilfsmittel, die den Hund daran hindern soll, im Zweifelsfall das Weite zu suchen oder „nach vorne“ zu gehen. Sie ist kein Richtungsweiser, kein Lasso, kein Abschleppseil und auch nicht unser Sprachrohr. Wenn der Hund angeleint ist, verhält man sich uns grundsätzlich so, als wäre keine Leine am Hund befestigt. Man gibt dem angeleinten Hund Hör- und Sichtzeichen, als wäre die Leine nicht da, denn sie ist ausschließlich als Begrenzung gedacht. Am liebsten habe ich drei Meter-Leinen, was allerdings schwierig ist, wenn man mit fünf oder sechs Hunden spazieren geht – das sieht dann, wenn nicht alle unglaublich diszipliniert sind, eher aus wie eine Lektion in Gummitwist für Fortgeschrittene.

Für ein angemessenes Verhalten braucht ein Hund eine gewisse Bewegungsfreiheit – und Zeit. An einer kurzen Leine haben Hunde keine Bewegungsfreiheit für Übersprungshandlungen oder Beschwichtigungsgesten. Manchmal wären Stehen bleiben, ein kurzes Abwenden des Kopfes oder Lecken über die Nase schon ausreichend, um einem fremden Hund zu signalisieren: Ich suche keinen Streit. Das dauert nur einen kurzen Moment – aber selbst dafür braucht der Hund etwas Zeit. Hinsetzen und sich kratzen, einen Bogen gehen und scheinbar in Ruhe schnüffeln, sogar Erstarren – das alles braucht Zeit und Platz. Aber gerade die stehen viele Hundehalter ihrem Hund in einem solchen Augenblick nicht zu. Oft deshalb, weil ihnen nicht bewusst ist, wie wichtig das für ihren Hund wäre. Und außerdem haben sie es eilig – von dem anderen Hund, der vermeintlichen Bedrohung wegzukommen und wieder in Ruhe und ohne Anspannung weiter gehen zu können. Damit bleibt Hunden häufig als einzige Alternative, aggressive Signale zu senden, um das, was ihnen Angst macht, auf Abstand zu halten.

Es ist schwierig für Menschen mit leinenaggressiven Hunden, keine Frage. Und es scheint immer mehr von ihnen zu geben – aus dem Tierschutz, aus deprivierter Haltung, aus zweiter oder dritter Hand. Aggressionsverhalten ist sehr unangenehm – vor allem beim eigenen Hund. Die meisten Menschen haben damit ein riesiges emotionales Problem, denn wenn mein Hund sich fürchterlich aufführt beim Anblick fremder Hunde – was sagt das dann über mich aus? Zumal die meisten Menschen mit einem aggressiven oder leinenaggressiven Hund sehr frustriert sind – sie machen und tun, sie arbeiten daran, aber häufig ändert sich das Verhalten nur sehr, sehr langsam.

Es ist auch keine Frage, dass andere Hunde so erzogen sein sollten, dass sie nicht im gestreckten Galopp auf andere Hunde zu donnern sollen. Aber wenn sie es doch tun, dann meistens, weil sie unhöflich sind in ihrer Kontaktaufnahme – nicht aber, weil sie gefährlich sind. Wenn der andere, angeleinte Hund sich abwehrend verhält, zockelt der kontaktfreudige gewöhnlich von dannen.
Ganz abgesehen davon, dass wir doch sprechen können: „Mein Hund kann andere Hunde nicht leiden!“ bekommt man doch ganz leicht über die Lippen, oder „Meine Hündin ist läufig!“, oder „Mein Hund hat Husten!“ – spätestens dann packt jeder seinen freilaufenden Hund ein und macht, dass er weg kommt. Deshalb müssen doch keine Tabus eingerichtet werden. Es gibt sowieso schon viel zu viele.

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