Das Leben ist ein Hundespaziergang

bildvom 12.5.2013
Keine Ahnung, ob ich Hunde habe, weil ich so gerne spazieren gehe, oder ob ich so gerne spazieren gehe, weil ich Hunde habe. Tatsache ist, dass diese vollkommen banale Betätigung mittlerweile zum zentralen Punkt in meinem Leben geworden ist. Nach über 35 Jahren Hundespaziergängen kenne ich mich aus. Es gibt nur wenige Freiluftaktivitäten, die weniger sportlich, anstrengend oder gefährlich sind als ein Hundespaziergang. Man braucht keine besondere Technik dafür. Nach Jahren der Hundespaziergänge kann man nicht befriedigt zurückblicken und in den Fortschritten schwelgen, die man gemacht hat. Der Hundespaziergänger fühlt keinen Triumph wegen seiner Leistung nach dem dritten Gang des Tages um den Block.
Aber diese Spaziergänge sind eben doch etwas Besonderes. Menschen und Hunde verbringen seit ca. 100 000 Jahren ihre Zeit gemeinsam – eine Beziehung, die älter ist als das Rad, älter das geschriebene Wort, älter als Landwirtschaft. Eine Beziehung, die immer daraus bestand, gemeinsam irgendwo hin zu gehen – ob auf die Jagd, zum Schafhüten, zum Kämpfen, um eine Grenze zu patroullieren oder einen Schlitten zu bewegen. Heutzutage haben die meisten Hunde keine ernsthaften Berufe mehr. Die meisten Menschen haben auch nicht mehr die Sorte Beruf, in dem Hunde sie unterstützen können.
Was bleibt, ist der gemeinsame Spaziergang.
Ich bilde mir gerne ein, dass der Hundespaziergang eine Verbindung zu unserer primitiveren Vergangenheit ist. Wenn meine Hunde mich aus der Haustür begleiten, die Stufen hinunter in die Welt, dann sorgen sie dafür, dass ich aus meiner kleinen, stressigen Welt heraustrete, aus meinem komplizierten menschlichen Leben aus Nachrichten, Rechnungen, Arbeit, Verantwortungen und endlosem Geplapper, in eine viel simpleres Dasein in der Natur, zwischen Bäumen und Büschen, in der ich mich plötzlich mit Zaunkönigbabies, Blindschleichen, Kröten und Rehen beschäftige – Themen meiner Kindheit.
Im Laufe der Jahre ist mir ein seltsames Phänomen aufgefallen: Mehr und mehr Facetten meines Alltags sind mit dieser simplen Aktivität verbunden. Genügend Bewegung? Bekomme ich durch die Hundespaziergänge. Nachdenken? Die besten Gedanken und Ideen kommen mir gewöhnlich auf meinen Hundespaziergängen. Freundschaften? Ich habe einige meiner wichtigsten Freunde auf meinen Hundespaziergängen kennen gelernt. Abenteuer? Jeder Hundespaziergang ist anders. Das Gefühl von Ewigkeit? Jeder Hundespaziergang ist gleich.
Für meine Hunde beginnt jeder Spaziergang mit einer Hoffnung, eigentlich eher einer Erwartung, dass etwas Großartiges passieren wird. Du wirst schon sehen, sagen meine Hunde, es wird etwas Wundervolles passieren: Warte nur ab.

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