Erziehung: Ja, aber…

bildvom 2.10.2011

Es war ein ganz entspannter Abend bei Freunden bei Spaghettis und Wein. Die anderen Gäste waren, Doro und Moritz, Mitte vierzig. Die Söhne waren aus dem Gröbsten `raus, also hatten sie von ein paar Monaten einen jungen Straßenhund aus Rumänien adoptiert, ihren ersten Hund. Mittlerweile war die Hündin sieben Monate alt sorgte zuhause für einige Unruhe mit ihrem Herumgehopse, dem Ankläffen fremder Hunde, wenn sie angeleint war, dem Ignorieren bestimmter Worte wie „Komm!” oder ihrem Namen, Springen aufs Sofa und allen anderen Dingen, die ein normaler, gesunder, unerzogener junger Hund eben macht.
Ich wurde um Rat gefragt: Ob ich irgendeine Idee hätte, was man bei allen diesen Dingen machen könnte? Ich hatte in der Tat einige Ideen, wie man das Hündchen unter Kontrolle bekommen könnte; allerdings scheiterte ich an Doro. Sie stellte nicht nur die Fragen, sie beantwortete sie auch gleich – und zwar alle. Wer mich je persönlich kennen gelernt hat, weiß, dass es nicht so leicht ist, mich verbal plattzufahren, aber ich hatte wirklich Schwierigkeiten, überhaupt einen Satz zu ende zu sagen.
Wenn ich versuchte, ihr einen Erziehungsvorschlag zu machen, sagte sie grundsätzlich „Ja, aber…”. Sie hörte mir kaum zu, weil sie so viele Bücher gelesen hatte, dass sie doch schon alles wußte – sie verstand nur nicht so ganz, warum es ausgerechnet bei ihrem Hund nicht klappte. Ich wollte ihr erklären, dass Straßenhunde der xten Generation ein bisschen anders ticken, als unsere Hüte-, Jagd- oder Begleithunde, die seit hunderten von Jahren dazu gezüchtet wurden, auf unser Feedback zu achten und eine Beziehung zu uns einzugehen. Dagegen haben Straßenhunde über Generationen gelernt, dass sie sich am besten auf sich selbst verlassen. Dementsprechend sind sie oft weniger geneigt, den Wünschen des Menschen nachzukommen: Sie überlegen meist erst einmal, ob es sich für sie gerade lohnt, dem Menschen zu folgen. Also muss man in der Erziehung von Straßenhunden einfallsreicher sein, sie mehr überraschen, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und sie zu motivieren. Man muss sie erst überzeugen, dass es sich durchaus lohnen, sich auf den Menschen zu verlassen und darauf zu achten, was er will. All’ das hätte ich gerne gesagt, aber ich kam kaum zu Wort, ohne gleich wieder mit einem „Ja, aber….” unterbrochen zu werden. Ich kriegte vielleicht drei Sätze heraus, denen Doro selbstverständlich widersprach. Moritz sagte eigentlich nichts, sondern stopfte während der Stunde nur methodisch seine Pfeife. Ab und zu trafen sich unsere Blicke, und er sendete mir ein „Was soll ich machen? Ist halt so”, bevor er sich wieder auf seine Pfeife konzentrierte. Wenn er doch etwas zum Thema Hund sagte, wurde er sofort von seiner Frau unterbrochen, denn das Hundethema war offenbar ihr persönliches Thema. Nach einer Stunde war ich völlig erschöpft, und dabei war ich noch nicht einmal beim Nachtisch angekommen. „Weißt du was”, sagte ich zu Doro, „du wolltest meinen Rat, stattdessen befinde ich mich hier plötzlich auf einem Minenfeld und ich weiß gar nicht, wie ich dorthin gekommen bin: Du widersprichst allem, was ich dir vorschlage, unterbrichst mich und hörst mir nicht einmal zu. Ich habe kein Problem mit deinem Hund, sondern du. Wenn du mich für jeden Rat bekämpfen willst, stelle ich dir ab jetzt jeden Rat in Rechnung. Als Schlachtensold.”
Damit war das Thema Hund war für diesen Abend erledigt, und es tat mir auch nicht leid.
Wochen später hörte ich, dass Doro meine Ratschläge tatsächlich doch zur Kenntnis genommen und sogar befolgt hatte, und dass das Leben mit ihrem Hund jetzt gut klappte: Unbezahlbar.

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