Der Fundhund

bildvom 19.12.2010

Ich weiß natürlich: Wir sind eine Wegwerfgesellschaft. Ich glaube, es begann mit Wegwerf-Unterhosen, dann kamen Wegwerfkameras, längst gibt es Wegwerf-Handys, die 20 Dollar kosten, auf Prepaid-Basis funktionieren und nur für den Notfall gedacht sind. Wenn das Guthaben aufgebraucht ist, schmeißt man es weg. Der Hersteller nennt es eine „optimale Billiglösung”.
Ich dagegen habe hier einen Wegwerf-Hund. Irgendjemand hat ihn vor zwei Wochen in einen Graben geschmissen: Da war er ca. vier Wochen alt, winzig, nicht einmal so groß wie eine Amsel, viel zu klein, um schon ohne Mutter zu sein, viel zu klein, um überhaupt schon draußen zu sein bei dieser Kälte, geschweige denn, sie zu überleben. Zufällig fand ihn jemand und brachte ihn zur Welpennothilfe in Berlin ( www.welpennothilfe.de ): Ein zitterndes, unterernährtes Wesen, das einem Zwergpinscher ähnelt. Die Welpennothilfe ist so was wie eine Babyklappe für Jungtiere, die keiner gebrauchen kann: Komplette Schäferhundwürfe, amtstierärztlich konfiszierte Mini-Welpen aus schlechter Haltung, neugeborene Würfe, deren Mutterhündin gestorben ist, oder auch vier Igelkinder, die unter hundert Gramm wogen, die Bauarbeiter auf einer Müllhalde gefunden hatten.

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Max ist jetzt erst mal bei mir, bis er groß und stark genug ist, um vermittelt zu werden – wobei das relative Begriffe sind in seinem Fall: Als ich ihn übernahm, wog er 720 Gramm bei einer Schulterhöhe von 12 cm – ein Meerschweinchen wirkt wie ein Pit Bull neben ihm. Was für eine Geschichte er hat, können wir nur ahnen: Wahrscheinlich ein Welpe aus einer Produktion von Hundehändlern, die Chihuahua-Mischlinge und ähnliches herstellen für alle jene, die einen schicken Taschenhund haben wollen, aber nicht die 1000 Euro zahlen können oder wollen, die ein Welpe aus sorgfältiger Aufzucht, mit allen Impfungen etc. eben nun mal kostet. Mini-Welpen von Hundehändlern werden auf kijiji.de für ca. 200 – 300 Euro angeboten – die H&M-Variante für Modehunde. Produziert werden diese Welpen unter furchtbaren Bedingungen; die Mutterhündinnen leben in kleinen Boxen, sehen nie das Tageslicht, werden mit dem Allerbilligsten ernährt, was man bekommen kann und zweimal im Jahr gedeckt. Sie sind ungeimpft, nicht entwurmt und unterversorgt, die Welpen werden ihnen viel zu jung weggenommen und für wenig Geld auf dem Polenmarkt oder im Internet vertickt, weil so winzige Hündchen als „Teacup” (Teetassen-)-Modelle noch beliebter = besser verkäuflich sind. Dass Welpen in diesem Alter weder Mutter, noch Geschwister, geschweige denn das Haus verlassen sollten, versteht sich von selbst. Dass diese Hunde nicht geimpft sind – den Bakterien da draußen also nichts entgegenzusetzen haben – auch. Max’ Schicksal (oder Dschinghis Khan,wie ihn die Welpennothilfe nannte) besiegelte sich, weil er so mickerig war und wahrscheinlich von Anfang an schwächelte und Durchfall hatte: Damit war er unverkäuflich, also weg damit. „Die optimale Billiglösung”.
Sein Durchfall hält an, und so lange können wir ihn nicht impfen, außerdem kann der Flüssigkeitsverlust für einen so winzigen Hund fatal sein. Aber bisher entwickelt er sich gut, ist sehr fröhlich, findet sich bärenstark, frisst gut und ist unter permanenter Beobachtung von Luise, Ida und Fritz (nur Harry ist beleidigt, dass er vorübergehend seinen Kleinen-Prinzen-Status aufgeben muss), die vor dem als Welpen-Appartement umfunktionierten Baby-Reisebett sitzen, als hätte ich ihnen ein Aquarium geschenkt. Max hat wirklich Glück gehabt.

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