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Wo geht’s noch mal zum Paradies?

bildvom 20.1. 2013

Ich füttere meine Hunde zweimal am Tag. Zweimal am Tag sitzen meine Hunde fassungslos vor Glück in meiner Küche und warten darauf, dass ich ihre Futterschüsseln gefüllt vor sie stelle – wie an jedem Morgen und jedem Nachmittag an 365 Tagen im Jahr. Zweimal am Tag wird meine Küche (oder das Hotelzimmer, die Garderobe, oder der Garten, oder wo auch immer ich sie gerade füttere auf Reisen) zum Zentrum des Paradieses – ganz egal, was ich ihnen füttere. Meine Hunde sind nicht anspruchsvoll, ich bekomme immer die gleichen unbeschreiblichen Wellen der Spannung, Entzücken und Begeisterung, egal, was ich ihnen vorsetze.
Das Nette daran ist, dass meine Hunde sich darüber freuen, dass ich für sie sorge, wo sie nicht für sich selbst sorgen können. Sie lieben mich dafür, dass ich diese Verantwortung gerne übernehme. Ich liebe sie allein dafür, dass sie sich so unglaublich freuen können. In meinem Haus herrscht sozusagen ein nie endender Kreis der Liebe, nur ab und zu unterbrochen von einer Pfütze Pipi.
Die Wertschätzung von einfachen Dingen findet in unseren Zeiten nicht mehr so häufig statt. Wir sind verwöhnt. Ich gehöre auch zu denen die, je mehr sie haben, desto mehr wollen sie, desto weniger bin ich dankbar für kleine Dinge. Mein allererster Wagen kostete 200 Dollar (ich lebte damals in USA), und das war er auch wert. Es war ein 25 Jahre alter Ford Mustang mit löchrigem Dach und löchrigem Getriebe, dass keinen Stress aushalten konnte. Aber dieses Auto war mein fliegender Teppich, meine Fahrkarte in die Freiheit. Jeden Morgen rannte ich nach draußen und freute mich, dass es noch in meiner Einfahrt stand (eine viel größere Überraschung wäre es allerdings gewesen, wenn jemand das Ding wirklich gestohlen hätte). Heutzutage freue ich mich längst nicht mehr besonders darüber, dass ich ein Auto habe. Ich brauche es eben.
Meine Hunde dagegen beginnen jeden Tag mit Nichts. Das Happening in der Küche scheint sie immer wieder aufs Neue zu überraschen (so, wie ich immer überrascht war, dass mein Auto noch da war). Meine Hunde beenden auch jeden Tag mit nichts weiter als unserer Zuneigung zueinander und dem Trost, dass wir gemeinsam einen weiteren Tag überlebt haben.
Ich erwarte von Ihnen nicht, dass Sie jetzt anfangen, sich über jede Kleinigkeit zu freuen. Die Zeit hat niemand, außerdem haben wir ein Recht auf ein bisschen Eigeninteresse. Schließlich sind wir nur Menschen. Das macht uns ja auch interessant. Aber meine Hunde sind für mich eine tägliche Übung in Bescheidenheit, wie sie sich über einen dusseligen kleinen Ball freuen, einen bestimmten Teppich im Wohnzimmer, der sich perfekt für eine Rückenmassage eignet, oder das Wort „`Rausgehen”, das in ihren Ohren offenbar klingt wie „Lotto-Jackpot”. Jedes Mal wieder, als wäre es das erste Mal. Nichts ist tröstlicher für mich. Das, und die Vorstellung, dass wenigstens irgendjemand meine Küche für das Zentrum des Paradieses hält.

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