Auf den Hund gekommen

bildvom 19.2.2012

Ein Freund von mir konnte das mit den Hunden nie verstehen. Er war immer erstaunt, wie sehr ich mich über meine Hunde freuen kann, oder wenn er andere Leute mit Hunden in Parks oder im Restaurant sah. Er begriff das Gefühl bei der ganzen Sache nicht. Er war nicht gegen Hunde, ihre Anwesenheit in der Welt verblüffte ihn einfach, vor allem die große Rolle, die sie für ihre Menschen spielen.
Vor ein paar Jahren verbrachte er einen Sommer in Italien, um dort ein Buch zu schreiben. Seine Vermieter führten ihn herum, als im Mondlicht ein kleiner, nasser Hund auftauchte und freundlich wedelte. „Das ist Luca”, sagte der Gastgeber.
Luca war ein kluger Hund. Er folgte meinem Freund jeden Tag nach dem Mittagessen nach Hause, um seinen Mittagsschlaf unter dessen Schreibtisch zu machen. Nach einer Dreiviertelstunde verschwand er wieder, um den Gärtner bei seiner Arbeit zu begleiten. Mein Freund verstand bald, dass der Hund recht hatte: Mittagsschlaf ist eine gute Sache. Beim Abendessen tauchte Luca wieder auf, und bald schlief er nachts auf einem Sessel am Fuße des Bettes. Er versuchte nie, aufs Bett zu springen, nicht einmal, wenn mein Freund ihn darum bat. Er schien irritiert über diesen Vorschlag, als wäre er nicht angemessen.
Er führte meinen Freund auf dem Anwesen herum, genoß mit ihm zusammen die unglaubliche Weite, rannte mit ihm durch den Obstgarten und zeigte ihm, wie amüsant es sein kann, Kaninchen aufzuspüren und ein bisschen zu verfolgen. Obwohl mein Freund zuhause in der Stadt ständig von solchen Dingen umgeben war, hatte er sie einfach vergessen.
Luca freute sich immer, wenn er meinen Freund traf. Er pflegte mit allen seinen Bekannten verbindlichen Kontakt. Wenn Luca etwas wollte, hatte er keine Scheu, darum zu bitten. Er stellte Erwartungen an Menschen, nahm es ihnen aber nicht übel, wenn sie nicht erfüllt wurden (Luca war das Gegenteil von meinem Freund). Als der fragte, ob er Luca haben dürfte, wurde ihm dieser Wunsch abgeschlagen. Auch wenn Luca ein kleiner Streuner war und keinen rechten „Herrn” hatte, fanden die Gastgeber, er sei in der Stadt nicht richtig aufgehoben.
Als mein Freund wieder nach Hause kam, ging irgendwie nichts mehr. Er konnte nicht mehr schreiben. Luca hatte ihn einer straffen Routine unterworfen: ihn morgens zum Arbeiten in Ruhe gelassen, um ihn mittags zum Essen und anschließend zum Spaziergang abzuholen. Darum ging der Freund abends früh schlafen, so dass sich sein Hirn ausruhen und er mit neuen Ideen früh am nächsten Morgen weiter machen konnte. Hunde mögen Stundenpläne. Sie lieben Routine, aber sie mögen auch Abwechslung. Menschen dagegen neigen dazu, sich auf ein Extrem oder das andere festzulegen.
Mein Freund brauchte einen Hund – sozusagen als Schrittmacher. Hunde vertrauen auf ihre Instinkte, und fast alles, was sie tun, macht absoluten, logischen Sinn (wenn wir nur das selbe von uns behaupten könnten!). Hunde sind Fremden gegenüber nicht sofort zugänglich. Sie trauen Lügnern nicht und auch niemandem, der einen Stock in der Hand trägt. Hunde glauben an harte Arbeit, und nach der harten Arbeit finden sie, es sei nun Zeit auszuruhen. Hunde versuchen, Trennungen zu vermeiden und halten die Mitgliederzahl in ihrem Rudel überschau- und beherrschbar. Hunde warnen, bevor sie angreifen.
Wir dagegen versuchen, so gut wir können unsere Gefühle zu verbergen, unsere Ängste infrage zu stellen, und verbrauchen unglaublich viel Energie damit, ständig sämtliche verfügbaren Optionen auszuprobieren.
Hunde sind so viel effizienter.

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