Ein Hund zuviel – der Schweinehund, der innere

bild vom 19.9.10

Ich versuche, meinen Schweinehund zu besiegen. Damit meine ich nicht meine braune Pudelin Ida, die sich in allem wälzt, was stinkt – tote Mäuse, tote Maulwürfe, Vogelkot oder uralter Rasenschnitt (der nämlich entsetzliche Gase entwickelt und dann so riecht wie etwas, was man sonst nur aus dem „Tatort” kennt), sondern meinen inneren Schweinehund. Der, der mich dazu bringt, länger zu schlafen, der dafür sorgt, dass ich statt eines vernünftigen, aus verschiedenen Lebensmittelgruppen bestehenden Mittagessen lieber eine Großpackung Nougat-Eis esse, und der mich dazu bringt, lieber zu lesen als Sport zu machen. Die Liste ist ziemlich lang. Mein innerer Schweinehund hat mich ähnlich im Griff wie meine äußeren Pudel und Windspiele. Die haben auch vor allem kurzfristige Befriedigung im Sinn, genau wie mein Schweinehund. Sie erwarten etwas zu essen, sobald ich mich von meinem Schreibtisch erhebe, völlig unabhängig davon, ob es Futterzeit ist oder sie irgendetwas geleistet haben, was eine Belohnung rechtfertigen würde. Erst die Belohnung, dann sehen wir weiter.
Hunde jeglicher Art – Schweine- oder anderer Rassehund- machen sich ganz offensichtlich überhaupt keine Gedanken zu machen über langfristige Konseqenzen. Mein Schweinehund sieht das genauso: Erst Nougateis, dann kann man ja immer noch weitersehen und mit Sport anfangen, statt zu lesen. Also: Irgendwann, falls es nötig sein sollte und sich das Nougateis irgendwie negativ auf meiner Waage niederschlagen sollte. Erst länger lesen, und dann sehen wir weiter, ob wir nicht doch einfach länger schlafen können morgen früh. Erst länger schlafen, und dann sehen wir weiter, ob man die Kolumne nicht irgendwie doch erst morgen schreiben kann. Und so geht es immer weiter. Der Schweinehund liebt Verbotenes, genau wie meine anderen Hunde. Andauernd erwische ich Ida auf dem Sofa. Sie weiß genau, dass das Sofa für Hunde verboten ist, aber der Schweinehund – ihr ganz persönlicher, mit meinem hat der nichts zu tun – treibt sie dazu, ganz still zu liegen, die Luft anzuhalten und den Bauch einzuziehen in der Hoffnung, ich würde sie übersehen. Es ist eben so gemütlich auf dem grünen Samtsofa (kurzfristige Befriedigung), dass sie das Donnerwetter, das jedes Mal folgt, in Kauf nimmt (langfristige Konsequenz). Ich ahnte es immer: Ein fünfter Hund ist einer zuviel, egal, welche Sorte.
Ich viele, viele Jahre im Ausland gelebt, und da hatte ich nie Probleme mit dem „Inneren Schweinehund”. Den gibt es nämlich nur in Deutschland. Das Wort lässt sich in keine andere Sprache übersetzen. Es stammt aus der Studentensprache des 19. Jahrhunderts und geht auf die so genannte Sauhunde zurück, die man früher zur Wildscheinjagd einsetzte, und deren Aufgaben wie Hetzen, Bissigkeit und Festhalten als Schimpfwort auf Menschen mit ähnlichen Charaktereigenschaften eingesetzt wurden.
Es weiß ja auch niemand, wie er eigentlich aussieht: Manche stellen ihn sich als grinsende Bestie mit kleinen, gemeinen Augen, rosa Schweineschnauze und hängenden Lefzen vor, aus denen scharfe, glänzende Zähne hervorschimmern. Ein Untier. In Bonn wurde dem Schweinehund 1993 ein Denkmal errichtet, eine große Figur in langem Mantel mit Schweinekopf. Darunter steht: „Art: Tier mit Instinkten niedrigster Art. Unterschlupf: In die und in mir, d.h. in jedem einzelnen Individuum des Homo Sapiens. Verbreitung: Kann völlig die Macht über den einzelnen Menschen, über soziale Gruppen und im Extremfall über ganze Bevölkerungen nehmen.” Und darunter in Großbuchstaben: „DARF NICHT GEFÜTTERT WERDEN.”
Na. Das wäre der allererste Hund, der sich das gefallen lässt.

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