Hunde schützen vorm Irrsinn

bildvom 13.11.2011

Ich war gerade beruflich in New York. Jeder weiß, wie es dort aussieht, auch jeder, der noch nie dort war: Viele Häuser, viele hohe Häuser, viele Menschen – 8,2 Millionen, um genau zu sein, auf einer Fläche von knapp 800 qkm. Im Vergleich dazu: In Berlin leben auf knapp 900 qkm „nur“ 3,45 Menschen. Ich habe mal eine Weile in New York gelebt in den 90er Jahren, damals ähnelte New York tatsächlich dem heutigen Berlin. Ziemlich arm, aber sexy, viele Künstler, die in noch erschwinglichen Lofts lebten, wo sie genügend Licht für ihre Kunst hatten, abgerockte, aber gute Bars und Musik-Clubs, interessante kleine Geschäfte, und überall kleine Buchläden. Heute ist alles anders: In den Lofts leben nur noch Leute, die für unglaubliches Geld Kunst kaufen, nicht machen, die keinen Buchläden sind weg, an ihrer Stelle sind „Starbucks“-Coffeeshops und Geschäfte, in denen handverlesener Tee und mundgezogene Kerzen verkauft werden, es gibt nur noch fünfstöckige Mega-Buchläden mit Verkäufern, die von Büchern keine Ahnung haben, und kleine Musikclubs gibt es längst nicht mehr: Die Mieten sind viel zu hoch. Es gibt keine Romantik mehr in New York. Dafür gibt immer noch sehr viele Hunde. Das mag einem komisch vorkommen, gerade in dieser Stadt, wo es so wenige Grünflächen gibt und das Leben so seltsam künstlich ist. Wahrscheinlich braucht man sie gerade hier – einen Hund, dem die irrwitzige Hektik und das Tempo hier nichts anhaben können, der in einer Stadt, in der es nur um Geld und Ansehen und den Schein zu wahren geht, ganz normale Dinge möchte wie: Dabeisein, hinter den Ohren gekrault werden, Kollegen am Hinterteil riechen und ab und zu herumbellen, nur so. Man sieht sie überall, alte Hunde, die friedlich hinter ihren Menschen hertrotten auf dem Weg zum Zeitungsladen, junge Hunde, die in Washington Square Park hinter den Tauben her rennen, Hundesitter, die mit zehn Hunden durch die Straßen laufen, und zahllose Hündchen in Taschen, gepflegte Jagdhunde wie English Springer Spaniel, die von livrierten Door-Men um den Block geführt werden. Gerade weil es so schwierig ist, Hunden in dieser Stadt irgendwie ein „normales“ Leben zu ermöglichen, haben die New Yorker sich eine Menge ausgedacht: Im Central Park dürfen Hunde zwischen Mitternacht und neun Uhr morgens frei und ohne Leine laufen (weshalb man sehr viele sehr verschlafene Hundebesitzer im Morgengrauen mit ihrer Kaffeetasse über die hügeligen Wiesen stapfen sieht, während die Hunde heiter und bestens gelaunt hinter den dicken grauen Eichhörnchen herrennen, oder hinter dicken grauen Ratten), an jeder Straßenecke gibt es so genannte „Dog Runs“, mehr oder minder hübsche und große eingezäunte Ausläufe, in denen die Hunde durch die Gegend rasen und die Besitzer meistens herumstehen, sich unterhalten und wenig auf ihre Hunde eingehen. Es gibt mehr Geschäfte für Hunde-Accessoires als für Kinder (wahrscheinlich gibt es auch mehr Hunde als Kinder in New York) mit allem, was vor allem das Hundebesitzer-Herz begehrt, mehr Hundefriseure, die den Hunden regelmäßig vom Ruß der Stadt wegshampoonieren, und in der Stadt mit den größten, auswahlreichsten Bio-Supermärkten der Welt auch „holistische“ Hundegeschäfte, die „ganzheitliche“ Hundenahrung verkaufen, was bedeutet: Ohne Farb-, Konservierungs- und chemische Stoffe, sondern hochwertigem Inhalt, mit hübschen Etiketten und dem siebenfachen Preis des grauslichen Chemie-Futters. Es gibt merkwürdig anmutende Hunde-Tagesstätten mit einer Inneneinrichtung, die aus Comics zu stammen scheint: Braun gestrichene Böden mit Abflüssen, malerischen Lattenzäunen mit Blumenkästen mit Plastikblumen, und in der Mitte des Auslaufs ein riesiger, künstlicher, abwaschbarer Baumstamm. Die Hunde werden hier morgens um acht – vor der Arbeit – abgeliefert, und abends um sieben wieder abgeholt. Und immer wieder sieht man in den Gesichtern der Hundebesitzern etwas, was man in dieser Stadt nur selten zu sehen bekommt: Etwas ganz Weiches, Ruhiges, Liebevolles, als könne ihnen einen Moment lang die Stadt und deren Härte nichts anhaben. Weil sie ihren Hund ansehen.

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