Sind Hundeleute die besseren Menschen?

bildvom 28. 11. 2011

Wenn man die meisten Menschen nach zehn Jahren des Zusammenseins fragt, was sie am liebsten an ihrem Partner ändern würden, ist die häufigste Antwort nicht: „Ihr/sein Schnarchen” oder „Ihre/seine körperliche Erscheinung” , sondern „Ihre/seine Identität.”
In Deutschland wird jede zweieinhalbte Ehe geschieden, und europaweit ist die Tendenz steigend. Mittlerweile ist es so selten, dass Paare ihre Goldene Hochzeit feiern, dass solche Nachrichten es bis in die Medien schaffen; man sieht charmante Fotos von einem grauhaarigen, händchenhaltenden Paar, die erzählen, wie sie es ihr Leben lang keinen Tag ohne einander ausgehalten haben. Wie machen die das? fragt man sich. Was ist ihr Geheimnis für anhaltende Romantik und Spontaneität? Meine Theorie ist: Senilität. Diese Leute erkennen einander kaum. Jeden Morgen wachen sie gemeinsam auf und fragen sich: „Wer zum Teufel ist diese Person in meinem Bett?” Sie entdecken einander immer wieder aufs Neue, sie werden einander nie zur Gewohnheit, ihre Unterhaltungen reduzieren sich nicht wie bei vielen anderen Paaren darauf, wer die Fernbedienung halten darf.
Viele Leute haben das Gefühl, ihren Lebenspartner viel zu gut zu kennen und bereits seit dem Paläolithikum mit zusammen zu sein. Man kennt einander Gedankengänge so gut, dass Unterhaltungen aussehen, als wären die Hirne operativ entfernt und durch Worterkennungs-Programme ersetzt worden:
Sie: Ich habe überlegt, ob wir nicht…
Er: Nein, wir wollten doch…
Sie: Ach, stimmt, wegen den…
Er: Aus Stuttgart.
Sie: Wir müssen noch….
Er: Dachte ich auch, schon wegen den Kindern.
Nach einem Jahrzehnt des Zusammenlebens weiß man ALLES über den Partner; jede Gewohnheit, jede Meinung, man könnte ein 1700-Seiten-Opus allein darüber schreiben, wie der andere ISST. Derartig intimes Wissen kann sehr praktisch sein, wenn man beispielsweise bei „Wetten, dass…?” seinen Partner an den Eßgeräuschen identifizieren soll, mindert aber gewöhnlich den Level der Leidenschaft in einer Beziehung. Also marschiert man los und versucht sein Glück anderswo -was schließlich genauso endet.
Die Gründe für Trennungen bei Menschen kennen wir alle: Man ist zu unterschiedlich, man hat völlig andere Bedürfnisse nach Freiraum und Nähe, das „Geben und Nehmen” ist nicht ausgeglichen, man kann nicht miteinander reden, einer von beiden hat sich in jemand anderen verliebt.
Interessanterweise sind das genau die Dinge, die Menschen an ihren Hunden zauberhaft finden. Die meisten Menschen schätzen an Hunden gerade die Tatsache, dass sie so ganz und gar anders sind und völlig unterschiedliche Bedürfnisse haben als man selbst. Man gesteht ihnen ihren Freiraum zu, und bringt sich für sie sogar mit dem Gesetz in Konflikt, wenn man sie in Parks frei laufen lässt. Sogar wenn man selbst auf so viel Nähe gut verzichten könnte, läßt man doch zu, dass der Golden Retriever oder die Dogge sich zwischendurch riesenbabyhaft beim Fernsehen auf dem Schoß niederlassen. Das „Geben und Nehmen” ist auch so eine Sache: Ich gebe, was ich habe, und meine Hunde nehmen alles, was sie kriegen können. Wenn ich mich neu verliebe, kommt ein weiterer Hund dazu, aber man käme doch nicht auf die Idee, den alten, liebgewonnenen Hund aus dem Haus zu jagen. Wenn Hunden sprechen könnten, fänden wir es wahrscheinlich nicht halb so angenehm, sie immer dabei zu haben. Die wortlose Kommunikation ist doch gerade das, was man an seinem alten Hund am meisten liebt, wie auch die Tatsache, dass man einander so gut kennt, dass man alle Reaktionen voraussehen kann.
Da stellt sich die Frage, ob Hundeleute vielleicht doch die besseren Menschen sind.

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