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Immer wieder Lassie

Wie die Filmtiertrainerin Renate Hiltl den Collie als Filmhund erlebte

Vor Renate Hiltl gab es im Filmtierbereich in Deutschland praktisch niemanden, der mit Hühnern, Hunden, Ziegen, Kaninchen, Katzen oder Schweinen gleichermaßen gut arbeiten konnte. Schon als Kind wusste sie, dass sie genau diesen Beruf machen wollte. Seit 1979 arbeitet sie nun als Filmtiertrainer, und praktisch jede zweite Maus im deutschen Fernsehen oder Film kommt von „Renates Filmtierranch“. Ihre Hunde kennt man aus Fernsehserien wie „Da kommt Kalle“, „Der Bulle und das Biest“, den „Eberhofer“-Krimis, „Rubbeldiekatz“, oder Werbungen wie für „Oreo“, „Amazon“ oder der „Postbank“. Im Februar 2020 kommt ein neuer „Lassie“-Film ins Kino, dessen Hauptdarsteller von Renate Hiltl zu dem gemacht wurde, was er jetzt ist: Ein Filmstar.

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KvdL: Renate, du hast im Laufe Deiner Karriere viele Erfahrungen mit vielen unterschiedlichen Rassen und Mischlingen gemacht.  Jetzt hast du zum ersten Mal mit Collies gearbeitet – sind sie anders als die anderen?

Bandit mit Renate Hiltl Foto: Farina Klause

Renate Hiltl: Ja und nein. Sie sind in manchen Dingen tatsächlich spezieller, und andererseits auch eben nicht. Dem Collie eilt dank der Lassie-Filme ja der Ruf voraus, ganz besonders intelligent zu sein. Was sein Genie betrifft, muss ich sagen: Der Collie ein ganz normaler Hund, wie andere auch. Für meine Arbeit hat er sogar auch Schwächen: Man merkt der Rasse an, dass sie seit langer Zeit nur noch für Shows gezüchtet werden. Sie haben keinen ausgeprägten Arbeitswillen mehr, was schade ist. Mein Terrier Kalle ist da beispielsweise völlig anders: Seine Stärken sind gleichzeitig seine Schwächen.  Er wurde dafür gezüchtet, stur zu sein, immer dran zu bleiben und dabei extrem ausdauernd zu sein. Das kann im Privatleben wahnsinnig nerven, aber zum Arbeiten ist das super. Der Collie lernt auch gerne, mitunter auch schnell, aber ihm wird auch sehr schnell langweilig.

KvdL: Wie äußert sich das?

R.H.: Er hat die Tricks schnell gelernt und konnte sie auch gut abrufen, aber nach zwei, drei Wiederholungen war die Ausdauer schon futsch und er wollte nicht mehr mitmachen. Das war für uns ein bisschen anstrengend, dass sie manchmal so reagierten: ‚Nö, keine Lust mehr, können wir was anderes machen?‘

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KvdL: Beim Film, bei dem ja endlose Wiederholungen gedreht werden müssen, sicherlich sehr mühsam.

R.H.: Sie sind da geradezu windhundartig. Ich durfte mal einen Barsoi trainieren, der war sehr ähnlich. Ausdauernden Arbeitswillen haben Collies also nicht, dafür sind sie sehr sensibel. Sie sind extrem feinfühlig, was sehr gut ist, wenn man ihn privat hält. Beim Training muss man sich aber sehr genau überlegen, wie man ihnen etwas beibringt, was man genau macht und wie man es ihm zeigt, damit er sich nicht überfahren fühlt. Für uns Trainerinnen war das eine neue Herausforderung, die uns aber auch viel Spaß gemacht hat und uns wieder mal gezeigt hat, wie viele Wege nach Rom führen!

KvdL: Heißt das, der Collie möchte nicht einfach Kommandos folgen, sondern möchte erklärt bekommen, was er machen soll und wieso?

Renate Hiltl: Ja. Wir haben ja mit insgesamt vier Collies gearbeitet. Das macht man deshalb, weil nicht jeder Hund alles gleich gut macht – George Clooney macht auch ja nicht jeden Stunt selber. Aber bei allen vieren fiel auf, dass sie nicht gerne überrascht werden. Sie möchten vorher wissen, was auf sie zukommt – dann ist es auch ok. Aber das ist anders als etwa bei unserem Bernhardiner, dem völlig egal ist, wenn man plötzlich etwas anders macht als vorher, oder unsere Bulldoggen – die finden das sogar lustig, wenn es mal Abwechslung gibt. Der Collie ist mehr so: ‚Kenne ich nicht, also nehme ich erstmal Abstand‘.

KvdL: Wie sieht es mit der Stress-Resistenz aus?

R.H.: Ich finde, dass Collies stressanfälliger sind als viele andere Hunde. Ein guter Trainier kann das kompensieren, dann ist das überhaupt kein Thema. Der Collie liebt seinen Besitzer und seine Familie über alles und ist sehr fixiert auf sie. Auch das macht die Arbeit etwas kompliziert, denn bei anderen Hunden kann ich ihnen erklären, ‚Ihr arbeitet jetzt mit dem Schauspieler und müsst Euch nicht um mich kümmern, ich stehe dahinten, lasst mich los‘ – dann ist das auch kein Problem. Bei den Collies ging das nicht.  Wir waren drei Trainerinnen, und manchmal mussten wir zu dritt mit ihnen arbeiten. Um arbeiten zu können, mussten die Hunde aber immer genau wissen, wo wir alle waren – das war manchmal ganz schön tricky. Wenn man beispielsweise mit einer Steady-Cam arbeitet, die von Hand vom Kameramann getragen wird und sehr beweglich arbeitet und sich häufig um 360 Grad drehen soll, dann kann man als Trainer eben nirgends stehen.  Solange der Hund wusste, wir stehen z.B. beim Regisseur, dann war alles gut. Haben wir uns nur zwei Meter bewegt, musste er abbrechen und kommen und gucken, wo wir sind, und warum. Das ist halt der Hütehund. So ausgeprägt gibt es das bei anderen Hunderassen nicht.

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KvdL: Nicht einmal beim Border Collie?

R.H.: Nein, der Border arbeitet anders, weil er sehr gut zu motivieren ist. Den Border kann man mit Spiel-Einheiten super belohnen, aber der Collie – der spielt schon mal, aber nach ein paar Malen ist das für ihn nicht mehr interessant. Das kann man als Belohnungsmöglichkeit nur schlecht einsetzen.  Beim Arbeiten mit dem Collie muss man sich wie bei einem Schachspiel seine Züge vorher genau überlegen, weil er eben auch vorausdenkt.

KvdL: Aber das klingt eigentlich sehr intelligent.

R.H.: Ist er auch – für die Filmarbeit aber manchmal vielleicht auch zu intelligent. Der Collie ist weniger als andere Rassen im „Hier und Jetzt“. Er wartet nicht ab, was da so kommt. Der Collie weiß schon, was kommt, und sagt dann: ‚Nö, das will ich jetzt aber nicht‘.

KvdL: Ein Hund, der vorausschaut, ist doch aber häufig gut? 

R.H.: Schon. Der Collie ist da aber auch wieder anders:  Er weiß, dass er jetzt auf das Boot springen soll. Er weiß aber auch: ‚Das Boot wird dann ablegen, und das bedeutet, ich habe meine Leute nicht mehr alle zusammen – dann mache ich das nicht. Die sollen sich was einfallen lassen, damit wir es so machen können, dass es für mich gut ist.‘

KvdL: Wenn man das so hört, muss man sich eigentlich sehr genau überlegen, wie man seinen Collie erzieht und ausbildet.

R.H.: Ich möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass es keinen Spaß macht, mit dem Collie zu arbeiten – es ist nur eine völlig andere Arbeitsweise. Wir mussten uns ganz neu finden, das war aber auch sehr interessant für uns.

KvdL: Die Lassie-Filme sitzen ja bei den meisten von uns sehr tief. Unsere Kindheit wurde von „Lassie“ geprägt, sicherlich mehr, als von irgendeinem anderen Filmhund.

R.H.: Ich glaube, deshalb glauben auch viele Menschen, dass Collies sich sozusagen von alleine erziehen.  Solche Rassen gibt es ja auch. Meine Border Collies beispielsweise machen die tollsten Tricks, und ich werde immer gefragt, wie ich das oder das denn gemacht habe – und die Antwort ist: Gar nicht. Die haben das von sich aus angeboten, und ich habe es nur mit Lob und Spiel bestärkt.

KvdL: Wenn Du zwei „negative“ Eigenschaften des Collies nennen müsstest, was wären die?

R.H.: Der Collie kann Frust nur sehr schlecht aushalten. Und das ist für Hund und Trainer manchmal sehr schwer. Und: Sie sind Kläffer. In Amerika nennt man sie „Talker“. Eben weil der Collie so eine geringe Frustrations-Toleranz hat, setzt er seine Stimme ein, um zu erklären, dass er nicht versteht, was er jetzt machen soll. Und das auch gerne mal lang und laut.

Das Team von Renates Filmtierranch – von links nach rechts: Dante, Wilma, Schwein Lotte, Pamina See, Amun mit Farina Klause, Huhn Edda mit Svenja Rück Renate Hiltl mit Heidi, Bandit, Frieda, Smilla (neben Renate Hiltl und unten Kasper
Foto: Lena Schwind

KvdL: Und seine Stärken?

R.H.: Seine Feinfühligkeit – man hat wirklich das Gefühl, er könnte einem bis ins Herz hinein schauen! -, seine Fröhlichkeit und seine Anhänglichkeit.

KvdL. Hattest Du bestimmte Vorgaben, unter denen du die Hunde ausgesucht hast?

R.H.: Er musste nicht perfekt sein, keinen sensationellen Stammbaum oder exakt dem Standard entsprechen, sondern sollte den originalen „Lassies“ ähneln. Also musste er relativ hochbeinig sein  und – ganz wichtig! – eine Blesse haben. Was gar nicht so leicht zu finden ist. Den Haupthund, Bandit, haben wir bei einer Züchterin gefunden. Aus versicherungstechnischen Gründen braucht man immer ein, zwei Doubles, die möglichst ähnlich aussehen. Den zweiten Hund Bailey bekam ich aus – sagen wir mal: Nicht so guter Haltung, und den dritten fanden wir bei einer Züchterin in den USA.

KvdL: Wie lange bereitest Du die Hunde auf so große Rollen vor?

R.H: Wir hatten knapp eineinhalb Jahre Zeit in diesem Fall. Bandit war fünf Monaten alt, als er von seiner Züchterin kam. Die hatte ihn gut vorbereitet – er war sehr gut sozialisiert und umweltsicher, als er kam. Er wusste, was eine Straße ist, eine Leine, was Autofahren ist – auch wenn ihm beim Autofahren anfangs immer schlecht war, das hat sich aber glücklicherweise gegeben. Bei einem Road-Movie, in dem der Hund die ganze Zeit verschiedene Fahrzeuge benutzen soll, wäre das schlecht gewesen, wenn er sich jedesmal übergeben hätte… Aber dadurch, dass wir viele kleine Fahrten gemacht haben, die immer mit Highlights endeten, steigt er mittlerweile sehr gerne ins Auto ein, und ihm wird auch nicht mehr übel.

KvdL: Was hast Du denn mit ihm gemacht, als Du ihn anfangs bekommen hast?

R.H.: Wenn der junge Hund ins Haus kommt, baut man ja erst einmal eine Beziehung auf. Die müssen so wahnsinnig viel lernen, wenn sie in eine neue Familie kommen – an der Leine gehen, Autofahren, zum Tierarzt, die neue Familie, die neue Routine, ihren Namen, dies und jenes – dann muss ich nicht noch ankommen und anfangen, ihm Tricks und Filmlektionen beizubringen. Damit beginne ich immer erst, wenn die Hunde ca. ein Jahr alt sind. Vorher beobachte ich den Hund nur und wachse mit ihm zusammen; ich schaue, wo liegen seine Leidenschaften, macht er lieber etwas mit der Pfote oder lieber mit der Nase – ich studiere den Hund im ersten Jahr. Ich mache so kleine Sachen mit ihm – also mal Pfötchen geben und so was, aber nichts, was er später im Film braucht. Mit einem Jahr fange ich dann an, Filmhund-Tricks einzustudieren.

KvdL: Wie lange arbeitest du mit ihnen am Tag?

R.H.: Das wird spontan und passend für den jeweiligen Hund entschieden. Manchmal macht man mit einem Hund zweimal zehn Minuten am Tag, mal vielleicht eine Stunde, am dritten und vierten Tag gar nichts, sondern geht nur spazieren  – denn das, was sie lernen, muss ja erst einmal abgespeichert werden. Das geht nur in der Ruhephase und auch nur dann, wenn Du es nicht permanent wiederholst. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Hunde müssen alles Neue erst einmal überschlafen. Häufig arbeitet man an einer Aufgabe eine Woche lang, kommt aber einfach nicht weiter. Dann legen wir eine Pause ein von drei, vier, fünf Tagen und machen gar nichts – und auf einmal kann er es! Das versuche ich auch den Leuten in meinen Trickdog – Seminaren immer nahe zu bringen: Dass sie jetzt nicht nach Hause gehen und gleich weitermachen – dazu neigt der Mensch in seinem Feuereifer -, sondern mit dem Hund vier, fünf Tage Pause zu machen. Dann kann man wieder anfangen.

Renate Hiltl und Bandit aka "Lassie" Foto: Lena Schwind
Renate Hiltl mit Bandit Foto: Farina Klause

KvdL: Arbeitest Du mehr am Stück oder in kleinen Portionen? Oder ist das egal?

R.H.: Meistens sind es kurze Sequenzen, zwischen fünf und 15 Minuten am Stück. Das kann man dann auch zweimal am Tag machen. Es kann auch mal sein, dass man eine Stunde lang mit dem Hund arbeitet, aber dann ist es nicht eine Stunde lang die gleiche Aufgabe. Das muss ein guter Mix sein. Wenn man Hunden bei Spielen zuschaut, spielen die ja auch nicht eine Dreiviertelstunde lang dasselbe. Genau so muss ein Training auch aufgebaut sein.

KvdL: War es schwierig, mit dem zweiten Rüden zu arbeiten, der ja wohl aus schlechter Haltung stammte?

R.H.: Jedenfalls aus meiner Sicht. Wenn man den Vorbesitzer fragt, sieht der das wahrscheinlich anders. Bailey war anderthalb, als er zu mir kam, und unheimlich handscheu, voller Flöhe und hatte sehr viel Stress-Durchfall. Wenn man mit einem Besen in der Hand über den Hof lief, ist der Hund abgehauen. Er hatte auch schreckliche Verlassens-Ängste. Für ihn war das Schlimmste, mal fünf Minuten im Haus zu bleiben. Aber er hat sich durch die Dreharbeiten vollkommen gewandelt. Er ist am Set so selbstbewusst geworden. Das Gute ist nämlich: Man kann als Filmhundetrainer den Hund am Set zu 100 Prozent kontrollieren. Es passiert nichts, was man nicht will. Wenn man der Meinung ist, irgendwas könnte den Hund erschrecken oder ablenken, dann passiert das eben einfach nicht, das wird unterbunden. Das war Balsam für Baileys Seele. Er konnte unter vielen Menschen sein, aber außer mir hat ihn keiner angefasst. Niemand erwartete etwas von ihm, nur ich – aber alle fanden toll, was er so gemacht hat. Heute kann ich mit einem Besen in der Hand herumlaufen, und er springt um mich herum.

KvdL: Wie habt ihr mit ihm angefangen zu arbeiten?

R.H.: Wir haben anfangs mit allem sein Selbstbewusstsein gestärkt – ‚Boah, Du kannst was!‘ Für Bailey war auf einen Tisch zu springen oder auf einen Stuhl Panik pur. Bandit dagegen hatte das schon bei seiner Züchterin gelernt. Wobei ich auch sagen muss:  Manchmal kann ein Züchter auch zu viel des Guten machen. Dann bekommt man einen Hund, der schon als Welpe ständig bespaßt wurde und wahrscheinlich nie gelernt hat, Pausen und Langeweile zu ertragen. Für solche Hunde ist Langeweile oft gleichzusetzen mit Frust. Bandit ist da hart an der Grenze, weil er eben schon als Welpe ständig gefordert und bespasst wurde und nie gelernt hat: So, nun gibt es auch mal Pause. Bandit muss ich immer erklären: Geh auf Deine Decke, jetzt passiert einfach mal nichts. Von alleine macht er das nicht. Trotzdem hatten wir mit ihm wirklich unglaubliches Glück, denn andererseits habe ich auch Collies gesehen, die sehr scheu waren und gar nichts kannten.

KvdL: Es ist ein hartnäckiger Verdacht von mir, dass Züchter von Hütehund-Rassen häufig zu viel machen, anstatt lieber „faule“ Hunde aufzuziehen. Der Besitzer kann sie später ja ohne Weiteres hoch-pushen, das geht ja eigentlich immer. Aber das Herunterfahren von einem Hund, der einen gewissen Bespaßungs-Anspruch erlernt hat, ist sehr schwierig.

R.H.: Viele Leute machen sich da von Anfang an viel zu viel Stress, anstatt ihren Hund einfach nur zu beobachten und kennen zu lernen. Obendrein erziehen sie ihren Hunden gleich an, keine Langeweile (also: Ruhe) aushalten zu können. Die wollen dann ständig etwas tun und haben dadurch permanent eine viel zu hohe Dopamin-Ausschüttung, was wiederum ungesund ist und zu noch mehr Streß führt und ihn auf Dauer krank macht.

KvdL: Wie habt Ihr denn mit Bailey das Alleinbleiben geübt? Das muss am Set ja funktionieren.

R.H.: Wir haben das langsam aufgebaut. Wir haben ihn mit unserer Bullmastiff-Hündin Frieda vergesellschaftet, die in „Der Bulle und das Biest“ mitgespielt hat, und die ist einfach unglaublich gechillt. Der war es völlig wurscht, wenn er gejammert und herumgehampelt hat  – die hat sich einfach hingelegt und gepennt. Und so hat sie das Bailey bei gebracht, dass Alleinbleiben keinen Untergang bedeutet. Heute ist das bei Bailey kein Thema mehr – auch bei den Dreharbeiten konnte ich ihn alleine im Hotelzimmer lassen, das war kein Problem mehr. Der hat sich hingelegt und geschlafen, bis dahin hatte er Vertrauen aufgebaut, er wusste, „Die Mama kommt wieder, und mir passiert nix.“ Aber das war ein Jahr Arbeit.

KvdL: Leben die Collies alle bei Dir?

R.H.: Bandit und Bailey, sozusagen die beiden „Haupthunde“, leben beide hier bei mir. Es gibt noch einen dritten Hund, den wir aus USA geholt haben. Der hatte vier Jahre seines Lebens überhaupt nichts gelernt, der wurde dort ausschließlich als Zuchtrüde gehalten. Als ich da ankam, hing er an einer zwei Meter-Leine an der Hauswand und lag da ganz gechillt. Das hatte er so gelernt. Wenn man Buddy irgendwo anbindet, legt er sich sofort hin und wartet, bis man ihn irgendwann wieder abholt. Er ist das absolute Gegenteil von Bandit und Bailey, weil er in seinem vorherigen Leben nie etwas geboten bekommen hatte. Buddy ist nach dem Dreh bei dem Produzenten Henning Ferber eingezogen und ist jetzt Familienhund. Die sind unfassbar glücklich mit ihm, weil er eben kein „typischer“ Collie ist – er fordert nichts ein, weil er nie etwas gelernt hat.

KvdL. Wie arbeitet man mit einem Hund, der das Lernen nicht gelernt hat?

R.H.: Buddy konnte einfach gar nichts, kein Sitz, kein Platz, kein Pfotegeben.Er musste überhaupt erst einmal lernen, dass man für ein Leckerli etwas anbieten muss. Im Film haben wir ihn auch nur ganz selten eingesetzt, weil wir wussten, das sind jetzt so Sachen, die kann Buddy gut. Aber dieses „Lern-Loch“, das er hatte, konnten wir nicht mehr aufholen. Was andererseits für seine jetzige Familie super ist, denn Buddy ist ein unglaublich entspannter Hund, der auch mal alleine zuhause bleibt, der die Kinder liebt und unheimlich lieb und brav ist. Henning Ferber hatte von vorneherein gesagt, dass er gerne einen der Collies  übernehmen würde. Woraufhin ich meinte: Wenn du einen bekommst, dann möchte ich dein Haus sehen, deine Frau und  deine Kinder kennen lernen, deinen Garten sehen – und dann schau’mer mal. Als ich alle kennen gelernt hatte, war auch klar, dass das der Traumplatz für Buddy war.

KvdL: Wie alt war er, als du ihn übernommen hast?

R.H.: Er war viereinhalb. Das Einzige, was er konnte war, auf dem Tisch zu stehen und sich kämmen lassen. Darin war er hervorragend.

KvdL: Musstet ihr die Hunde auch mal schminken?

R.H.: Ja. Bandit hat am Körper zwei weiße Flecken, die wir immer überschminken mussten. Das macht man mit einer Art Puder, man feuchtet das Fell ein wenig an und lässt das Puder kurz einwirken – dann sind die weißen Flecken weg.

KvdL: Schön auch, dass in guter alter Lassie-Tradition die Hündin Lassie wieder von Rüden gespielt wird, wie schon immer.

R.H.: Das liegt daran, dass Hündinnen nach der Läufigkeit so extrem abhaaren, dass man sich das beim Film eben nicht leisten kann: Der Hund muss ja „auf Anschluß sein“, wie man das nennt:. Will heißen, wenn ich in zwei Monaten eine Szene nachdrehen muss, muss der Hund ja genauso aussehen, wie vor zwei Monaten. Und Rüden sehen auch immer prächtiger aus.

KvdL: Wie ist denn das, wenn ihr nach Hause kommt – die Hunde hatten jetzt ein ziemlich intensives Programm, und jetzt ist ja plötzlich praktisch nix mehr. Ich war früher mal mit einem Rockstar zusammen, und nach Tourneen war der eigentlich immer ziemlich unerträglich, weil er ja vorher monatelang ständig Leute um sich herum hatte, die für ihn eingekauft haben und sofort gesprungen sind, wenn er etwas brauchte. Zuhause wurde er dann sauer auf den Kühlschrank, weil der sich nicht von alleine füllte. Gibt es dieses Syndrom auch bei Hunden?

R.H.: Die Hunde kompensieren das sehr gut. Wenn wir Drehpausen haben, kommen die Hunde ja weg vom Set. Um wirklich zur Ruhe kommen zu können, reicht das Parken in einer Box nicht aus, die kommen ins Hotelzimmer. Da passiert gar nichts. Auch am Wochenende und an den freien Tagen passiert nichts. Für uns Menschen ist das viel schwieriger, weil uns ja alles nachgetragen wird. Während der Dreharbeiten musst Du keine Entscheidung selbst treffen. Du bekommst einen Zettel, wo du morgen um wie viel Uhr bist und wann du abgeholt wirst, dann ist Frühstück, dann Mittag- und Abendessen, du machst kein Zimmer sauber, weil du ja im Hotel wohnst … und wenn du dann wieder nach Hause kommst, überrollt einen der Alltag auf einmal. Da fällt man in ein Loch. Die Hunde dagegen finden es super: Die kommen nach Hause, müssen alles markieren, die anderen Hunde begrüßen und zeigen, wie toll sie waren und wie wichtig, müssen spielen – da habe ich noch nie erlebt, dass sie einen Blues bekommen haben.

KvdL: Wie viele Hunde hast du denn bei dir?

R.H.: Ich habe hier 22 Hunde. Wir sind vier Leute, die ständig um die Hunde herum sind, und jeder von uns hat ein paar, die er abends mit zu sich nach Hause nimmt, so dass sich das aufteilt.

KvdL: Also jeder ist die Bezugsperson von ganz bestimmten Hunden?

R.H.: Genau. Aber dadurch, dass wir den ganzen Tag zusammen sind und jeder mal mit jedem Hund trainiert – damit die Hunde lernen, nicht nur auf eine Person fixiert zu sein -, können die Hunde mit jedem, und lieben auch jeden. Manchmal bin ich da sogar eifersüchtig – Bandit zum Beispiel liebt unsere Mini-Jobberin. Sie kommt nur zweimal in der Woche für drei Stunden und hat halt bestimmte Dinge mit ihm trainiert, aber wenn sie kommt, flippt er völlig aus – und manchmal denke ich mir, Moment mal, ich bin doch immer für dich da!

KvdL: Was ist der Vorteil davon, dem Hund personenbezogene Tricks beizubringen?

R.H.: Das ist fürs Abspeichern sehr einfach, dadurch können wir dem Hund innerhalb sehr kurzer Zeit viel beibringen. Beim „Bulle und das Biest“ beispielsweise hatten wir nur vier Monate Zeit, um die Hunde zu finden und auch noch auszubilden. Svenja übt beispielsweise mit Bandit Rückwärtsgehen, Farina trainiert ganz langsam vorwärtsgehen mit gesenktem Kopf und ich bringe ihm bei, über Hürden zu springen. So kann er in der Lernphase anhand der Personen, die jetzt mit ihm arbeiten wollen, gleich abrufen, worum es geht – „Ah, da ist Farina, dann gehe ich jetzt mal langsam vorwärts und mach‘ den Kopf ‚runter.“ Da muss er nicht lange überlegen oder sortieren, sondern schaltet gleich in den richtigen Modus. Und wenn er mich sieht, denkt er: „Aaaah – jetzt springen wir über Tisch und Bänke, ich weiß schon, was ich tue.“ In der Lernphase spart das sehr viel Zeit. Durch so eine Trainingsweise kann man extrem viel kompensieren, ohne den Hund oder sich selbst zu überfordern. Andere arbeiten anders. Wenn er es dann mal kann, kann jeder von uns alle Aufgaben abrufen. Gelernt ist gelernt.

KvdL: Das würde eigentlich auch in einer Familie Sinn machen.

R.H.: Manchmal habe ich Familien in meinen Seminaren. Denen sage ich immer, jeder sollte dem Hund ein anderes Kunststück beibringen, sucht euch Tricks aus, die einander nicht ähneln. Der eine übt mit dem Hund im Garten, der andere in der Garage, und der nächste in der Wohnung – und natürlich nicht alle drei innerhalb einer Stunde nacheinander, ganz klar. Dann kann der Hund das auch gut umsetzen. Der Hund kann die Sache einschätzen und hat auch Spaß daran. Wenn aber alle an der gleichen Übung arbeiten, und jeder macht es ja doch einen kleinen Tick anders, ist es für den Hund sehr schwierig und überfordert ihn auch.

KvdL: Macht Sinn –  jeder setzt ja die Körpersprache ein bisschen anders ein, jeder benutzt eine andere Wortmelodie.

R.H.: Genau. Deshalb: nicht zusammen trainieren und nicht die gleichen Dinge üben. Das gilt ja nur für die Lernphase – sobald die Übung abgespeichert ist und der Hund weiß, was Sache ist, kann jeder das abrufen.

KvdL: Dann können sie auch besser einschätzen, dass Papa nicht wie Mama „Sitz“ sagt, sondern „Hinsetzen“. Weil sie die Übung aber schon kennen,  verstehen sie, dass das gleiche gemeint ist.

R.H.: Nach 40 Jahren Arbeiten mit Tieren begeistert mich das immer noch am allermeisten: Was unsere Tiere uns alles verzeihen – vor allem unsere Hunde. Wie viele Fehler wir machen und sie trotzdem versuchen zu verstehen, was wir eigentlich von ihnen wollen. Sie machen immer noch mit!

KvdL: Ja – dieses Bedürfnis, es uns recht zu machen, obwohl wir uns die meiste Zeit so unklar und bekloppt ausdrücken. Häufig wissen wir selber gar nicht genau, was wir eigentlich vom Hund wollen, wenn wir den Satz anfangen.

R.H.: Ich denke oft, dass unsere Hunde viel weiser sind und viel schneller wissen, was wir wollen und sich dann denken: Na, jetzt mache ich das halt mal, damit die Arme auch mal einen Erfolg für sich verbuchen kann.

KvdL: Haben die Collies deine Erwartungen erfüllt?

R.H.: Ja, auf jeden Fall – aber anders. Ich hatte mehr „Will to please“ erwartet, und die Konzentrationsfähigkeit über einen längeren Zeitraum habe ich von allen Dreien nicht so bekommen, wie ich mir das gewünscht hätte.  Aber für mich ist der amerikanische Collie einer der schönsten Hunde, die es gibt. Sie sehen unglaublich edel aus, der Brustbehang, wenn der Wind weht, und mit etwas Glück haben sie auch noch Kippohren. Das Fell ist geradezu ideal. Der Collie ist an sich ein angenehmer Hund, weil er immer um dich herum sein möchte. Wenn ich mich irgendwo ins Café setze, die legen sich hin – das muss man ihnen nicht beibringen: Hauptsache dabei. Dann ist er ein total braver Hund. Collies sind eher verträglich, Raufen und Streitereien sind nicht so ihr Ding. Auch mit anderen Tieren wie Katzen und Kaninchen sind sie eher entspannt. Collies sind unglaublich angenehme Hunde.

Früh übt sich…

1 Kommentare

  1. Judith C.

    Vielen Dank für dieses spannende Interview in eine Welt, in die ich zuvor keinen tieferen Einblick hatte. Ganz toll!

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