Der Krankenhaushund

bildvom 23.1.2011
Hunde bringen einen manchmal an Orte, mit denen man sein Leben lang nicht gerechnet hätte. Meine siebenjährige schwarze Großpudelin Luise beispielsweise hat viele Talente: Sie ist vergnügt und ist willensstark, liebt Kinder, ist jagdlich passioniert, spielt wild und ruppig und beherrscht Hypnose (jedenfalls wird man meistens völlig willenlos, wenn sie einen nur lange genug ansieht). Und sie ist ein Besuchshund.
Als Besuchshund begleite ich sie auf die Sterbestation eines Krankenhauses, um dort Pflegefälle zu besuchen. Sie musste dafür einige Tests bestehen – nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein Besuchshund einen Patienten beißen oder dessen Arzneien fressen würde, aber es stellte sich heraus: Luise war ein Naturtalent. Ich dagegen musste so Einiges lernen, wie etwa zuzuhören, statt Ratschläge zu geben, die Realität des nahen Todes einfach hinzunehmen, anstatt alle um mich herum aufzuheitern, und damit umzugehen, dass diese Patienten sich nicht wieder erholen werden. Und niemals einem Patienten oder seiner Familie so etwas zu sagen wie: Kopf hoch, oder: das wird schon. Meistens wird das in diesen Fällen nämlich nichts mehr.
Luise hat auch einige Talente, die zu einer guten Krankenschwester machen: Sanftheit, Schicklichkeit, Geduld. Sie geht nie irgendwem auf die Nerven oder drängt sich auf. Sie kann für lange Zeit vollkommen still sitzen. Sie war bei Menschen mit Schmerzen, Menschen im Koma und solchen, die an Demenz litten oder gelähmt waren, entstellt und angstvoll. Sie navigiert vorsichtig zwischen Infusionsschläuchen und Sauerstoffgeräten. Auf diesen Stationen sind die Menschen oft sehr viel allein, weshalb manche Patienten richtig auf Luise warten. Ein junger Mann mit Gehirntumor z.B., auf dessen Schoß Luise ihren Kopf legte, während er schweigend ihr Fell streichelte, alles ganz still. Eine 80jährige Alzheimer-Patientin hatte monatelang kein Wort gesprochen, bis Luise sich halb auf ihren Schoß in den Rollstuhl legte: Da hörten die Krankenschwestern zu ihrem völligen Erstaunen, wie sie Luise von dem Hunden ihrer Kindheit erzählte. Einmal lernten wir eine 86jährige Dame kennen, die an Darmkrebs und Demenz erkrankt war und furchtbare Schmerzen hatte. Sie ließ sich kaum noch anfassen und schlug manchmal sogar nach den Pflegern, was es sehr schwer machte, sie zu waschen und zu pflegen. Als Luise ihr Knie berührte, hob sie reflexhaft die Hand und schlug dem Hund damit auf die Nase. Luise ging zurück, sah mich an und setzte sich hin, war aber völlig unaufgeregt. Ich sprach mit der Dame, die sich ständig den schmerzenden Bauch hielt und leise stöhnte, und als sie ihre Hand auf ihr Knie legen wollte, schob Luise plötzlich ihre Nase darunter. Die Dame erstarrte. Luise saß stocksteif, und ich sah, wie sich auf einmal ihre Hand über Luises Nase schloß. Dann lächelte sie. „Oh”, sagte sie, „oh, es ist ein Hund.” Die beiden saßen mindestens zehn Minuten lang so, vollkommen still, die Dame zusehends entspannter. Der Pfleger sagte, er habe sie bisher noch nie lächeln sehen.
Ich weiß nicht, warum die Besuchshunde den Patienten soviel Freude und Friedlichkeit geben können. Die Wissenschaft ist nicht sehr weit in diesem Bereich, und mir ist das Rätsel auch lieber, als die vielleicht profane Lösung. Vielleicht erinnern sich diese Menschen an fröhliche Hunde in fröhlichen Zeiten. Vielleicht ist es auch nur die warme Berührung, die zu ihnen durchdringt. Aber es ist schön.

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