Notizen aus der Anstalt

Die Sache mit den Pflegehunden ist ein bisschen wie mit den zehn kleinen Negerlein – einer nach dem anderen zieht um in ein neues Zuhause.

Olli und Fips sind schon seit Wochen ausgezogen, kommen aber regelmäßig zu Besuch. Nicht so ganz zur totalen Freude, weil Olli offenbar so unendlich froh ist, wieder ein eigenes Zuhause zu haben, dass er es mit allem Urin, den er zur Verfügung hat, auf Schritt und Tritt und an allen Ecken markiert.

Nicht lustig. Der zehn Monate alte Ludwig, der sowieso so pubertär ist wie ein 14jähriger Teenager (wenn er einem Zuneigung zeigen will, haut er einem versehentlich ein blaues Auge, wenn er sich freut, kann man mit einem todsicheren Kinnhaken rechnen), hat sich das ein paar Mal angesehen und dachte sich dann, „Was der kann, kann ich erst recht – und höher!“. Barthl fand dann auch, das letzte Signal sei hier noch nicht gesetzt –

Windelalarm

langer Rede, kurzer Sinn: nachdem ich eine zeitlang etwa vierzehn Mal am Tag gewischt und ungefähr zwölf Waschmaschinen mit angepieselten Decken, Kissen und Hundebett-Bezügen gewaschen habe, bestellte ich schließlich einen Satz Hundewindeln.

Seither habe ich meine Ruhe.

Gestern zog dann Lotta aus. Sie kam sozusagen ungeplant. Zwei Wochen nach Ankunft der drei kleinen Jungs fragte mich Sabine Peschke, ob ich sie auch noch nehmen könnte: Sie war furchtbar unterernährt, hatte auch große Hautprobleme und war in einem erbärmlichen Zustand. Und ich habe bis heute nicht gelernt Nein zu sagen, also holte ich sie ein paar Tage später ab.

Sie war so furchtbar dünn und erschöpft. Am Oberschenkel sieht man deutlich eine der vielen Kratzwunden

Die ersten vier Wochen schlief Lotta praktisch rund um die Uhr. Sie wollte das Haus nicht verlassen, die Wärme nicht, die weichen Hundebetten nicht, und schon gar nicht das Futter. Sie musste aber, denn weil ich sie permanent vollstopfte wie eine Weihnachtsgans, hatte sie eine prima Verdauung. Sie hatte auch Giardien, aber weil ich ihr – wie jedem der kleinen Rumänen – ständig meine Darmkur einflösste, hatten die Giarden es schwer. Wir fanden sie auch erst nach dem vierten Test (meine Tierärztin war überzeugt, ich hätte Halluzinationen, aber nach dem mikroskopischen Test fanden wir sie endlich.

Mit der Behandlung wachte Lotta langsam auf; kaum hatte sie kein Bauchweh mehr, begann sie, an ihrer Umwelt mehr Interesse zu haben.

Keine Angst vor komischen Tieren: Lotta beim Sonnenbaden mit Ernie & Bert

Ich weiß nicht, was ich spannender finde: die kleinen Geschichten, die Tierschutzhunde beiläufig über ihr Vorleben erzählen (die Selbstverständlichkeit, wie sie sich im Heu ein Nest baute oder sich ohne zu zögern im Ziegenstall in die Sonne neben Ernie & Bert legte, verrieten ziemlich deutlich, dass sie offenbar von einem Bauernhof kam – sie fand auch die Hühner komplett uninteressant und wunderte sich kein bisschen über Traktoren), oder wie schnell sie sich mithilfe von ausgewogener, gesunder Ernährung und ein paar „Tricks“ wie Bachblüten, Schüssler-Salzen, Probiotika und Shampoos erholen. Lottas Schrunden heilten, ihr Fell wurde dicht, glänzend und dunkler. Sie hatte schwere Narben am Hals und an den Innenseiten ihrer Schenkel, weil sie sich offenbar jahrelang furchtbar gekratzt hatte.

Lotta musste alle drei Tage gebadet werden und aufgrund des Winterwetters zum Trocknen einen Bademantel tragen, o Graus – durfte sich aber bei Nano trösten

Lotta ist eigentlich nicht besonders hübsch – also jedenfalls nicht “flashy”. Sie sieht aus wie ein ganz normaler struppiger Schnauzermischling von ca. vier oder fünf Jahren mit viel zu langen Krallen, merkwürdigen Ohren und einer seltsam getragenen Rute – aber sie hat unglaublich schöne Augen, einen sehr schönen weißen Schnauzbart und einen hinreißenden Gesichtsausdruck. Nachdem die Krallen geschnitten waren, bekam sie einen sehr hübschen, geradezu tänzelnden Gang. Jason, der Cavalier King Charles Spaniel einer Freundin, die für zwei Monate nach Neuseeland musste und ihn so lange hier untergebracht hat, fand jedenfalls, Lotta sei das hübscheste kleine Ding, das er je getroffen hatte. Er wich ihr nicht von der Seite, betete sie an, lag vor ihr, wenn sie im Hundebett lag, und wachte über jeden ihrer Schritte. Lotta nahm seine Huldigungen gnädig hin, sie wuchs an ihnen. Es war unglaublich niedlich, wenn sie Schulter an Schulter durch den Garten marschierten oder gemeinsam überprüften, ob ihnen Ziegen- oder Schafköttel besser schmeckten.

Vor zehn Tagen marschierte sie, die vorher Angst vor der Treppe gehabt hatte, plötzlich aus freien Stücken in den ersten Stock und legte sich aufs Sofa, als hätte sie das schon immer getan. Sie lag in meinem Arbeitszimmer in einem der Hundebetten mit den anderen und war bei aller neu gewonnenen Selbstverständlichkeit immer höflich und bescheiden. Gestern Abend lag sie neben mir auf dem Sofa halb unter meinem Arm und schnarchte leise, völlig entspannt und vertrauensvoll.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gestern früh zog sie in ihr neues Zuhause. Es ist ein wunderbares Zuhause, sie war begeistert von dem vorhandenen Jack Russell, die neuen Besitzer hatten ihr das gleiche Bett gekauft, in dem sie hier am allerliebsten gelegen hatten (eine Sicherheits-Mupfel). Wir machten noch zusammen mit ihren neuen Menschen einen kleinen Spaziergang, dann brachte ich sie ins Auto.

Es ist wirklich immer wieder wunderbar, aus einem kleinen, zerrupften, kranken Schlotterhündchen einen richtigen, gesunden Hund mit neuem Selbstvertrauen zu machen.

Aber als sie fortfuhr, standen Jason und ich ganz traurig da.

 

 

 

5 Kommentare

  1. ja, die Sache mit den Pflegehunden. Manche lässt man mit Trännen, wenn auch glücklich, ziehen. Bei manch einer ist die ganze Hundebande froh, dass sie endlich geht. Ich schwöre, ich kann sie hören, diese erleichterten Seufzer und das aufatmen :). Na ja, und dann gibt es noch die, die bleiben. Einfach weil man sie nicht mehr gehen lassen kann, weil es einfach passt mit dem Hundeverbund (nein, nicht ruden, was der Mensch zusammengefügt hat, ist kein Rudel). Und immer ist s richtig, so wie es ist.

  2. Tanja Kranich

    Tja, da geht es Ihnen, wie uns! Der eine Pflegi geht und hinterlässt eine große Lücke, andere ziehen einfach weiter, mancher bleibt…
    Wir sind nun bei 8 Hunden und das ist vorerst das Ende der Fahnenstange! Auch Pflegis nehmen wir vorerst nicht. Die Gruppe ist zu durcheinander von den vielen Neuerungen 2018, da muss erstmal Ruhe rein, denn es ist auch eine große Belastung vor allem für die älteren in der Gruppe!
    In diesem Sinne – ein frohes Neues Jahr!

  3. Ich finde sie total süß und toll, dass sie ein so gutes Zuhause gefunden. Und wie toll ich Ihr Engagement finde, ist sowieso klar, sollte aber auch gesagt werden.

  4. Genau – dem möchte ich mich anschließen: Vielen Dank, dass Sie mit Ihrem unermüdlichen Einsatz so viele Hundeleben von ‘krank/traurig’ in ‘gesund und einfach nur spitze’ verändern. Herzlichen Dank auch für Ihre Berichte und Bücher, die immer ein Highlight sind!
    Ein wundervolles Neues Jahr nach Bullerbü!

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