Partytime!

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Ich gebe es ungern zu, aber es muss einmal gesagt werden: Hunde sind lausige Gäste.
Das liegt daran, dass gut sozialisierte Hunde dazu neigen, sich nach Art eines Hundes von Welt überall gleich wie Zuhause zu fühlen. Und das ist, wie bei allen Gästen, eine gefährliche Sache: Wenn sie sich zu sehr „wie Zuhause” fühlen, wird es meist problematisch.
Hunde lieben Gesellschaft: Es steht ganz oben auf der Liste ihrer Bedürfnisse. Meine Großmutter hatte einen Dackel, den sie stets zu Gesellschaften mitnahm, die tagsüber gegeben wurden. Bauzi liebte Parties, rannte zwischen den Gästen herum, begrüßte alle mit großer Wärme, setzte sich dazu, wenn sich kleine Gruppen bildeten , und bediente sich mit völliger Selbstverständlichkeit der kleinen Canapées, die auf Tabletts auf niedrigen Tischen standen. Er zog unglaublich viel Aufmerksamkeit auf sich, so dass sich ein Großteil der Unterhaltungen um ihn drehten. Meine Großmutter schwor, dass genau dies seine Absicht war.
Bauzi war damals eine Ausnahme und wurde von allen Gästen als irgendwie reizende Extravaganz meiner Großmutter betrachtet. Aber mittlerweile sind Hunde ein ernsthaft zu kalkulierender Faktor bei Einladungen geworden. Ich erinnere mich sehr gut an den Golden Retriever einer Freundin, der fest davon überzeugt war, die ganze Welt wäre sein IKEA-Spielparadies. Sie brachte Drago zu einem großen Empfang in einem eleganten Garten mit; er passte mit seinem langen blonden Haar auch sehr hübsch in das Ambiente. Kaum angekommen, sprang Drago begeistert in den hellblauen Pool (ohne sich um eine Badehose Gedanken zu machen), schüttelte sich anschließend auf dem Rasen und schoß, begeistert von der Stimmung, die er ausgelöst hatte, ins Haus auf die hellen Sofas und hinterließ nasse Pfoten und Grasschnitt darauf. Dann raste er, angefeuert von den Gästen und seiner Herrin, die versuchte, ihn einzufangen, wieder nach draußen und warf mehrere Stühle und kleine Kinder um. Er konnte erst am Grill erwischt werden, wo er sich an ein paar Filets hielt, die noch darauf wartet hatten, gegrillt zu werden.
Das einst freundschaftliche Verhältnis zwischen Dragos Besitzerin und den Gastgebern ist seither merklich abgekühlt.
Schwierig auch, wenn Besucher davon ausgehen, dass sie ihren Hund mitbringen können, weil die Gastgeber ihrerseits auch Hunde haben. Meine eigenen Hunde sehen das sogar recht gelassen; sie sind es von Kindesbeinen an gewohnt, dass fremde Hunde sich in ihrem Territorium bewegen. Nur ich habe damit Probleme, wenn die jungen Rüden etwa mein Bett markieren (erst der Besuchshund, dann meine eigenen darüber: Schließlich können sie Fremdurin an dieser Stelle nicht einfach so stehen lassen) und anschließend – wer am höchsten pinkelt hat gewonnen! – noch die Vorhänge im Wohnzimmer.
Bei aller Hundeliebe ist man auf den eigenen Hund ja eingestellt, während Gastgeber mit fremden Hunden häufig überfordert sind. Meine Mutter nimmt es mit gequältem Lächeln hin, wenn ich sie mit vier Hunden besuchen komme, weil ihr eigener Rüde sich über die Abwechslung freut. Ich kann nicht abstreiten, dass es in der Vergangenheit immer mal wieder kleine Unwegbarkeiten gab: Weil das Haus so sehr groß ist, dachte mein Windspiel Harry, dass es keinem etwas ausmachen würde, wenn er in der winterlichen bayerischen Eiseskälte sein Geschäft im sehr weit entfernten, gemütlich-warmen Kaminzimmer verrichten würde. Obwohl das Problem längst geklärt wurde, werden seither alle Teppiche weggeräumt, sobald ich mich ankündige. Es ist dann zwar deutlich weniger gemütlich, aber sehr praktisch, keine Frage.
Meine Hunde sind es nicht gewohnt, dass Lebensmittel in Einkaufskörben auf dem Boden stehen, während meine Mutter von ihrem Hund nicht gewohnt ist, dass er die Einkäufe untersucht. Meine schwarze Pudelin Luise stahl eine Rehkeule aus der Speisekammer, die dort in bequemer Kniehöhe zum Auftauen lag und war gerade im Begriff, das angetaute Ende unter sich und ihren Kumpels aufzuteilen, als meine Mutter vom Einkaufen zurückkam und sie erwischte. Während sie dem schuldbewussten Tier das Abendessen abrang, untersuchte das Windspiel Fritz den Einkaufskorb, der in aller Eile abgestellt worden war, und fand zu seiner großen Freude unter Äpfeln, Zwiebeln und Porree verborgen 400g Roastbeef, das er sogleich verzehrte. Die Zeitungsfrau wiederum stellt die Belieferung meiner Eltern ein, sobald sie mein Auto vor dem Haus geparkt sieht, nachdem ihr eines sehr frühen Morgens gegen vier im Garten die bellende Luise begegnet war: In der Schwärze der Nacht hielt sie den eigentlich nur bauchwehgeplagten Hund für einen Höllenvieh, und arbeitet seither an Traumabewältigung.
Haben die Gastgeber dabei selbst keinen Hund, sind sie nicht sicher, wie sie gegenüber dem Besuchshund ihren Pflichten nachkommen sollen: einen Hundewassernapf haben sie womöglich nicht im Haus, aber hundelose Menschen schrecken häufig davor zurück, eine Salatschüssel zu zweckentfremden (Hundebesitzer sind da nicht so zimperlich). Wenn der Gasthund sich nicht so benimmt, wie die Gastgeber es von ihm erwarten, kann es eine Freundschaft stark gefährden, wenn sie nicht exakt den richtigen Ton finden. Es gibt eine Geschichte über den verstorbenen Hundefreund Gert Haucke, der an einem stürmischen Herbstabend zu einem Essen bei seinem Verleger nebst Gattin auch seine Englische Bulldogge mitbrachte. Der Hund lag unter dem Tisch und hatte so furchtbare Blähungen, dass es den übrigen Anwesenden schwer fiel weiterzuessen. Ob man den Hund nicht im Garten lassen könne, erkundigte sich der Gastgeber schließlich mit einiger Verzweiflung. „Natürlich nicht”, entgegnete Gert Haucke. „Aber wir können ja alle unser Dessert im Garten nehmen.”
Gute Freunde sprechen Einladungen manchmal sogar explizit „plus 1″ aus – in meinem speziellen Fall „plus 4″. Aber selbst dies kann zu Verwicklungen führen.
Kürzlich fiel meinem Hund Fritz bei einer solchen Gelegenheit eine Unregelmäßigkeit bei der Tischordnung auf: Er entdeckte einen leeren Platz neben einer Dame, deren Tischherr etwas verspätet erwartet wurde. Inzwischen gesellschaftlich absolut trittsicher, sprang er anmutig auf den leeren Platz und ließ sich dort mit einem souveränen Gesichtsausdruck nieder. Er erwartete natürlich nicht, dass ihm ebenfalls Canard de Confit serviert würde, aber er tat sein Bestes, um die Dame neben ihn zu unterhalten; ringelte seine Zunge liebevoll in ihr Ohr, rollte sich auf seinem Stuhl auf den Rücken und bot ihr seinen Bauch zum Kraulen an. Glücklicherweise haaren Windspiele kaum.
Ein bisschen aber doch, wie der fehlende Tischherr nach seiner Ankunft bald feststellen sollte.
Ich habe ihm später eine elegante Karte aus handgeschöpftem Papier geschickt mit einem Foto von Fritz, auf die ich schrieb: „Fritz tut es furchtbar leid, dass er einen so dramatischen Allergieanfall ausgelöst hat – aber wie sollte er das ahnen? Na: Schwamm drüber und bis bald.”

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