Wintersport

bildvom 3.1.2010

Skifahren mag ein spannender Wintersport sein, aber nicht unbedingt für jeden. Z.B. ist Skifahren nichts für Leute, die noch ganz bei Trost sind: Die überlegen sich bei Anblick von Skiern ganz genau, ob es wirklich eine gute Idee ist, sich zwei schmale, rutschige fremde Objekte an die Füße zu schnalle, sich dann auf einen gefrorenen Drahtstuhl zu setzen, um an einem gefährlich aussehenden Draht in schwindelnde Höhen transportiert und dort am Rande eines Abhangs abgesetzt zu werden, der so steil ist, dass selbst Gemsen Sicherheitsseile benutzen. Und dann, wenn man es auf wundersame Weise irgendwie den Berg herunter geschafft hat, ohne sich dabei umzubringen, soll man es NOCHMAL machen?
Für mich ist Skifahren also eher nichts. Ich habe mich stattdessen nach einer alternativen Wintersportart umgesehen, die mich nicht zwingt, mich allzu sehr mit der Erdanziehung auseinanderzusetzen, eine Wintersportart, die sich an mein Alter angemessen im Sitzen ausüben lässt: Und so kam ich auf Hundeschlittenfahren.
Dass Hunde durchaus in der Lage sind, einen schwer beladenen Schlitten zu ziehen weiß jeder, der je zwei oder vier Hunde an der leine hatte, während ein Eichhörnchen den Weg kreuzte. Selbst ein 5-kg-Windspiel kann in solchen Augenblicken eine Kraft ungeahnten Ausmaßes generieren, die sich wissenschaftlich kaum erklären lässt.
In diesem Fall handelte es sich um das Schlittenhundeteam einer Bekannten, die normalerweise Rennen in Schweden oder Kanada fahren, mir aber einen bescheidenen Einführungskurs gaben. 18 Hunde wurden in ihren Geschirren vor zwei Schlitten gespannt, und sobald den Hunden dämmerte, dass sie gleich losrennen dürften, fingen sie alle gleichzeitig an zu bellen mit ungefähr 270 Bellern pro Minute pro Hund. Ich würde sagen, dass unsere kleine Gruppe in diesem Moment für 85% der gesamten Geräuschkulisse und 95% der Urinproduktion der westlichen Hemisphäre verantwortlich war. Die Hunde waren kaum noch zu halten – die Schlitten waren fest an die Stoßstangen der Transport-Laster gebunden, und ich könnte schwören, dass die Transporter sich bewegten. Ich stellte mir vor, wie wir gleich hinter den Bergen am Horizont verschwinden würden – Hunde, gefolgt von Schlitten, gefolgt von Transportern, auf dem Weg in den Polarkreis, und niemand würde je wieder von uns hören.
Die Schlitten wurden losgebunden, und Woooooa schossen die Schlitten los, die Hunde selig vor Tempo und Adrenalin. Die Hundeführer riefen einzelnen Tieren Kommandos zu – jeder Hund läuft entsprechend seiner Persönlichkeit ein bisschen anders als die anderen. Ivan z.B. war ein hervorragender Arbeiter, der stark und gleichmäßig zog, während eine Hündin namens Laika eindeutig faul war: Sie watschelte eher, als dass sie zog. Wenn der Hundeführer „LAIKA!” brüllte, trabte sie für eine Weile, aber sobald sie das Gefühl hatte, er achte nicht mehr auf sie, zuckelte sie wieder vor sich hin. Würde Laika in einer größeren Firma arbeiten, würde sie einen Großteil ihrer Arbeitszeit mit privaten Telefongesprächen verbringen, das war eindeutig.
Aber die meisten Hunde liebten das Rennen. Tatsächlich ist es ziemlich schwierig, sie zum Anhalten zu bringen: Eine der wichtigsten Regeln bei Hunderennen, habe ich gelernt, ist es, NIEMALS vom Schlitten abzusteigen: Die Hunde lassen einen einfach allein in Eis und Schnee zurück.
Wir rasten über die Hügel, selbst Laika hatte den richtigen Gang gefunden. Die Sonne schien, vor uns lag glitzernd das verschneite Tal, der Wind blies uns um die Ohren, es war ein wundervoller Moment, und ich wollte nie wieder vom Schlitten absteigen, selbst wenn ich das Ding irgendwie hätte anhalten können.
Ich melde mich wieder, wenn wir am Südpol angekommen sind.

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